Otto Sander spricht
Khalil Gibran „Der Prophet“
Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin Gibran-Fan und stehe gerne dazu. Ich habe die meisten seiner Bücher gelesen und betrachte dies als Gewinn für mein Leben. Die Aussagen Gibrans sind jenseits aller Einseitigkeiten und aller Intoleranz. Schon die Geburt im Grenzland zwischen Syrien und dem Libanon und sein späteres Leben in Paris und dann bis zu seinem Tode in New York verhinderte das gedankliche Verharren innerhalb der Grenzen eines Landes oder einer Religion. Als Kind maronitischer Christen im Libanon wuchs er in einer überwiegend arabischen Umfeld auf, lernte bei den Jesuiten sowohl Latein als auch Arabisch, wußte sehr früh mehr über die Gemeinsamkeiten der Religionen als manch anderer Mensch in einem langen Leben und widmete sich zeitlebens neben dem Studium der Kunst auch der Philosophie, der Religion, den Grundlagen der menschlichen Existenz. Er hatte Einsichten, die nicht jedem gegeben sind und dies ist es, was manche Leser vermutlich als „esoterisch“ oder „ketzerisch“ empfinden (siehe andere Rezensionen zum Buch „Der Prophet“).
Im Buch „Der Prophet“ geht es um Almustafa, den die Leute von Orphalese „den Propheten“ nennen. Nach zwölf Jahren hat er die Absicht, in seine Heimat zurückzukehren und wartet am Strand auf sein Schiff. Die Leute der Stadt Orphalese bedauern seinen Abschied sehr und fühlen sich ohne ihn verwaist. Sie bitten ihn, ihnen vor seiner Abreise noch einige Fragen zu beantworten, damit sie sein Wissen in der Erinnerung behalten und seinen Rat nach Möglichkeit befolgen können. Sie stellen Fragen zu allen Belangen des täglichen Lebens, so auch zum Thema : Arbeit, Haus, Broterwerb, Liebe, Schuld und Sühne, Krieg und Frieden und zum Thema K i n d e r . Die Antwort des Propheten zum Thema Kinder ist das Schönste, was ich je darüber hörte und ich befinde mich offensichtlich in guter Gesellschaft, denn dieses Zitat findet sich seit Jahren in Kalendern, Zeitschriften, pädagogischen und theologischen Büchern. Ich zitiere nur den Anfang: „ Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber“ ………
Die Worte des Propheten schreiten daher, wie ein Mensch im Sand der Wüste einherschreitet – gemächlich, tiefgründig, ohne Hast. Alles was er sagt ist angesiedelt an einem Ort des Idealzustandes, einem Ort der Hoffnung, des Friedens und der Menschlichkeit.- Er spricht aus, was die Menschen anstreben sollten, um in Frieden mit sich und den anderen leben zu können.- Nicht mehr – und nicht weniger! Dass Gibran dabei eine höchst blumige Sprache verwendet, sehe ich nicht als Nachteil. In der arabischen Sprache ist diese Blumigkeit eine Selbstverständlichkeit und ich finde, dass sie in den Zusammenhang des Gesagten passt.
Ich habe mir die CD nach dem Lesen des Buches gekauft, um zu hören, ob es möglich ist, das im Buch Gesagte einigermaßen gut wiederzugeben, ohne in allzuviel Pathos zu verfallen.
Der Vortrag von Otto Sander, der den Propheten Almustafa spricht, ist dem Inhalt gerecht geworden finde ich. Was mir nicht gefallen hat, ist die schrille Eingangsmusik, die Gott sei Dank schnell vorbei ist und später in eine angenehmere Tonart wechselt.
Ich werde meine CD an einen „Lesemuffel“ weiterverschenken. Hören ist bequem und kann auch eine Autofahrt unterhaltsam gestalten. Ich bin sicher, dass ich einem Nichtleser mit diesem Hörbuch eine große Freude machen kann. Vielleicht lässt der Genuss dieses Hörereignisses danach auch zu, dass einige starre Denkmuster etwas ins Wanken kommen.
© Norella
Sehr weise auch, wenn man den Weg der Liebe verlässt nicht alle Tränen weint …..