Feed on
Artikel
Kommentare

Ein Abend im Garten

 

Sie legt noch die Löffel neben die sechs Gedecke auf dem runden Gartentisch und geht einen Schritt zurück, um das Gesamtbild zu betrachten. Wie schön, nochmal  an einem Spätsommerabend draußen sitzen zu können, gerade jetzt, wo sie Ingrid, eine Freundin aus der Schweiz, wiedersehen sollte. 25 Jahre hatte sie nichts mehr von ihr gehört, nachdem Ingrid damals Johannes geheiratet hatte. Nach der Geburt der Tochter (eine Geburtsanzeige erhielt Elira noch) waren beide dann von Luzern nach Zürich gezogen und der Kontakt zwischen den Freundinnen war abgerissen.

Heute nun hatte sich Ingrid zu einem Kurzbesuch angesagt. Auf der Rückfahrt von Helgoland wollten sie und ihr Mann in H. aussteigen (es ist etwa die Mitte der zu fahrenden Strecke) und zwei Stunden später nach Zürich weiterfahren. Übers Internet hatten sich die Freundinnen vor ein paar Monaten nach einigem Suchen wiedergefunden, kurz bevor die beiden Schweizer in Urlaub nach Helgoland fuhren. 

Ingrid ist ein Glückspilz, sinniert Elvira, die Gastgeberin, während der Vorbereitungen so vor sich hin. Alles ist ihr gelungen; die Heirat mit einem Kollegen, die Geburt einer gesunden Tochter - genau, wie sie es sich damals gewünscht hat, als wir uns zuletzt gesehen haben, vor langer Zeit.

Nun noch schnell die Windlichter und die Kerzen anzünden, den Obstsalat mit einer Folie abdecken - uff, das wäre geschafft. Elvira hört, dass ihr Mann schon das Auto aus der Garage fährt, um die Gäste vom Bahnhof abzuholen.

Ria und Roland, die engsten hiesigen Freunde sind schon da und schlendern im Garten umher, wobei Ria laut ihre Kommentare zu der einen oder anderen Pflanze abgibt..

„Kommt bitte“, ruft Elira ihnen zu, wir trinken noch in Ruhe zusammen ein Bitterlemon - später wird es ja etwas hektisch und wir werden nicht viel Zeit zur Unterhaltung haben. Dann haben wir das unvermeidliche Thema „Oskar“ schon hinter uns, wenn die schweizer Gäste eintreffen, denkt sie. Oskar ist der inzwischen 35-jährige Pflegesohn von Ria, die außerdem drei eigene Kinder hat. Als frühere Heilerzieherin hatte sie in ihrem ersten Ehejahr und nicht lange nach der Geburt ihres ersten Kindes den kleinen Oskar aus dem Heim zu sich genommen, was gut für Oskar und schlecht für ihre Ehe war. Eine endlose Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen.- Zur Zeit ist Oskar wieder einmal arbeitslos, kommt aber mit Sozialhilfe und Rias zeitweiliger Hilfe einigermaßen klar und hat seit Kurzem eine eigene kleine Wohnung. So lange er „trocken“ bleibt, wird er zurechtkommen, seufzt Ria und ihr Mann verdreht die Augen zum Himmel. „Mit Gottes und unserer Hilfe“, sagt er, wird es wieder eine Weile gut gehen. 

Inzwischen kommt Hans vom Bahnhof mit den beiden Schweizern zurück.  „Wie schön, Dich wiederzusehen, schmal bist Du geworden“, meine liebe Ingrid. „Hallo Johannes, endlich lernen wir Dich kennen. Setzt Euch bitte - was möchtet Ihr trinken“?

Nach einer turbulenten Phase des Begrüßens, Schauens, Fragens sitzen alle und Elvira trägt den Pounti auf, einen Kräuter-Eierkuchen aus der Auvergne. Der Korb mit dem Weißbrot wird herumgereicht, Johannes berichtet von den vielen Reisen, von seiner und Ingrids Arbeit als Lehrer; er spricht für beide. So viele Reisen, so viel gemeinsame Arbeit, wie schön das sein muss, denkt Elvira mit einem kleinen Anflug von Neid. Ingrid, die früher so Gesprächige, sagt kaum etwas. Die ehemals selbstbewusste Schweizerin, die Elvira damals beim Ferienkurs in Bournemouth kennengelernt hat,  scheint in dieser Ehe den Part des Zuhörers zu  haben. Verwundert sieht Elvira die so veränderte Freundin an, die ihrem forschenden Blick ausweicht.  

Ein Handy klingelt, Ria springt auf, entschuldigt sich kurz und sagt, dass sie schnell nach Hause müsse.

„Wie schön die Muster sind, die die Zweige der Bäume als Schatten auf die helle Hauswand werfen“,  sagt träumerisch Ingrid und lehnt sich entspannt zurück. „Ja,“ sagt Hans, Elviras Mann, „und wie laut die Musik aus Nachbars Garten herüberschallt“. Mal abwarten, was für eine Ausrede für den Lärm sie sich diesmal basteln werden, setzt er noch hinzu.- Elvira trägt das Geschirr ins Haus - es ist ihr lästig, ihren Mann daran zu erinnern, dass er ihr helfen wollte. Als sie zurückkommt, sagt Hans gerade, dass er morgen endlich die Hecke schneiden wird - und Elvira denkt, dass er das schon vor einer Woche hätte machen können.-

Fruchtfliegen tanzen über dem Obstsalat, die flackernden Windlichter haben sie angelockt.-

Johannes, ganz Lehrer, zitiert Rilke: „Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß, leg‘ deinen Schatten auf die Sonnenuhren -“, weiter kommt er nicht, da Ria gerade zurück kommt. Sie flüstert ihrem Mann etwas ins Ohr. Trotz der Dunkelheit sehen alle, dass er blass wird. „War es Oskar „ - fragt Elvira, aus der Küche kommend, und Ria nickt nur kurz. Woher weißt Du es, fragt Roland die nun neben ihm sitzende Elvira. Vorhin, als ich in der Küche war, hörte ich  im Radio „….ein 35jähriger Mann,  … ertrunken im Neckar“  sagt Elvira und fügt hinzu: „Alkohol, eine Mutprobe, vermutet die Polizei“. Ria sagt leise: „Das war Oskars letzter Sommer.“ Ich erzähle es euch später. Die Gastgeberin ist ihr dankbar, dass sie jetzt schweigt, denn der kurze Aufenthalt von Ingrid sollte von diesem traurigen Vorfall nicht mehr als nötig überschattet werden. 

Jeder hängt eine Weile seinen Gedanken nach. Es ist immer noch warm, ein leichtes Abendrot im Westen, ab und zu zieht eine langezogene Wolke darüber hin.  

Später fährt Elvira die Gäste zum Bahnhof. „Du hast gar nichts von eurer Tochter erzählt,“  sagt sie zu ihrer Schweizer Freundin. „Ich wollte uns allen den Abend nicht verderben „ - erwidert diese. Und sie sieht plötzlich alt und müde aus. „Schreib‘ mir bitte“, sagt Elvira zu der aus dem Abteilfenster winkenden Ingrid. „Sobald ich zu Hause bin, schreibe ich dir, wie das alles passiert ist mit unsere Tochter“, ruft Ingrid noch, als der Zug schon rollt. Neben ihr steht ihr Ehemann, er wirkt wie versteinert. Das klingt nicht gut denkt Elvira, als sie die Bahnhofshalle verlässt. Ein Schatten also auch auf diesem Paar. 

„So ein schöner Sommerabend“; geht es Elvira durch den Kopf und lässt sie kurz aufseufzen, als sie nach der Rückkehr vom Bahnhof von der Garage aus auf die im Kerzenlicht sitzende Gruppe im Garten zugeht.

Man sollte die Zeit anhalten können … ! Unwillkürlich verlangsamt sie ihre Schritte. Wenigstens noch ein paar Sekunden möchte sie das Gefühl genießen, dass die Welt heil ist dort im Lichtkreis. 

 

 

Vor langer Zeit, als es noch kein elektrisches Licht, keine Autos, kein Fernsehen und natürlich auch keine Computer gab, da lebte ein kleines Mädchen mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in einem Häuschen am Ufer der  Nahe, dort, wo der kleine Fluss in den Rhein mündet. Der Vater war Fährmann und Fischer. Mutter hielt das Hauswesen in Stand, betreute die  Kinder, hatte einen großen Hausgarten zu versorgen, zu dem eine Ziege, ein paar Schafe, Gänse und ein Dutzend Hühner gehörten. Die Kinder, außer der Kleinsten,  deren Name Lisette war, halfen ihr so gut sie konnten. Die drei großen Buben hüteten  die Ziege, die drei Schafe und die Gänseschar, hackten und jäteten und trugen die  schweren Gießkannen im Garten. Die Schwestern zupften Unkraut aus den Beeten und  die kleine Lisette durfte die Körner für die Hühner ausstreuen und die Eier aus den  Nestern in ein Körbchen sammeln. 

Am Abend brachte die Mutter den Mädchen das Spinnen der Schafwolle bei und am Tage das Nähen. Wenn die Mutter die Mahlzeiten zubereitete, halfen die Kinder eifrig mit und lernten dabei allmählich  auch kochen. Vor dem Haus stand ein großer Baum, auf dem die Kinder  herumkletterten und “Burgfräulein“ oder „Vogelnest“ spielten. Auch ein  Hündchen und mehrere Katzen gehörten zur Familie. Das Häuschen hatte eine sehr große Wohnküche, in der sich die einzige  Feuerstelle des Hauses befand. Die Wärme stieg durch die vom Rauch geschwärzte  Holzdecke hinauf in die Kammer unter dem Dach, wo auf den Dielen Stroh und  getrocknete Maisblätter aufgeschüttet waren als Nachtlager für alle Kinder. Saubere  Laken aus Nesselstoff waren darüber gebreitet und dicke Daunenbetten schützten die  Kinder vor der Kälte, die durch die Dachritzen hereinwehte.  

Da es damals nur ein Kienspan-Licht im Hause von einfachen Leuten gab, konnte man am Abend nicht viel tun und die Menschen mussten früh schlafen gehen, besonders die Kinder. So war es auch im Hause des Fährmans Hilmar und seiner Frau Barbara. Die Geschwister, die ja alle in Reih und Glied oben auf dem Strohbett lagen, alberten meist noch eine Weile herum  und erzählten sich Geschichten von Räubern, Bettlern, Königen, Prinzessinnen und  auch von Teufel und Belzebub und manch anderen schaurigen Dingen und schliefen  müde von der Tagesarbeit dann irgendwann ein. Nur die dreijährige Lisette schaute immer, wenn Vollmond war, nachts aus dem Dachfensterchen hinaus in das Dunkel, hinüber zu einem Berg, der sich vom Ufer des  Rheins aus steil emporhob. Im Dämmerlicht sah das Kind auf dem Gipfel ein Schloss, wie aus den Märchen, die früher die Großmutter erzählte. Einmal hatte Lisette auch eine dunkle Gestalt vor dem roten Feuerball der untergehenden Sonne entdeckt. Die Gestalt  sah mit ihren kleinen Hörnern und flatternden Flügeln wie eine große Fledermaus aus.

Niemanden wagte das Kind zu fragen, denn dann hätte es zugeben müssen,  dass es  nachts nicht schlief. Nur ihr großer Bruder hatte Lisette einmal am Fenster entdeckt und mit einem Grinsen zu ihr gesagt: „Pass nur auf, dass Dich der Teufel nicht holt, der dort oben  mit Hexen und Geistern im Schloss wohnt. Auf halbem Wege zum Berg habe ich in  einer Höhle Knochen entdeckt, als ich die Ziege suchen musste. Wer weiß, ob da nicht ein Menschenfresser haust!“ Die kleine Lisette  erschrak bis ins Herz und fürchtete sich sehr. Im Herbst, als die Dunkelheit sehr früh hereinbrach, bewegten sich  Irrlichter zwischen den Bäumen. Das war dem Kind unheimlich. An einem kalten, sonnigen Nachmittag sah es eine große Anzahl von Fahnen sich vom Rhein aufwärts zum Berge bewegen. Wer diese Fahnen trug, war nicht zu  erkennen, da der große Baum vor dem Haus die Sicht dorthin teilweise  verdeckte. Es sah aber etwas Goldenes blitzen, das wie die Krone eines  Königs aussah. Seltsame murmelnde Töne trug der Wind herüber. Auch  dunkle Schatten, die sich wie eine Schlange am Horizont bewegten, waren  zu sehen. Das Kind fürchtete sich mehr und mehr. Es getraute sich nicht,  das Gesehene weiterzuerzählen, da es den Spott der Geschwister und den  Tadel der Eltern fürchtete.   An einem trüben Winternachmittag kam eine bucklige, vermummte Gestalt die Dorfstraße entlang. Das Kind erstarrte, als es beim Näherkommen das pockennarbige, hakennasige Gesicht sah und es drückte sich Schutz suchend an die Hauswand. „Geh weg, geh‘ weg, du alte Hexe“, wimmerte  es. Die alte Frau aber setzte ihren Henkelkorb auf die Erde, beugte  sich zu der Kleinen und sagte: „Du brauchst keine Angst vor mir zu  haben. Ich bin doch nur das Kräuterweib von Bermersheim und komme vom  Kloster Rupertsberg oben. „Und was hast du dort gemacht?“. „Wie schon  oft, habe ich der Äbtissin Hildegard einen Korb getrocknete Kräuter  gebracht , die ich im Sommer im Klostergarten auf dem Disibodenberg  gepflückt habe, damit sie daraus Arznei und Likör machen kann. Als die  Klosterfrauen noch im Kloster Disibodenberg am linken Ufer der Nahe  lebten, hatten sie einen großen Garten angelegt mit vielen  Heilkräutern. Nun haben sie ihre Frauenklause auf dem Rupertsberg am  Rhein und der dortige Garten ist noch nicht hergerichtet für die Anzucht von Gemüse  und Kräutern.“ „Ist das weit weg von hier“, fragte  das Kind. „Einen ganzen Tagesmarsch brauche ich hin und einen  Tagesmarsch zurück. Über Nacht schlafe ich in der Drusenhöhle auf  halbem Wege hinauf zum Berg.“

 „Was ist eine Drusenhöhle“, wollte Lisette  wissen. „Das ist eine Höhle, in der Menschen schon vor tausend Jahren ihren Göttern Opfer brachten oder Schutz vor Gefahr suchten. Noch vor kurzer Zeit lebte  dort ein heilkundiges Kräuterweiblein, das viele Leute eine Hexe nannten. Bei ihm habe ich gelernt, welches Kraut oder welche Wurzel das richtige Mittel gegen so manches Gebrechen ist. Die  heilkundige Frau ist in der Nähe der Höhle auch begraben“. 

Die Alte nahm ihren Korb auf und murmelte: „Nun muss ich gehen, ich habe  einen Tagesmarsch hinter mir, Kind, und bin staubig und müde.“Schnell  fragte Lisette noch nach dem Teufel, den es im Abendrot gesehen hatte.  „Was für einen Teufel“, wunderte sich die Alte. „Ach, du meinst wohl den  Mönch Vollmar mit seiner Kapuze und seiner braunen Kutte? Der geht  einmal im Monat heim zu den Benediktiner-Mönchen drüben auf dem  Disibodenberg. Die meiste Zeit wohnt er auf dem Rupertsberg bei den Nonnen. Er dient ihnen als Beichtvater, als Berater und vor allem als Schreiber für die Äbtissin Hildegard. Er schreibt auf, was die innere Stimme ihr  aufträgt. Man sagt, dass Gott zu ihr spricht!“

„Aber die Lichter, die hin und her wandern am Abend“, fragte das Kind. „Das sind die  Fackeln der Nonnen bei ihrer abendlichen Prozession. Sie singen dabei geistliche  Lieder, die die Äbtissin geschrieben und in Noten gesetzt hat.“ 

“So, und jetzt ab ins Haus, kleine Kinder sollten um diese Zeit nicht  mehr auf der Straße sein“, sprach die Alte und gab ihr zum Abschied einen runzeligen  Apfel. 

Das Kind bedankte sich artig und ging ins Haus. An diesem Abend, nachdem der Vater wie immer die Laute gespielt und die Mutter den  Kindern ein Nachtlied dazu gesungen hatte, nahm Lisette allen Mut  zusammen und fragte den Vater nach den „Fahnen“ und der „Krone“, die  auf dem Weg zum Rupertsberg hinauf geblitzt und geblinkt hatte wie Gold. Auch nach dem „Gemurmel“ vom Rupertsberg her wagte sie zu fragen.  Da lachte der Vater und erzählte, dass er den Bischof von Mainz, sein ganzes Gefolge mit den Pferden, den Fahnenträgern, den Knappen und den  festlich gekleideten Priestern vor einiger Zeit mit der großen  Rhein-Fähre übergesetzt hatte. Der Bischof zu Pferde trug dabei die  Monstranz, die golden in der Sonne und am Abend silbern im Mondenschein blinkte. Der Bischof war auf dem Wege zum Frauenkloster der  Hildegard von Bingen gewesen, um dort einen hohen Festtag mit den  Klausnerinnen zu feiern, da er der Schutzherr dieses Klosters ist.

 „Kein König und keine Krone?“, seufzte Lisette und sah den Vater  enttäuscht an. 

Aber von da an schlief das Mädchen wieder wie ein  Murmeltier. Nur ab und zu in Vollmondnächten schaute es hinauf auf den Berg. In  diesen Nächten träumte es dann von Königen und Schlössern, von Teufeln, Hexen und tanzenden Irrlichtern.

Immer häufiger träumte es aber  auch von Klosterfrauen und schönen Gesängen und von einer  schreibkundigen Nonne, die Lisette hieß und alles aufschrieb, was sie wusste über Heilkräuter und die Heilung von Kranken. Auch  alles was sie gehört hatte über die weise und mutige Äbtissin Hildegard  vom Rupertsberg bei Bingen schrieb die kluge Lisette mit einer Feder in ein großes Buch in diesen Träumen.

Die Mutter, die in der Nacht nach ihren Kindern schaute, sah ihre kleine Tochter lächeln im Schlafe.

 

Gerade habe ich den letzten Rest der stinkenden Beinwell-Jauche an meine Tomatenpflanzen im Garten gegossen, habe mich gefreut, dass die Blätter der Tomaten seit einigen Tagen dank dieser Behandlung so schön grün geworden sind und sich schon einige schöne Fruchtansätze in Kirschgröße (je nach Sorte auch größer) zeigen. da lese ich in der Tageszeitung, dass ein Film über Hildegard von Bingen gedreht wird, der 2009 in die Kinos kommt. Das ist nun wirklich ein Grund zur Freude, denn nicht nur die Verwendung von Beinwell (latein. Symphytum, engl. Comfrey) als Pflanzenjauche, Umschlag, Salbe, Tinktur oder Tee bei stumpfen Verletzungen aller Art sowie bei Durchblutungsstörungen geht auf Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) zurück, sondern eine Unzahl von anderen medizinischen Anwendungen von Kräutern. Ich verwende z.B. seit Jahren Galgant-Pulver, Bertram, Diptam, Ysop und Ingwer fast täglich in der Küche. Der von Hildegard von Bingen so hoch geschätzte Dinkel als Brot, Teigwaren oder Müsliflocken sind aus meinem  Alltag schon lange nicht mehr wegzudenken.

Nachdem es nun schon so viele Filme über (in meinen Augen oft zweifelhafte oder verzweifelte)  s t a r k e  Frauen gibt, freut es mich um so mehr, dass sich endlich Margarete von Trotta als Regisseurin und Markus Zimmer als Produzent der Lebensgeschichte einer wirklich starken Frau annehmen und ihr zu dem Bekanntheitsgrad verhelfen werden, der ihrem vielseitigen Wirken entspricht. Die Klosterfrau Hildegard war eine Mystikerin des Mittelalters, die sich im Rahmen ihres Daseins als Ordensfrau für alle Belange der Menschen um sie herum interessierte. Mit einer seherischen Gabe ausgestattet, schrieb sie eine Reihe von Werken, in der sie sich über die Art und Weise äußerte, wie der Mensch leben soll.

Sie gibt medizinische, religiöse, pädagogische, soziologische Anregungen und macht sich im wahrsten Sinne des Wortes Gedanken „über Gott und die Welt“. Auch politische Fragen ihrer Zeit ließen sie nicht kalt, so dass sie es wagte, sich einzumischen in das Tun und Lassen von weltlichen und geistlichen Würdenträgern und  Amtspersonen ihrer Zeit. Das brachte ihr selbstverständlich viel Ärger ein, schwächte zeitweise ihre Nerven und bescherte ihr körperliche Leiden, machte sie aber letzten Endes stärker als zuvor.

Diese Klosterfrau, die als Novizin auf dem Disibodenberg und zuletzt als Äbtissin im Kloster Rupertsberg lebte, hat weit über Ihre Umgebung und ihre Zeit hinaus gewirkt. Dies nicht zuletzt auch durch ihre Kompositionen (im gregorianischen Stil), die es sogar heutzutage auf CDs gibt. Literatur über Hildegard von Bingen gibt es reichlich. Allein die Werke, die sie selbst geschrieben hat bzw. diktiert hat, sind eine Quelle des Wissens, des Staunens, der Freude über diese Welt, in der sie lebte und in der wir leben. 

Ich weise noch hin auf meinen vor längerer Zeit ins Netz gestellten Text „Kohl und Beinwell machen der Äbtissin Beine“. Heute stelle ich noch ein kleines Märchen für Jung und Alt aus der Zeit und der Welt um den Disibodenberg herum in meinen Blog. Es geht um ein kleines Mädchen, das die Welt anders wahrnimmt als die Erwachsenen, besonders nachts, wenn es nicht schlafen kann. Es muss erfahren, dass nicht alles was glänzt eine Krone ist.

Weil es heute wieder so gut geschmeckt hat, stelle ich das Rezept ins Netz. Ich habe keine Ahnung mehr, woher ich das Rezept habe. Egal, ich kann es empfehlen! 

 

Rezept für 4 Personen

Zutaten:

1 Hähnchen, ca. 700 g

Salz, weißer Pfeffer

2 Essl. Butter od. Margarine

1 Essl. Öl

5 Essl. Calvados

250 g Zwiebeln

500 g Äpfel (Gravensteiner oder Glockenäpfel)

1/8 l Sahne

1 Bund Petersilie                                                               P.P. ca. 650 kcal

 

Zubereitung:

Das Hähnchen häuten und in kleine Stücke teilen. Rundum salzen und pfeffern. In der heißen Fettmischung von allen Seiten kräftig anbraten. Herausnehmen und beiseite stellen. Das Fett abgießen und mit dem Calvados ablöschen. 

Die Zwiebeln schälen, vierteln und vom Kernhaus befreien. Die Schnitze nochmals halbieren und mit den Zwiebeln in den Bräter geben, salzen, pfeffern und bei milder Hitze 15 Minuten schmoren. Die Sahne unterrühren und aufkochen.

Die Hähnchenteile hineinlegen, Topf zudecken und bei milder Hitze in 25 Minuten fertiggaren. Petersilie abbrausen, abzupfen und bis auf einige Blättchen fein hacken. Unter die Soße rühren.

Restliche Blättchen über das Hähnchen streuen. Uns schmecken dazu am Besten breite Nudeln oder ab und zu auch Reis oder Kartoffelpüree. Und natürlich ein kühler Cidre.

 

Jeder von uns hat das schon mal erlebt: Man denkt tagelang intensiv an jemanden, nimmt sich vor, ihn anzurufen. Das Telefon klingelt und man weiß - das ist er oder sie. Fast immer ist es tatsächlich die Person mit der man gedanklich so beschäftigt war. Ist das nun Zufall - oder ist es ein Zusammentreffen von verschiedenen Gegebenheiten, die in der Summe den Anruf notwendig gemacht haben? Denn meist geht ja solchem Nachdenken oder sich Erinnern an eine bestimmte Person zumindest im Unterbewußtsein eine Folge von Ursachen voraus. Sei es, dass man sich schon lange für irgendetwas zu bedanken hat bei dem Betreffenden, dann ist es das Schuldgefühl für das Versäumnis, das einen umtreibt. Oder es steht in Kürze ein Ereignis an, das mit der Person zu tun hat, an die man denkt wie z.B. der bevorstehende Geburtstag, Weihnachten,  ein geplantes Klassentreffen,  eine gemeinsame Sache, für die man evtl. Informationen von der Person erhofft, an die man gerade so intensiv denkt.-

Es gibt viele Menschen (auch Wissenschaftler wie Physiker, Philosophen, Psychologen, Parapsychologen sowie das weite Feld der Esoteriker), die vermuten, dass solche Zufälle, wie oben geschildert, auf einer feinstofflichen Ebene zustande kommen, die sich mit unserem normalen Wachbewusstsein und dem Verstande nicht fassen lassen, die gewissermaßen in einer zweiten Wirklichkeitsschiene stattfinden, die nur unserem Unbewussten zugänglich ist. Im Falle des Telefonanrufes haben sich dann die Gedanken der einen Person auf dieser zweiten Bewusstseinsebene mühelos  mit den Gedanken der anderen Person „kurzgeschlossen“ und gegenseitig den Wunsch erzeugt, im Wachbewusstsein entweder diesen Anruf zu tätigen oder den Anruf zu erhalten. Der Rest ist dann nur noch eine Frage des Timings.

Es gibt umfangreiche wissenschaftliche und auch pseudowissenschaftliche Abhandlungen darüber. Weder die einen, noch die anderen haben endgültige Erkenntnisse über das Phänomen des Zufalls gefunden. Aber viele Ansatzpunkte, besonders in der Quantenphysik und der Psychologie deuten darauf hin, dass es innerhalb der berechenbaren Ordnung der Dinge nur einer winzigen Abweichung bedarf, um einen völlig neuen Zustand zu erzeugen, der anscheinend rein „zufällig“ entstanden ist.

Im Alltag ist es jedenfalls nicht so selten, dass sich bei manchen Menschen diese sogenannten „Zufälle“ häufen. Meiner Vermutung nach geschieht dies öfter als sonst bei besonders sensiblen oder etwas aufmerksameren Menschen. Zumindest sind diese Menschen eher bereit, ein Vorkommnis als bemerkenswerten „Zufall“ einzustufen. Manche nennen es auch „Fügung“, was natürlich voraussetzt, dass es da irgendjemanden (höheres Wesen, Gott?) oder etwas im Menschen selbst (Unterbewusstsein) oder in der Materie (Chaostheorie, Quantenmechanik) gibt, das die Ereignisse zu einem bestimmten Punkt hintreibt. Möglicherweise ist das Zusammentreffen von unvorhergesehenen Begegnungen oder der Gleichzeitigkeit von Ereignissen nur ein Resultat von vielen kleinen Wahrnehmungen, die sich im Bewusstsein besonders achtsamer Menschen zu einem Antrieb formen. Daraus entstehen dann Handlungen oder Ereignisse, die wir wegen der Übereinstimmung mit unseren Erwartungen und wegen der Gleichzeitigkeit mit konkreten Handlungen oder Vorkommnissen dann Zufall nennen.

Mich haben diese Zusammenhänge schon als Kind sehr interessiert und ich habe früh schon angefangen, mir darüber Gedanken zu machen.  Zum Beispiel, als ich mit fünf Jahren in einen abseits gelegenen und von der Straße aus schlecht einsehbaren Gänseweiher fiel und dort glücklicherweise in der Nähe „zufällig“ ein junges Liebespaar spazieren ging. Ich hatte zufällig ein neues Kleid an, das so stark mit Appretur versehen war, dass es wie ein Fallschirm eine Blase bildete und mich trotz mehrmaligem Untertauchen letztendlich lange genug über Wasser hielt. Das Paar sah den „rosa Schirm“, der sich heftig bewegte und rettete mich. Das neue Kleid war übrigens der Grund, weshalb ich am Rande des Weihers entlangbalancierte, obwohl mir meine Mutter dies verboten hatte. Eitel wie ich war, wollte ich das neue Stück wenigstens den Gänsen zeigen. 

Jedesmal, wenn mir  im Laufe der Zeit so ein Zufall begegnet ist oder wenn ich von einer solchen Geschichte erfahren habe, nahm ich mir vor, sie aufzuschreiben. Ich habe es leider nicht getan.

Anlässlich einer Bahnfahrt in den Schwarzwald hat es sich nun „zufällig“ ergeben, dass ich einer älteren Dame gegenübersaß, die offensichtlich an einer Unterhaltung interessiert war. Über kurz oder lang kamen wir auf das Thema „Zufall“ zu sprechen und zwar deswegen, weil diese Dame zufällig auch nach Freudenstadt fuhr. Für sie war es die erste Reise dorthin, für mich eine langjährige Gewohnheit, da ich auf dem Wege zu unserer Ferienwohnung war.

„So ein Zufall“, entfuhr es uns beiden gleichzeitig, denn es wäre ja nicht ungewöhnlich, wenn die Fahrt meiner Zugbekanntschaft  schon in Rastatt, Gengenbach oder sonst einem Städtchen entlang der Strecke geendet hätte.

Wir fingen also an, uns gegenseitig Zufalls-Geschichten zu erzählen. Die Reisezeit bis zu unserem Ziel reichte gar nicht, alle Vorkommnisse dieser Art zur Sprache zu bringen, und wir vereinbarten, uns die restlichen Geschichten nach und nach brieflich mitzuteilen. So kam ich mit der Zeit doch noch dazu, Zufallsgeschichten zu sammeln (oder mich meiner eigenen zu erinnern), - so wie ich es mir schon vor vielen Jahren einmal vorgenommen hatte.

 

Nichts bleibt wie es ist.

Leider gibt es nicht nur Gutes und Erfreuliches zu berichten. Man könnte meinen, dass das Sterben in einem Pflegeheim nichts Ungewöhnliches sei. Es stimmt natürlich, dass im Laufe von Jahren immer wieder Lücken im Speisesaal zu entdecken sind, wenn man als Besucher kommt. Manchmal erfährt man, dass der Vermisste leider bettlägerig geworden ist und seine Mahlzeiten im Zimmer einnimmt. Man nimmt es anteilnehmend zur Kenntnis, ist aber nicht direkt betroffen, freut sich, dass der Bewohner immerhin noch unter den Lebenden ist.

Dies kann ich leider von den wichtigsten Bezugspersonen meines Schützlings im Pflegeheim nicht sagen. In den letzten drei Wochen trafen ihn zwei schwere Schicksalsschläge hintereinander. Der wichtigste Mensch, der Außenkontakte für die Bewohner herstellte, indem er sich um einen Reigen von Veranstaltungen von Niveau im Haus Abendschein kümmerte, ist einer unheilbaren Krankheit nach kurzer Besserung nun doch noch erlegen. Er hinterlässt eine Lücke, die sich nur schwer schließen lässt. Dieser freundliche, umtriebige und unermüdliche Mann, der früher in seiner Stadt einen leitenden Posten in der Familienfürsorge hatte, nutzte seine alten Kontakte zu Vereinen, sozialen Einrichtungen und zur Stadt, um immer wieder Menschen ins Haus zu holen, die Vorträge hielten, Konzerte veranstalteten, Liedernachmittage begleiteten, einzelne Bewohner in ihren besonderen Anliegen oder Problemen unterstützten. Besonders beliebt waren auch die Dia-Vorträge, die Dr. F. über seine Reisen (mit seiner Frau) in alle Welt hielt. Für Menschen, die ans Haus gebunden sind, waren das „Fenster“ in eine Welt, die ihnen verschlossen ist. Nun kann man sagen, dass es doch Filme über andere Länder auch im Fernsehen gibt. Das stimmt schon. Die alten Menschen im Heim schätzten aber den Bezug zu der vortragenden Person, die sich durch die Bekanntschaft mit Dr. F. ergab und ziehen deshalb solche Vorträge sehr.

Kaum hatte mein Schützling die Trauerfeier für Dr. F. hinter sich, da traf die Nachricht ein, dass der zweite ehrenamtliche Betreuer, der sich in rührender Weise seit Jahren um den gehunfähigen und sprachlich gestörten J. kümmert, ins Krankenhaus kam und am Herzen operiert wurde. Nun ist auch er nicht mehr unter den Lebenden und J. fühlt sich (nach dem Tod seiner Mutter) zum zweiten Mal als „verwaist“. Er hat ja noch mich als Ehrenamtliche (und fürsorgliche Pflegekräfte im Heim) als Bezugsperson, aber der Kontakt zu einem männlichen Helfer war für ihn doch besonders wichtig und erfreulich und bedeutete einen großen Zuwachs an Lebensqualität. Eine Frau ist nicht der beste Kumpel für einen Besuch (per Rollstuhl) im Biergarten, im Eiscafé, im großen berühmten Dom oder in der Einkaufsmeile der Stadt. Schon allein meine fehlende Körperkraft für den Rollstuhl ist ein Hindernis. Es fehlt aber auch die typisch männliche Art, solche Ausflüge zu gestalten und zu genießen. Ich muss also passen und hoffe inständig, dass das Schicksal irgendwann wieder einmal ein männliches Wesen in das Haus Abendschein leitet, das Kraft und Mut genug hat, den Kampf mit den Tücken eines Rollstuhls aufzunehmen. 

Viel Geduld wird nötig sein in der Zwischenzeit und mein Schützling muss sich auf seine eher „häuslichen“ Tugenden besinnen, seine Bücher wieder hervorholen, Musik hören und  vorläufig mit der kleinen Rundfahrt um die Anlage von Haus Abendschein vorliebnehmen. Die schaffe ich gerade noch mit ihm. Nun hoffe ich auf einen schönen trockenen Sommer, denn das ist die Voraussetzung für solche Ausflüge. 

Ich verweise in diesem Zusammenhang auch auf die Kategorie „Texte, Kurzgeschichten, Essays“ in der ich das Schicksal von J.M. in der Geschichte „Glück zwischen zwei Rädern“ beschrieben habe).


 

Um es gleich vorweg zu nehmen: Lenz ist eine außerordentlich vielseitige, gut gemachte Zeitschrift für Menschen ab etwa Mitte Vierzig und älter.- Dass sie LENZ heißt, empfinde ich eher als Ärgernis, selbst wenn man an den „zweiten Frühling“ oder „sich einen schönen Lenz machen“ denkt. Im Volksmund werden beide Möglichkeiten ironisch gebraucht und das halte ich nicht gerade für nützlich für eine ernst zu nehmende Zeitschrift.

Da ich früher „Weltbild“ abonniert hatte, bin ich also nun „Lenz-Leserin“, denn diese beiden Magazine haben sich zusammengeschlossen oder die eine hat die andere übernommen. Der Qualität hat dies keinen Abbruch getan. 

In der Zeitschrift   L e n z  werden viele relevante Themen der Zeit in gut recherchierten Beiträgen abgehandelt; Themen, die für Jung und Alt interessant sind.

Vor allem aber ist der Inhalt von Lenz auf die Bedürfnisse von Menschen zugeschnitten, die das Berufsleben schon oder bald hinter sich haben. So stehen Berichte über einen Neustart jenseits der 40 oder 50, über die Gestaltung des Ruhestandes sowie über Leben und Wohnen im Alter im Vordergrund. Ratschläge in Bezug auf die Rente, Steuern, Versicherungen, Geldanlagen werden von Experten kompetent und ausführlich gegeben und verständlich dargestellt. Gesundheits- und Schönheitstipps für reifere Jahrgänge haben ebenfalls ihren Platz in dieser Zeitschrift und natürlich auch das eine oder andere Kochrezept. Beiträge zu Kunst und Literatur in ansprechendem Layout sind zu finden, auch die eine oder andere Buchbesprechung.–

Wer Lenz liest, weiß, dass die Älteren eine wichtige und große Verbrauchergruppe sind. Die Anzeigen und Modereportagen tragen dieser Tatsache Rechnung. Alle Models sind zwar reifere Jahrgänge, aber selbstverständlich so gut ins Licht gesetzt, dass sie innerhalb ihrer Altersgruppe eine „Augenweide“ sind. Tragbare und dennoch flotte Mode für die reiferen Menschen wird ansprechend präsentiert.

Viel Raum ist in dieser Zeitschrift für alles, was mit dem Umgang der Generationen untereinander zu tun hat. Anrührende Geschichten über das Leben mit erwachsenen Kindern und Enkeln findet man - aber auch über weniger geglückte Großeltern/Enkel-Beziehungen. 

Viel wird in Wort und Bild berichtet über Omas und Opas, die fitt sind wie ein Turnschuh und Berge besteigen und durch Wüsten wandern. Relativ wenig oder eher gar nichts über die andere Realität, die weniger erfreulich in Alters- und Pflegeheimen gelebt wird. Aber eine Zeitschrift, die sich  L e n z  nennt, möchte ja sicher nicht ihr lebensbejahendes Publikum mit den Schattenseiten des Lebens jenseits der Fünfzig vergrämen.- Ehrlicher wäre es ja, denn es ist ja nur die andere Seite der Medaille - und die kann man doch getrost einmal anschauen.

Stattdessen gibt es niveauvolle Bekanntschafts- und Heiratsanzeigen die Fülle.- Und auch schon Erfolgsmeldungen von später Zweisamkeit. Frühlingsgefühle schlummern bekanntermaßen auch in etwas bejahrteren Herzen - und es ist schön, dass Lenz diesen munteren Oldies Gelegenheit gibt, sich auf die eine oder andere Art kennenzulernen. Viele begeisterte Leserbriefe geben davon Zeugnis.

Alles in allem ist „Lenz“ eine vielseitige und lesenswerte Zeitschrift für Menschen, die sich schon oder bald zur „reiferen Generation“ zählen.

Zeitschriften-Rezension 
TENGO – Lust auf Später
Jahresmagazin 
Herausgeber: der PARITÄTISCHE
(2007 federführend: PARITÄTISCHER Niedersachsen)
Marketing und Vertrieb: Ziel-Marketing, Stuttgart

(Inzwischen ist das Heft 2/2008 herausgekommen. Da ich es noch nicht gelesen habe, kommt eine Rezension der neuen Ausgabe später)

 

Sehr viel Auswahl gibt es ja nicht für Menschen über 50, wenn es um Zeitschriften und Magazine geht. Die meisten Senioren sind als Schüler mit BRAVO aufgewachsen, haben sich zu BRIGITTE, FREUNDIN, FÜR SIE, GALA u.a. weiterentwickelt und die Herren der Schöpfung waren meist beglückt von Auto- und Motorradzeitschriften. 

 

Zweifellos ist man irgendwann den Zeitschriften entwachsen, die sich hauptsächlich mit Mode, Kosmetik, Frisuren oder mit den Problemen der Heranwachsenden beschäftigen. In den letzten Jahren gab es Ableger der oben genannten Zeitschriften, die sich an die erwachsenere Frau und/oder den Mann richten. Sieht man aber genau hin, ist der Unterschied nicht besonders groß. Auch hier geht es um Äußerlichkeiten, um das Aussehen, das Zu- und Abnehmen, Schönheit, Mode, Sport und Liebe. 

 

Was aber treibt gereifte Menschen um, welche Fragen an das Leben, die Politik, die Zukunft haben sie? Natürlich haben auch sie weiterhin Liebesbeziehungen, haben Freude an schönem Outfit, schönem Wohnen, am Ausgehen, gutem Essen und am Reisen. Mit zunehmendem Lebensalter kommen jedoch noch einige andere, zukunftsweisende Fragen hinzu. Man bekommt das eine oder andere Zipperlein, die Kinder gehen aus dem Haus und es wird einsamer um die Eltern herum, die eigenen Eltern werden alt oder pflegebedürftig. Der eine oder andere muss sich sogar mit dem Thema Sterben und Tod auseinandersetzen.

 

Es bleibt nicht aus, dass sich die Altersgruppe ab 50 darüber Gedanken machen muss, wie sie es mit dem Wohnen, dem Lieben, dem Sorgen und Versorgt  werden in Zukunft halten will. Ist es möglich, vorzusorgen und wie könnte das aussehen?. Ein guter Anfang ist schon gemacht, wenn sich er oder sie oder beide zusammen ein Hobby zulegen, das auch im Alter noch ausgeübt werden kann. Wenn sowieso eine Renovierung ansteht, ist zu erwägen, die Wohnung schon jetzt mit allen Bequemlichkeiten auszustatten, die auch im höheren Alter nützlich sind. Die ganz beherzten wagen sich vielleicht sogar an ein Ehrenamt, das Ihnen Freude macht, der Gesellschaft nützt und nach der Berufstätigkeit zu einer jung erhaltenden Aufgabe wird.

 

Mit all diesen Themen beschäftigt sich das neue Jahresheft TENGO, das ab März mit dem sehr ansprechenden Bild eines grauhaarigen, älteren, nachdenklich in die Ferne blickenden Herrn dem vorbei flanierenden Fußgänger bundesweit an den  Kiosken entgegensieht. Es ist ein sehr jugendlich wirkender und doch unübersehbar nicht mehr junger Mensch, der das Cover von TENGO schmückt und zum Kauf des Magazins und zum  Lesen einlädt.   

 

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat in Zusammenarbeit mit vielen bekannten und auch etwas weniger bekannten Autoren eine Zeitschrift ins Leben gerufen, die sich mit den Themen der reiferen Generation befasst, ohne selbst „altväterlich“ zu sein.  

 

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich erfreulicherweise die Zeit genommen, ein Vorwort zu schreiben.

Der Verlag hat  den Inhalt des 160 Seiten starken Heftes wie folgt zusammengefasst:

Leben gestalten! Nicht die Zahl der Lebensjahre zählt, sondern das Leben an sich. 

Schnurzegal, wie alt man ist. Ob mit 48, 56 oder 73 – es kommt darauf an, sich die Freiheit der Entscheidung zu erhalten und so zu handeln, wie es für einen selbst gut und richtig ist. 

Dafür gilt es, Möglichkeiten zu entdecken. In jeder Lebenslage.

Das sind schlagwortartig die Inhalte des Heftes:

 „KNITTERFREI 

 LIEBE - absolut!

 ZEIT - immer öfter

 ORTE - vom Fleck weg

 SPIELRÄUME - vor der Nase

 STANDPUNKTE - freie Wahl 

 

LIEBE - absolut!

 „Für die Liebe gibt es nur einen Beweis: die Tiefe der Beziehung“, schrieb Erich Fromm. Doch ein Mensch geht in seinem Leben vielerlei Liebesbeziehungen ein. Zuallererst die zu sich selbst - auch wenn sie vielleicht am schwersten auszubalancieren ist. Auch die Liebe zur Familie bleibt oft bis ins hohe Alter präsent. Aber was wäre ein Leben ohne die Liebe zu einem Mann, einer Frau? In ihr suchen viele Erfüllung. Ein anderes Gesicht zeigt die Liebe, wenn sie sich verdinglicht, wenn sie sich auf eine Sache richtet. Nur darf man dann noch von Liebe reden?

ZEIT - immer öfter Wer die Gegenwart erobern will, spannt sein Leben stets zwischen der Vergangenheit und Zukunft aus. Man wird sich sein Wissen und seine Erfahrungen vergegenwärtigen, diese aber nicht als statisch, sondern als fortschreitenden Prozess in einer sich verändernden Gesellschaft begreifen. Auf diesem Weg gelangt der Mensch an Fragen, die sich ihm zur rechten Zeit oder zur Unzeit stellen, denn nicht immer kann er sich dies aussuchen. Aber die Antworten darauf zu finden - bleibt ihm stets selbst überlassen.

 

ORTE - vom Fleck weg

 Natürlich: die eigenen vier Wände bilden das örtliche Zentrum im Alltag. Hier hat der Mensch seinen Ruhepol, von dem aus er sich von Fall zu Fall nach draußen begibt. So bewegt er sein Leben ständig zwischen „drinnen“ und „draußen“ - wobei sich sein Innenraum durch die virtuelle Welt im Fernsehen oder Internet nach außen erweitert und umgekehrt immer ein Stück der reale Außenwelt durch Reisen und neue Erfahrungen Einzug hält ins heimische Wohnzimmer.

 

Spielräume - vor der Nase

 Niemand kann auf sein rein nummerisches Alter reduziert werden, denn dafür sind die Lebenslagen von Menschen zu verschieden. Ob jemand gesund, belastet, arm, reich, einsam, fröhlich, interessiert, abhängig, schlecht gelaunt oder gut drauf ist, hängt nämlich keineswegs vom Alter ab. Entsprechend unterschiedlich gestaltet sich überall der Alltag. Oder besser gesagt: gestaltet der Mensch seinen Alltag. Denn genau darum geht’s. Wer seine Handlungsoptionen erkennt, gewinnt die Freiheit der Entscheidung.

 

STANDPUNKTE - freie Wahl

Jeder kennt die berühmte Geschichte mit dem halbleeren oder halbvollen Glas Wasser. Je nachdem, welche Lebenseinstellung ein Mensch pflegt, wie aufgeschlossen er ist und wie viel Verantwortung er für sich übernimmt, empfindet er eine Situation als Bereicherung oder Belastung. Diese Erkenntnis macht übrigens auch vor gesellschaftlichen Sichtweisen nicht halt. Denn auch die berühmte „zweite Lebenshälfte“ kann man so oder so sehen.“

Soweit die Ankündigung durch den Verlag.

 

Ich finde das Heft sehr informativ, unterhaltsam, die Themen breit gefächert und lebensnah. Das Layout ist flott und zeitgemäß, der Druck ist gut lesbar und die Fotos sind sehr ansprechend und aussagekräftig. Der Preis von 4,90 Euro scheint mir angemessen zu sein.

 

„Paradiesstraße“ von Ulla Lachauer

 

Bittehnen (ostpreußisch) oder Bitenai (litauisch) - für Lena Grigoleit war es HEIMAT bis zuletzt.

Ungeachtet der jeweiligen politischen Zugehörigkeit des schmalen Grenzlandes zwischen Deutschland und Russland, fühlte sich die ostpreußische Bäuerin Lena in ihrem Herzen vor allem als Memelländerin.

Ulla Lachauer beschreibt die alte Frau als „letzte Ureinwohnerin“ des ehem. preußisch-litauischen Dorfes Bittehnen, wo Lena 1910 geboren und in das sie nach Flucht und Vertreibung zurückkehrt war. Mit ihren fast 80 Jahren war sie für die in alle Welt verstreuten Landsleute „die Brücke zur Heimat“. Ganz alleine lebte sie nun mit Kuh „Rose“ und allerlei Kleinvieh auf ihrem Hof, säte und erntete nur noch für ihren Eigenbedarf. Daneben pflegte sie die Gräber der Vorfahren, sah auf den von Unkraut überwucherten Anwesen der „Ausgewanderten“ nach dem Rechten, führte die immer häufiger als „Erinnerungstouristen“ auftauchenden früheren Bittehner und ihre Enkel zu den Fliederbüschen, die früher vor jedem Haus standen.

Einmal hatte sie Gelegenheit, ihre beste Freundin Liesi in Frankenthal zu besuchen und sollte eigentlich bleiben im schönen Westen.- Aber Lena kehrte zurück zu dem Landstrich, der für sie der schönste der Welt war. 

Das war der Stand der Dinge, als das Fernsehteam 1989 mit Ulla Lachauer (Historikerin und Fernsehjournalistin) auftauchte und so entstand die Idee zu dem Buch „Paradiesstraße“.

Litauisch und Deutsch waren die zwei gleichberechtigten Sprachen ihrer Kindheit, erzählte Lena. Später lernte sie Französisch in der Schule und etwas Russisch in Sibirien.

Fritz, dessen Eltern später „Hitlerfreunde“ waren hat sie heiraten wollen, geheiratet hat sie dann 1934 auf Wunsch der Eltern den Groß-Litauer Konstantin Kondrativicius. Er war Grenzbeamter und wurde nach der Hochzeit nach Schmalleningken versetzt, wo Lena von ihrer Mitgift einen Kurzwarenladen kaufte. Zwei Töchter hat sie dort geboren. Bis 1939 hat sie die wechselnde Zugehörigkeit des Landstriches an der Memel nur wenig wahrgenommen, denn in Bittehnen wohnten Deutsche, Juden und Litauer in ganz selbstverständlichem Einvernehmen miteinander. Als Hitler 1939 das Memelland plötzlich „heim ins Reich“ holte, wurde Lenas Mann zum Ausländer, durfte nicht mehr litauisch sprechen, verlor seine Stellung als litauischer Staatsbeamter.

Lenas Laden im Grenzgebiet , sozusagen „im Auge des Sturms“ wurde von nun an zum Umschlagsort für Nachrichten, zum Anlaufpunkt für Flüchtlinge, aber auch ein Ort der Gefährdung für Lena und ihre Familie.

Nach einer vorübergehenden Flucht mit dem Treck der Ostpreußen nach Deutschland im Oktober 1944 kehrte Lena wieder nach Bittehnen zurück, fand ihr Haus von Litauern bewohnt vor, die vor dem Sowjetregime geflohen waren. Eine schwere, entbehrungsreiche Zeit begann, da das Land überfüllt war mit Menschen aus dem russisch besetzten Ostpreußen. Viele überlebten den Hunger, die Verzweiflung und die Rechtlosigkeit nicht. Für die zu Sowjetbürgern ernannten Memelländer begann nach 1947/48 die Verschleppung nach Sibirien. Auch Lena und ihre Familie traf dieses Schicksal . Von 1951-1956 lebten sie dort in der Kälte, aber „unter edlen und guten Menschen“, wie Lena in der Rückschau erzählte.

Zurückgekehrt nach Bittehnen fängt die Familie dort wieder neu an, zunächst als Einquartierung im eigenen Haus. Alle diese Schicksalsschläge ertrug Lena, die Bäuerin, mit stoischer Haltung und verlor nie die Hoffnung. Nach dem Tode ihres Mannes, ihrer Eltern und dem Wegzug ihrer erwachsenen Töchter sowie der Auswanderung vieler deutschstämmiger Freunde nach Deutschland blieb Lena in ihrem Häuschen alleine zurück, wo Ulla Lachauer sie fand.

Nicht nur eine Zeitzeugin einer vergangenen Welt, sondern auch eine aufgeweckte und informierte Zeitgenossin, die die Loslösung Litauens von der Sowjetunion und das gefahrvolle Entstehen eines neuen Staates mit Interesse verfolgte war Lena Grigoleit. Durch einen kleinen Weltempfänger wußte sie erstaunlicherweise bestens Bescheid über alles, was sich in der großen weiten Welt zugetragen hat. Sie hatte in ihrer Einsamkeit viel Zeit zum Lesen, Radiohören und zitierte Goethe und Dostojewski ebenso wie eine Wunschmelodie-Sendung, die sie regelmäßig über das österreichische Radio hörte.

Gefragt, warum sie nicht auch nach Deutschland ausgewandert ist, antwortete Lena: „Heimat ist Heimat, da gibt‘s nichts Besseres nicht“ und sie meinte das Dorf Bittehnen. Ulla Lachauer hat dieser tapferen Frau aus dem fast vergessenen Memelland mit ihrem Buch „Paradiesstraße“ ein Denkmal gesetzt.

Ich kann das Buch allen geschichtsbewußten Lesern sehr empfehlen, besonders denen, die von dem wechselhaften Schicksal Ostpreußens und des des Baltikums bisher nichts oder wenig wussten. 

Das Buch ist gebundene Ausgabe, als Taschenbuch und auch als Hörkassette erhältlich und auch als Großdruck für ältere Menschen.

Nora Zorn, 2004 ©

  

Rhabarbertorte

Dies ist eine schön aussehende und gut schmeckende Torte, die einfach zu backen ist. Es ist ein Kuchen der “über Kopf” gebacken wird, d.h. der Belag ist während des Backens unten. Man muss die Torte zum Auskühlen nur umdrehen und mit dem Guss überziehen.

Vielleicht könnte man sie schon mal als Muttertagstorte üben?

 

 Rhabarbertorte 

 Zutaten: 

 600 g Rhabarber 

 220 g Zucker 

 1 P. Vanillezucker 

 75 g Butter/Margarine 

 Mark von 1/2 Vanilleschote 

 1 Teel. Zitronensaft 

 2 Eier 

 175 g Mehl 

 1 Teel. Backpulver 

 1 P. roter Tortenguss 

 1/8 l Himbeersirup 

 125 ml. Schlagsahne 

 3 Essl. Krokant 

Zubereitung: 

 1. Rhabarber in 2 cm lange Stücke schneiden. In eine Schüssel geben, mit 30 g Zucker und Vanillezucker mischen. Auf den Boden einer mit Pergament ausgelegten 

Springform (26 cm Durchm.) geben. 

 2. Fett schaumig rühren. Nach und nach 150 g Zucker, Vanillemark, Zitronensaft und Eier hinzufügen. Mehl und Backpulver mischen. Nach und nach unterrühren. 

Teig gleichmäßig auf dem Rhabarber verteilen. Im Backofen (E-Herd: 200 Grad) ca. 50 Minuten backen. Auskühlen lassen, vorsichtig stürzen und Pergament abziehen. 

 3. Tortenguss, 20 g Zucker, 1/8 l Wasser und Sirup in einem Topf verquirlen. Unter ständigem Rühren zum Kochen bringen. Guss gleichmäßig auf der Torte verteilen. 

Sahne mit restlichem Zucker steif schlagen. Torte damit garnieren. Mit Krokant bestreuen. 

 

 Ergibt 12 Stücke, pro Stück ca. 296 k 

 

Ältere Posts »