Leider konnte ich sehr lange nicht mehr zu meinem Schützling im Haus Abendschein. Ich habe selbst einen Pflegefall in meiner Familie und bin dadurch ans Haus gebunden. Es reicht gerade für das Einkaufen der Lebensmittel, Arztbesuche und Besorgungen bei der Apotheke. Darüber werde ich später einmal schreiben.
Da ich sehr beschäftigt bin, ist mir fast entgangen, dass die Osterfeiertage nicht mehr weit sind. Ich lese in der Zeitung von Passionskonzerten in den Kirchen, erfahre von Aktionen der Gewerbetreibenden, die sich vielfach auf Ostern eingestellt haben und allerlei Kunstvolles, Kreatives und sehr viel Kitschiges anbieten. Eine Tombola wird angekündigt für einen guten Zweck, sogar die Nieten erhalten als Trostpreis eine Vergissmeinnicht-Topfpflanze. In meinem Garten blühen Forsythien und Osterglocken, ein paar frühe Tulpen haben sich auch schon gemeldet und der Rasen ist schon so hoch, dass er bald gemäht werden sollte. Das erinnert mich leider daran, dass nun auch wieder die Gartenpflege beginnt.
Bei all der Sorge um einen Pflegebedürftigen, bei der Sorge um Haus und Garten, vergisst man ja leicht, dass außer Osterhasen und Eiern auch noch etwas anderes war, das ursprünglich das Osterfest ausmachte. Mein Schützling aus dem Pflegeheim hat mich durch einen Anruf daran erinnert. Er berichtete mir, dass im Heim ein Vortrag stattfand über die christlichen Wurzeln von Ostern, dass im Gottesdienstraum ein Bild aufgehängt wurde mit dem Auferstandenen, dass an Palmsonntag Weidenkätzchenzweige geweiht und verteilt werden bei den bettlägerigen Heimbewohnern, dass man sich als Bettlägeriger schon jetzt eintragen kann in eine Liste des Pfarrers für die Osterkommunion im Zimmer.
Bei der Ergotherapie wurden schon Osternester aus Weidenzweigen und aus grünem, in Streifen geschnittenem Krepp-Papier gebastelt. Diese werden an Ostern mit gekochten Eiern und Schoko-Eiern gefüllt und von den mobilen Heimbewohnern in die Zimmer der liegenden Heimbewohner gebracht.
Ein Gesangverein hatte anlässlich eines Frühlingsfestes schöne, alte, wohlbekannte Frühlingslieder vorgetragen, ein Gitarrespieler hat sie begleitet.
Der unermüdliche und einfallsreiche Koch hatte am Sonntag gekochte Eier nach russischer Art in den Hefekranz gebacken. Wie ich ihn kenne, wird er wieder ein großes Blech mit Bisquit-Torte mit Obstbelag und zusätzlich noch Hefekranz-Nester backen für Ostersonntag.
Die Eingangshalle ist längst mit gelben Bändern und grünen Zweigen geschmückt, es gibt noch schnell einen kleinen, hauseigenen Bücher-Flohmarkt im Foyer, wo man für kleine Cent-Beträge Lesestoff für die Feiertage erwerben kann. So kommen die Bücher innerhalb des Hauses immer wieder in Umlauf.
Mein Schützling wurde von einem Ehrenamtlichen zu einem Einkaufsbummel in die Innenstadt begleitet, damit er sich einen neuen Pullover für das Frühjahr kaufen kann. Dies wurde von einem anderen Helfer organisiert, der für die Außenaktivitäten der Heimbewohner zuständig ist.
Und nicht zuletzt findet an Ostern an einem Tag ein katholischer und am anderen ein evangelischer Gottesdienst statt. In der Karwoche gibt es eine ökumenische Andacht mit Lesung der Leidensgeschichte Christi.
Nachdem mir mein Schützling diese Details aus dem Heimleben berichtet hatte, war ich endlich auch auf die kommenden Ostertage eingestimmt. Ich freute mich für ihn, dass er sich so intensiv und in Ruhe auf die Festtage vorbereiten und freuen kann. Wer sonst kann das denn? Die Gesunden, die Älteren zu Hause, die sich um die Bewältigung ihres Alltages kümmern müssen, die Berufstätigen, die Schulkinder, alle sind sie im Stress, bemerken nur am Rande, dass der Frühling gekommen und Ostern nicht weit ist.
So sehr die Bewohner in Pflegeheimen immer wieder in Talkshows und in der Print-Presse bedauert werden, so sehr beneide ich einzelne darum, dass sie in den Dingen des Alltags und den besonderen Problemen wegen Krankheit oder Alter durch das Pflegepersonal versorgt und entlastet sind. Sie können sich anderen Dingen widmen, für die die Menschen „draußen“ wenig, oder gar keine Zeit haben.
Da ich am Abend vor dem Anruf meines Schützlings aus dem Haus Abendschein in einer Talkshow wieder einmal erhebliche Klagen über die Zustände in Heimen gehört hatte, fragte ich ihn gezielt nach einigen Aspekten des Heimalltags und der Pflege. Er fand keinen Anlass zur Klage, außer, dass die Schwestern manchmal nicht so schnell wie er es brauchte. kämen, um ihm beim Gang zur Toilette behilflich zu sein. Ansonsten war er des Lobes voll über den Einsatz, die Freundlichkeit und Fröhlichkeit des Personals. Da ich mich davon während meiner Besuche schon oft überzeugt hatte, konnte ich es ihm glauben. Wir waren uns beide darüber einig, dass es so gut läuft, seit ein besonders engagiertes Heimleiter-Ehepaar das Haus führt. Den wohltuenden Einfluss dieser beiden Menschen spürt man tatsächlich an allen Ecken und Enden. Ich erinnere mich, dass es ein oder zwei Jahre lang auch einmal anders war. Die Diakonie, der das Haus gehört, hat damals schnell reagiert und den damaligen Heimleiter entlassen. Seither ist ein frischer Wind eingekehrt und neben den Bewohnern des Hauses fühlt auch das Personal sich wohler.
Ganz sicher gibt es in jedem Pflegeheim einzelne Bewohner, die sich nicht so zu Hause fühlen. Das hat aber oft persönliche Gründe. Oft ist es so, dass die Angehörigen selten oder fast gar nicht mehr zu Besuch kommen, sich an den Festen und Aktionen im Hause nicht beteiligen, keinen Einblick in den Alltag ihres Angehörigen haben. So können sie auch nicht eingreifen, wenn vielleicht doch einmal etwas schiefgehen sollte.
Es gibt aber auch den Fall, dass ein Heimbewohner mir erzählt, dass seit Wochen kein Angehöriger mehr da war, dass der Sohn nie anruft, dass man sich ganz verlassen fühlt. Ich erkundige mich dann beim Zimmernachbarn oder beim Personal und erfahre, dass die Angehörigen regelmäßig kommen und dass der Sohn durchaus häufig anruft. Das gehört leider auch zum Alltag in einem Pflegeheim und dieses Vergessen ist ja oft auch der Grund der Einweisung in eine betreuende Einrichtung.
Nun bin ich also innerlich genügend vorbereitet auf das Osterfest und danke meinem „Außenposten“ im Haus Abendschein, dass er mir den Zauber des Osterfestes, das ja ein Fest der Auferstehung ist, nahegebracht hat.