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Schon der Titel ist ein typisch Schlink‘sches Wortspiel. Es geht um Selb, den Privatdetektiv, den der Krieg in die Gegend um Mannheim/Heidelberg herum verschlagen hat. Diese Gegend an zwei Flüssen, mit Blick zur Pfalz und zu den Hügeln des Odenwaldes ist ihm ans Herz gewachsen, wurde ihm privat und beruflich zur Heimat.In Berlin hatte er Jura studiert – zusammen mit seinem besten Freund Ferdinand Korten, der aus wohlhabendem Hause stammte und damals von Selb sehr bewundert wurde. Selb, der Eisenbahner-Sohn aus Karlsruhe – heiratete dann Klara, Kortes Schwester. Er hatte nach dem Studium, ( nach einer kurzen Zeit als Staatsanwalt in Heidelberg) eine eigene Firma gegründet: Gerhard Selb, Private Ermittlungen – dieses Schild hing am ehemaligen Zigarrettengeschäft in der Augusta-Anlage in Mannheim. Nun war er 68 und schon (fast) im Ruhestand. Seinen Freund Korten traf er ab und an bei Konzerten oder im Theater in Heidelberg, Ludwigshafen oder Mannheim, auch nach Klaras Tod, denn schließlich waren sie Freunde und er war außerdem sein Schwager. Korte war inzwischen Geschäftsführer bei einem großen Chemiekonzern in Ludwigshafen, hatte Kinder und Enkel – war sehr erfolgreich.Das war der Stand der Dinge zu Beginn des Kriminalromans „Selbs Justiz“. Durch einen Anruf von Frau Schlemihl, seit den 50er Jahren Sekretärin Kortens, gerät Selb, der Fast-Ruheständler, in einen Strudel von Ereignissen.Korten, Geschäftsführer der Rheinischen Chemiewerke, hat Probleme mit dem Computersystem der Firma und bittet seinen Studienfreund Selb, den Störern bzw. Hackern auf die Schliche zu kommen. Diese hatten es geschafft, die Buchhaltung in Konfusion zu bringen, Termine zu verschieben, Gelder an falsche Adressen zu überweisen – und heute gerade – hunderttausend Rhesusäffchen bei einem Geschäftspartner in Indien zu bestellen, obwohl die Bestellung der Einkaufsabteilung nachweisbar auf „hundert Rhesusäffchen“ ausgestellt war – bis zur Absendung jedoch von Unbekannt geändert wurde. Gott sei Dank fand der indische Partner diese Zahl merkwürdig und hatte zurückgerufen, um sich zu vergewissern.Nun ist Selb ein eingefleischter Computermuffel und wollte seine Ansicht auf seine alten Tage auch nicht ändern. Als er dann das Dossier über die vielen Übergriffe auf das Computernetz dieser riesigen Firma liest und ihm klar wird, welche Folgen dieser Unfug der „Hacker“ haben könnte (immerhin handelt es sich um eine Chemie-Firma), übernimmt er den Auftrag. Was als Hacker-Suche anfängt, entwickelt sich im Folgenden zu einem unentwirrbaren Labyrinth, aus dem Selb und erst recht Korten fast nicht mehr herausfinden. Die Spuren führen zurück in Kortens braune Vergangenheit, die zwangsläufig auch die von Selb und vielen Weggefährten ihrer Altersgruppe ist. Schuld und Verstrickung wird sichtbar und am Ende zeigt sich, dass alle Beteiligten irgendwie und irgendwann und irgendwo „Leichen im Keller“ haben, die nun als Gespenster ihr Unwesen in der Gegenwart treiben. Sehr überraschende Querverbindungen kommen zutage, alte Freunde sind keine mehr und von den „zwölf dunklen Jahren“ des Chemieriesen am Rhein will keiner mehr was wissen. Zwangsarbeit jüdischer Chemiker, Herstellung von Chemikalien, die nicht nur der Schädlingsbekämpfung dienten, Sevesogift – das sind nur einige Stichworte, die diesem Detektivroman zu einer atemberaubenden Spannung verhelfen.Selb wird während der Arbeit an diesem Fall wohl oder übel zum Computer-Experten. Er trinkt noch mehr Rheumatee als sonst und immer, wenn er nachdenken muss, füttert er seinen Kater Turbo – dabei kommen ihm die besten Ideen.Er löst den Fall, aber er kommt nicht ganz ungeschoren davon. Zu sehr geht ihm das Wühlen in der Vergangenheit, besonders auch der Zeit des Aufbaus nach dem zweiten Weltkrieg an die Nieren, löst Schuld- und auch Rachegefühle bei ihm aus, denen er sich nicht entziehen kann. Es wird eng um Selb, als die „Saubermänner“ in hohen und höchsten Positionen sich durch Selbs Recherchen mit ihrer Vergangenheit konfrontiert fühlen. Wie sagt Korten im zweiten Drittel des Romans: „Dass die Jahre zwischen 1933 bis 1945 vergessen bleiben, ist das Fundament, auf dem unser Staat gebaut ist“.—-Selb geht dann jedenfalls nicht zu der prunkvollen Beerdigung seines alten Studienfreundes Korten. Weshalb nicht – das sollte jeder selbst herausfinden auf den 298 Seiten des spannungsgeladenen, geschichtsträchtigen Detektivromans mit viel Lokalkolorit.Ein sehr empfehlenswertes, sehr spannendes Buch – und ein lehrreiches dazu.
Dieses Buch gibt es als gebundene Ausgabe, als Taschen- und als Hörbuch.
© Norella
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