Manchmal kommt es mir so vor, als hätte mein Leben erst begonnen, nachdem ich die Buchstaben zu entziffern lernte und merkte, dass hinter dem gedruckten Wort Geheimnisse zu entdecken, Botschaften zu lesen, fremdes Leben und fremde Welten zu finden waren. Daneben konnte ich abtauchen aus der Wirklichkeit für eine Weile, was zu allen Zeiten meines Lebens hilfreich war.Es faszinierte mich, dass man in Büchern Antworten bekommen konnte auf fast alle Fragen. Vor allem auch in der schwierigen Zeit der Pubertät, als neue Fragen und Wissenslücken auftauchten, fand ich in Büchern so manche Erklärung, die ich zu der damaligen Zeit weder von der Mutter, noch von anderen Erwachsenen hätte erhalten können. Aufklärung war 1955 noch nicht in dem Maße üblich wie heute und es war selbstverständlich kein Schulfach, sondern eher ein Tabu. Für meine Generation erschloss sich so manches Geheimnis des Lebens und manches Rätsel der Welt aus Büchern.Ich las von Anfang querfeldein, da ich mir den Lesestoff ausleihen musste. Als Flüchtlinge, die ohne Gepäck gekommen waren, hatten wir keine Bücher außer der Bibel und der „Goffine“ (ein christliches Hausbuch mit Illustrationen nach Art der Nazarener).Bis zu meiner Einschulung hatte ich kein Kinderbuch und nur wenige Malbücher aus einem Care-Paket. Auf Märchen musste ich jedoch nicht verzichten, denn meine (bei uns lebende) Großmutter war ein wandelndes Märchen- und Geschichtenbuch. Sich scharte uns Kinder in der Dämmerung immer um sich, wenn sie neben dem sogenannten „Sparherd“, den man mit Holz oder Kohle heizen konnte, saß, und nach und nach ein Holzscheit nach dem anderen auflegte. Da meine drei Schwestern und ich so gerne die Flammen sahen, nahm sie einen oder zwei Eisenringe auf der Herdplatte auf die Seite, so dass ein paar Flammen aus der vergrößerten Öffnung züngeln konnten. Wir wickelten uns in die weiten Falten ihres schwarzen, langen Rockes und setzten uns zu ihren Füßen. Dann erzählte sie uns entweder Grimms Märchen, Geschichten aus unserer Heimat Jugoslawien oder Anekdoten aus ihrer Kindheit in der ungarischen Tiefebene, wo sie in einem kleinen Dorf in der Batschka als Älteste von 12 Kindern gelebt hatte. Da sie gerne sang, kamen immer auch noch einige Strophen von Marienliedern hinzu oder sehnsuchtsvolle Lieder von Liebe und Leid aus ihrer Jugend. An manchen Abenden betete sie den ganzen Rosenkranz und wir durften die Perlen abzählen und ihr den Einsatz für das nächste „Vater unser ..“ oder „Ave Maria“ geben, was wir für eine wichtige Aufgabe hielten. Erst spät kamen wir darauf, dass sie das gar nicht brauchte, denn sie wusste mit nachtwandlerischer Sicherheit immer, bei welchem „Gesetzlein“ der vielen, vielen Wiederholungen sie war. Sie hatte in hervorragendes Gedächtnis bis zum Ende ihres langen Lebens.Später, als ich in der Schule Gelegenheit hatte, Bücher von Mitschülern auszuleihen, war ich fasziniert von „Schloss Wildenstein“ (eine Rittergeschichte) und „Rosa von Tannenburg“ (ein Edelfräulein, das von einem Ritter geraubt wird). Meine dritte Schwester, die zu der Zeit geboren wurde, als meine ältere Schwester und ich schon das „Rosa von Tannenburg“-Buch lasen, ärgert sich heute noch darüber, dass wir damals unsere Mutter überredet haben, dem neugeborenen Schwesterchen den Namen Rosa zu geben.Meine Mutter war zeitlebens ebenfalls eine Leseratte. Sie betreute als junge Frau die Ausleihe der Gemeindebücherei und las gerade „Torquato Tasso“, als sie mit mir schwanger war. Also war es selbstverständlich, dass ich den Namen Eleonore bekam, denn in Torquato Tasso von Goethe heißen gleich beide Protagonistinnen Eleonore. Zur Unterscheidung wird die eine jedoch „Leonore“ genannt. Meine ältere Schwester Mina war schon ein Opfer von Heinrich von Kleist’s „Minna von Barnhelm“ geworden, denn sie erhielt aus dem gleichen Grund den Taufnamen Wilhelmine, der zu Minna abgekürzt wurde.In der Volksschule war mein Lieblingsfach Deutsch. Es fiel mir leicht, Aufsätze zu schreiben. Ich war immer sehr schnell fertig und musste warten, bis die anderen auch so weit waren. Meine Banknachbarin, deren Aufsatz ich meist auch gleich schrieb, brachte mir zum Dank die ausgelesenen „Lore-Hefte“ ihrer Mutter mit und ich las eines nach dem anderen unter der Bank, während die Mitschüler noch bleistiftkauend über ihrem Aufsatz saßen. Einen Arzt- und Liebesroman nach dem anderen habe ich in dieser Zeit verschlungen und erst nach längerer Zeit machte der Lehrer dem Treiben ein Ende und verbot mir das Lesen dieser trivialen Lektüre während des Unterrichts.Als mein Vater 1947 aus der Gefangenschaft zurückkam, abonnierten wir sofort trotz seiner Arbeitslosigkeit und unserer materiellern Not die Tageszeitung. Aus Mangel an anderem Lesestoff, las ich deshalb etwa ab meinem neunten Lebensjahr große Teile der Tageszeitung. Ich glaube nicht, dass ich den Inhalt ganz verstand, aber es machte mir Freude, die Zeitung zu lesen.Später bekam die Schule eine Bücherei. Natürlich übernahm ich in der Schulpause die Ausleihe und war gleich mein bester Kunde. In dieser Zeit las ich mit großem Gewinn die historischen Romane „Ein Kampf um Rom“ von Felix Dahn, „Im Angesicht des Kaisers“ (Roman über Friedrich II und Otto III). Beide Bücher hatten den Nebeneffekt, dass ich in Geschichte zu dieser Zeit nicht zu schlagen war. Normalerweise hatte ich Schwierigkeiten, mir geschichtliche Daten zu merken, aber im Zusammenhang mit einer Romanhandlung war das dann für mich kein Problem mehr. Ähnlich ging es mir im Fach Naturkunde. Als wir die Bienen durchnahmen, übertrug ich fast alles, was ich vorher über Ameisen gelesen hatte, auf die Bienen und siehe da, mein Lehrer war erstaunt über meine genauen Kenntnisse und gab mir eine Eins. Vorher hatte ich bei einem Aufsatzwettbewerb der örtlichen Sparkasse das Buch „Butziwackel, der Ameistenkönig“ als Preis gewonnen und begeistert einige Male gelesen. Dieses Kinderbuch könnte ich heute noch jedem Drittklässler empfehlen. Man bekommt es leider nur noch über das Antiquariat oder über abebooks im Internet. Es beschreibt das Leben der Ameisenvölker in korrekter und doch märchenhafter und spannender Weise.Später kamen hinzu die „Höhlenkinder“, die „Steinzeitkinder“, die mir diese Zeit in unterhaltsamer Weise erschlossen. Natürlich habe ich irgendwann „Heidi“ von Johanna Spyri gelesen und mit Heidi mitgelitten, dann die „Nesthäkchen“-Bücher von Else Uri, „die „Trotzköpfchen“-Geschichten, die mich als Vierzehnjährige faszinierten. In diese Zeit fallen auch die Bücher von Karl May, James Fennymore Cooper, Erich Kästner, Wilhelm Busch, Ch. Morgenstern, Tucholsky und viele andere. Mit zunehmenden Jahren tauchte ich ein in die aufregende Welt der Bücher von Dostojewski, Tolstoi, Puschkin und Tschechov. Ich las mich durch die dicken Bücher „Anna Karenina“, „Schuld und Sühne“, und „Krieg und Frieden“ und litt mit den Protagonisten. Die meisten dieser Bücher las ich mehrfach, was sicher kein Schaden war.Nebenbei las ich immer noch sehr gerne absolut kitschige Groschenromane, die mir so manche Bahnfahrt zur Arbeit versüßten und die leichter zu transportieren waren als ein dickes Buch.Als junge Erwachsene lernte ich nach und nach die damals modernen Schriftsteller mit ihren Erstlingswerken in der Nachkriegszeit kennen, wie z.B. Heinrich Böll, Günther Grass, Martin Walser, Alfred Andersch, Siegfried Lenz und viele andere, die später zu Ruhm und Literatur-Preisen kamen. Selbstverständlich las ich den „Zauberberg“ und andere Werke von Thomas Mann, Heinrich Mann, später Bertolt Brecht und Peter Handtke. Gerne lese ich bis heute alle Bücher von Peter Härtling, den ich vor allem Kindern und Jugendlichen empfehlen kann, obwohl er kein Kinderbuchautor ist.Begleitend zu diesen modernen Büchern las ich immer noch und immer wieder gerne die Klassiker der Schulzeit. Ich war von Anfang an fasziniert von Goethes „Faust“ und Schillers „Wallenstein“. Diese Bücher haben mich begleitet bis heute und haben mein Interesse geweckt am Leben und Werk dieser Dichter, so dass ich z.B. anfing, in Buchantiquariaten nach Büchern über Goethes Leben und Werk zu suchen. Ich wurde natürlich fündig und habe einen gesonderten Bücherschrank mit den unzähligen Bänden, die ich in diesem Zusammenhang erworben und immer wieder mit Gewinn gelesen habe. Auf die „einsame Insel“ würde ich auf jeden Fall die Bibel, gleich danach „Faust“ mitnehmen und „Goethes Leben und Werk“ von Jacobi in zwei Bänden. Auch Rilkes Gedichte sowie die „Fünf-Minuten-Lektüre“ von Hermann Hesse wären dabei. Außerdem könnte ich auf der Insel vielleicht noch das „Lehrbuch der Phytotherapie“ von Dr. Rudolf F. Weiß brauchen.In den folgenden Jahren lernte ich die Bücher weiblicher Nachkriegsschriftsteller kennen, die mir einen Einblick gegeben haben in die Befindlichkeit anderer Frauen in dieser Zeit. Ich war fasziniert von den in schnoddrigem Ton geschriebenen Büchern von Gabriele Wohmann und liebte die einfühlsamen, gefühlvollen und doch schon von der Emanzipation der Frau angehauchten Bücher von Christine Brückner, deren Stil ich noch heute bewundere. Marie-Luise Kaschnitz Brigitte Kronauer las ich mit Staunen und natürlich fast alles von Simone de Beauvoir. In diesem Zusammenhang natürlich gleich auch Sartre (den ich nicht mochte), Albert Camus (ein absolutes Muss für die damalige Generation) und André Gide. Das war anspruchsvoller Lesestoff und erschloss sich nicht immer gleich. Zur Erholung las ich immer wieder gerne George Bernard Shaw, über dessen bissigen und witzigen Stil ich mich noch heute gerne amüsiere. Ich habe die meisten seiner Theaterstücke gelesen und auch als Aufführung gesehen. Gleichzeitig lernte ich die Bücher von Curt Goetz kennen, der ebenso witzig schrieb (z.B. „Das Haus in Montevideo“ oder „Die Mikrobe der Dummheit“). Später erfuhr ich, dass Shaw und Goetz Verwandte sind.Als die 68er Jahre heraufzogen, kamen natürlich andere Bücher hinzu, die meist von Soziologen und Politologen geschrieben waren. Dieser „Soziologen-Stil“ schlich sich in fast alle neuen Werke ein und blieb uns bis in die heutige Zeit vor allem in Ratgeber-Büchern erhalten. Ratgeberbücher begleiteten meinen Lebensweg zu allen Zeiten. Vor allem psychologische Bücher, wie z.B. die Werke von Erich Fromm, Viktor E. Frankl, Sigmund Freud und seine Weggefährten und Nachfolger. Besonders schätzen lernte ich die Bücher von Wladimir Lindenberg. Sein Altersbuch „Jenseits der Fünfzig“ zieht mich heute noch an, wenn ich mir etwas „Unaufgeregtes“ über das Altern zu Gemüte führen will. Ich las sehr früh Bücher über das Alter und die Art und Weise, sich darauf vorzubereiten oder es zu bestehen. Es gibt unendlich viele gute Bücher darüber, einige der liebsten Bücher in diesem Zusammenhang möchte ich noch nennen: „Wo ist denn meine Brille?“ von A. Biegel und H. Swildens, „Rosenkäferkomplex und Eidechsenprinzip“ von Prof. Walter Birkmayer, die Bücher von Julia Onken, von dem Niederländer Bernard Lievegoed (z.B. „Der Mensch an der Schwelle“), „Älter werden“ von Silvia Bovenschen, die Altersbücher von Christine Brückner und ein seltenes Buch, das schwer zu ertragen in seiner Ehrlichkeit ist. Es ist von Margarete Hannsmann und heißt „Tagebuch meines Alterns“.Ich lese heute noch sehr viel (schlage mir die Nächte um die Ohren). Mit großem Gewinn und großer Freude habe ich in den letzten Jahre gelesen: „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny (auch ein Buch für die einsame Insel), „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier, „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann und mein absolutes Lieblingsbuch der neueren Literatur mit dem Titel „Das verborgene Wort“ von Ulla Hahn.Vielleicht sollte ich jetzt aufhören, denn es klingt ja so, als ob ich außer Lesen nichts zu tun hätte. Ich gebe zu, dass es schwierig ist, daneben noch einen Haushalt zu führen. Zu meinem Glück liest mein Mann auch gerne, wenn auch andere Lektüre als ich – und unser Sohn ist Gott sei Dank oder leider auch infiziert von dem Virus, der Menschen zu Bücherwürmern macht. Immer wenn er zu Besuch kommt, entdecke ich hinterher Lücken in meinem Bücherschrank, über die ich mich freue, weil ich nun wieder etwas Neues kaufen kann. Zuletzt habe ich eine Lücke gefüllt mit Peter Härtlings Biografie. Übrigens, Biografien sind meine große Leidenschaft. Ich habe eine große Sammlung, die ich hüte wie einen Schatz und die mich immer wieder zum Lesen verführt.Was gibt es Interessanteres, als einzutauchen in das Leben und Wirken von Menschen aus anderen Zeiten, anderen Welten, anderen Lebensverhältnissen? Es stellt sich immer wieder heraus, dass neben allen Unterschieden die Menschen überall auf der Welt und zu alle Zeiten etwas Gemeinsames haben: Die Frage nach dem Sinn des Lebens und nach dem Weg zu diesem Ziel.
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