Wenn die Ferien anfangen oder die Schulanfänger eingeschult werden, denkt man als älterer Mensch mit gemischten Gefühlen an die eigene Schulzeit zurück. Es wird einem klar, dass das ja nur ein kurzer Abschnitt war, gemessen an dem, was dann das Leben an Lernaufgaben stellte. Das meiste lernt man doch in „der Schule des Lebens“, ob man will oder nicht, so erschent es mir in der Rückschau.
Es fällt mir keine konkrete Schule ein, wenn ich über meine Schulzeit schreib, da wir als Flüchtlinge nach dem Krieg öfter umgezogen sind und ich überall nur vier Jahre oder weniger wohnte. Trotzdem sehe ich vor meinem geistigen Auge ein düsteres, altes Gebäude mit schwarzen, öligen Holzfußböden, die ekelhaft nach Petroleum oder irgendetwas anderem rochen und glitischig waren.
Dass ich gerne zur Schule ging (ab Herbst 1947) und trotzdem Angst vor der Schule hatte, ist für mich kein Widerspruch, denn ich litt mit meinen Schulkameraden, die es sehr schwer hatten, weil sie nicht mitkamen. Sie bekamen dafür drastische Strafen in Form von Beschimpfungen wie „aus dir wird nie was“ oder „du bist doch das Dümmste, was mir je begegnet ist“ und noch schlimmer „ihr seid doch alle Inzucht, da braucht man sich ja nicht zu wundern“. Wir wussten nicht, was Inzucht ist, vermuteten aber Schlimmes. Wenn die Schüler den Lehrer ab und zu auch noch mit Absicht zur Weißglut brachten, neben der Tatsache, dass sie etwas nicht verstanden, dann gab es bei den Buben Schläge auf die blanke Rückseite oder auf die Handflächen. Bei den Mädchen glücklicherweise nur auf die Handflächen, die sogenannten Tatzen.
Es waren alte Lehrer und viel zu wenige für die vielen verschiedenen Kinder, die fast alle ihre Besonderheiten hatten, z.B. zurückgeblieben, unterernährt, unversorgt oder traumatisiert waren.
Die Handarbeitslehrerin war aus Berlin und fand es schrecklich, dass sie in ein solches Kaff im Badischen versetzt worden war. Dies ließ sie uns spüren in Worten und Taten. Wir mussten beim Nähen und Stricken mucksmäuschenstill sein, was uns als Kinder natürlich schwer fiel. „Wenn muntre Reden sie begleiten, dann fließt die Arbeit heiter fort“ dichtete Schiller, wie wir später erfahren haben. Dies hätten wir uns auch gewünscht, aber der strenge und düstere Blick von Frau Schwall ließ keine Heiterkeit zu. Dafür nannten wir sie „Schnall“, weil irgendeines der Kinder gehört hatte, dass das ein schlimmes Wort ist. Von ihr bekam ich die erste „Tatze“ mit dem hölzernen Metermaß, weil ich ein Lachen nicht unterdrücken konnte, nachdem meine Freundin ganz leise etwas Witziges gesagt hatte.
Ein anderer Lehrer verlangte 10 Pfennige in eine Kasse für jedes Fremdwort, das wir benutzten. Wir hatten keine Ahnung, was eigentlich genau ein Fremdwort ist, denn wir waren ja Erst- und Zweitklässler. Aber natürlich benutzten wir alle Wörter, die wir da und dort hörten, also auch Wörter von Erwachsenen, die vielleicht Fremdsprachen oder andere Dialekte beherrschten. Und so füllte sich die kleine Kasse und eine Scheu vor neuen Wörtern blieb bestimmt bei manchem Schüler für immer zurück.
Dieser alte Lehrer war auch unser Gesangs- und Musiklehrer. Seltsames Liedgut hatte er für uns parat aus der Jungvolkbewegung. Als er mit uns „Wer will mit uns nach Island gehn, den Kabeljau zu fangen“ einüben wollte, streikten wir, denn die Melodie war für einen Leichenzug sehr geeignet und hatte einen so tiefen Grundton, dass er uns Kinder total überforderte. Noch heute fällt mir diese Melodie manchmal ein, besonders an düsteren Tagen.
Eine der schönsten Erinnerungen an die Grundschulzeit ist das Fensterbrett im Klassenzimmer, das wir mit Moos belegen und mit Gänseblümchen, Veilchen, Schneeglöckchen, und anderen kleinen Wiesenpflanzen bepflanzen durften. Da wir sie mit den Wurzeln ausgruben und von den beschlagenen Fenstern immer Wasser herunterlief, gedieh alles prächtig und war in dem düsteren Klassenzimmer ein Lichtblick. Auch die Sandkiste in der Mitte des Klassenzimmers gefiel mir. Sie diente uns als anschauliche Landkarte, indem wir Berge und Täler, z.B. den Verlauf des Rheines von der Quelle bis zur Mündung formten. Es gab ja kaum Lernmaterial, Schreibhefte bekam man nur auf Bezugsscheine und die Landkarten des untergegangenen Deutschen Reiches waren offensichtlich verbrannt worden. Jedenfalls mussten wir uns die Karten selbst auf die Schultafel malen.
Musikinstrumente gab es erst in einer anderen Schule, die ich nach der Rückkehr meines Vaters aus der Gefangenschaft in einem anderen Wohnort besuchte. Dort wurde mit Geldern des Marshallplanes und mit einer Spende von General McCloy eine ganz neue, sehr moderne Schule gebaut, die große, helle Räume, große Fenster, einen Musikraum und sogar eine Lehrküche hatte.
Ich bekam vom Flohmarkt eine Handharmonika und ging nun nachmittags mit anderen Schülern zu dem Rektor unserer Schule in die Wohnung und lernte das Instrument. Dieser engagierte Lehrer gründete ein Schulorchester, das er bis zur einfachen Konzertreife führte.
Bei der Einweihung dieser Schule herrschte schon eine ganz andere Stimmung unter den Erwachsenen und den Schülern. Es war der Anfang der Aufbruchsstimmung, die noch einige Jahre in Deutschland anhalten sollte. Alle glaubten an bessere Zeiten. Ich wurde dazu ausgewählt, bei der Einweihungs-Feier General McCloy ein Blumensträußchen zu überreichen. Seltsamerweise bin ich die Einzige, die keine Erinnerung mehr daran hat, obwohl mich meine Schulkameraden oder andere Menschen aus diesem Ort immer wieder darauf ansprechen. Ich erinnere mich nur, dass ein Schulkamerad mir eine Tafel Schokolade mitgebracht hatte und sie mir nach dieser Zeremonie vor dem Schulhaus überreichte. Vermutlich war es die erste Schokolade, die ich bekommen hatte und ich weiß noch heute, dass ich Skrupel hatte, sie zu nehmen, weil ich eigentlich für einen anderen Jungen schwärmte, natürlich nur ganz aus der Ferne.
In dieser neuen Schule war das Lernen eine Freude. Es gab eine Lehrerbibliothek, die ich benutzen durfte, weil mein Klassenlehrer meine Lesefreude unterstützen wollte. Wir hatten als Flüchtlinge natürlich zu Hause keine Bücher (außer der Bibel) und so las ich mich quer durch diese Bibliothek, was mein Hobby blieb bis heute. Noch manch andere private oder öffentliche Dorf-Bücherei habe ich fast leergelesen und später immer wieder auch ehrenamtlich in der Ausleihe geholfen, fast bis zu meinem Rentenalter.
Nach dem Ende der Volksschule wurde meinen Eltern ein Stipendium für mich angeboten, das mir ein Lehrerstudium an einer pädagogischen Hochschule ermöglichen sollte. Nach langer Überlegung beschlossen meine Eltern, dass sie es nicht annehmen. Sie wollten keine Almosen, wie sie es nannten. Mein Vater hatte schon ein Jahr vorher meine nur ein Jahr ältere Schwester in einer Höheren Handelsschule in der Kreisstadt angemeldet und meine Mutter fand, dass es ungerecht wäre, wenn ein Kind studiert und das andere nicht. Also machte auch ich die Aufnahmeprüfung für die Handelsschule und schloss diese Ausbildung nach zwei Jahren mit Erfolg ab. Alle Schüler waren sehr fleißig, ehrgeizig und kamen aus vielen kleinen Orten des Umlandes. Das führte dazu, dass es keinen Zusammenhalt gab und dass wir uns alle ziemlich fremd blieben. Es gab damals ganz wenig Ausbildungsplätze oder Arbeitsstellen. Dies führte in den letzten Wochen vor der Abschlussprüfung zu einem unschönen Wettbewerb um die wenigen Lehrstellen. Ich hätte gerne in einer Behörde oder einer Bank angefangen. Diese Stellen waren aber alle durch die Kinder besetzt, deren Eltern Beziehungen hatten. Die Tochter eines Gymnasiallehrers bekam eine Lehrstelle bei der größten Bank der Kreisstadt und ich erinnere mich, dass ich sie sehr beneidete. Ich musste eine Stelle bei einem Holzhandel am Rande dieser Kreisstadt annehmen. Leider hatte ich einen sehr langen Anfahrtsweg mit der Bahn und einen halbstündigen Fußweg durch einen Schlosspark zu bewältigen, um dorthin zu kommen. Ein knappes Jahr später sah ich im Garten des Nachbarhauses neben der Holzfirma mitten im Winter eine ziemlich abgemagert und durchgefroren aussehende junge Frau, die von Hand Babywindeln in einem Eimer wusch. Es war die Schulkameradin, die die Stelle bei der Bank bekommen hatte. Ich habe sie weder um das Baby noch um die Windeln beneidet. Es war mir klar, dass das ihr Lebensweg für die nächsten Jahrzehnte sein würde, denn die Frauen blieben damals nach dem ersten Kind zu Hause, meistens für immer.
Der Umgang mit Zahlen machte mir keine Freude und entsprach auch nicht meiner Begabung. Deshalb hatte ich wenig erfreuliche Erlebnisse an der Höheren Handelsschule und auch später nicht an meiner Arbeit in der Rechnungsabteilung der Holzfirma, in der ich allerdings sehr viel über Hölzer, Furniere, Preiskalkulation und den Umgang mit Menschen lernte. Noch heute kann ich bei Möbeln sehr gut sehen, ob es gutes oder schlechtes Furnier ist, ob deutsches oder ausländisches Holz und wie die Verarbeitung der Oberfläche ist.
Einen Lichtblick gab es jedoch in dieser Zeit. Es war der Deutschlehrer in der Handelsschule, der mich und auch viele andere für den Umgang mit der deutschen Sprache und der Literatur allgemein begeisterte.
Alles in allem kann ich sagen, dass ich immer wissbegierig und neugierig war, gerne zur Schule ging, aber das Meiste dann doch „in der Schule des Lebens“ lernte. Ich habe während meiner ganzen Berufstätigkeit und auch später noch als Hausfrau und Mutter Kurse in der Volkshochschule besucht. Als sich mit 25 Jahren der Plan einer Auswanderung in die USA nicht realisieren ließ, ich aber meine Arbeitsstelle (wieder in einer anderen Gegend, einem anderen Ort) bereits gekündigt hatte, nahm ich alle meine Ersparnisse und ging für 3 Monate nach England, wo ich das Lower Cambridge Examen machte. Ich war auf dem Wege das nächste Examen, das Proficiency abzulegen, als leider meine Mutter sehr krank wurde und mich bat, sofort zurückzukommen und sie zu pflegen. Obwohl ich drei Schwestern habe, begrub ich alle meine Pläne und ging zurück. Keinen Moment habe ich überlegt, dass diesen Verzicht doch eigentlich auch meine Schwestern hätten leisten können.
Das Schicksal half mir jedoch danach insofern, als ich nach längerer Zeit, in der ich in einer Gemeindeverwaltung und auch kurze Zeit in einem großen Industrieunternehmen gearbeitet hatte, meine absolute Traumstelle fand. Ich bekam die Stelle der Chefsekretärin des Leiters des Auslandsamtes einer süddeutschen berühmten Universität. Nach einigen Jahren wechselte ich zum Philosophischen Seminar, wo ich als Institutssekretärin die kaufmännischen und verwaltungstechnischen Belange selbstständig erledigte. Dort gab es selbstverständlich eine Bibliothek, die auch mir zur Verfügung stand. Ich hätte Jahrhunderte dort bleiben müssen, um alles zu lesen.
Mit meiner Heirat endete dann diese Phase meines Berufslebens und ich zog zu meinem Mann in eine andere Stadt. Das Leben hatte nun andere Lernziele für mich parat, von denen ich zum Glück noch nichts wusste. Es war jedenfalls noch lange nicht das Ende meines „Schulungsweges“ und ist es nicht bis auf den heutigen Tag.