Nichts bleibt wie es ist.
Leider gibt es nicht nur Gutes und Erfreuliches zu berichten. Man könnte meinen, dass das Sterben in einem Pflegeheim nichts Ungewöhnliches sei. Es stimmt natürlich, dass im Laufe von Jahren immer wieder Lücken im Speisesaal zu entdecken sind, wenn man als Besucher kommt. Manchmal erfährt man, dass der Vermisste leider bettlägerig geworden ist und seine Mahlzeiten im Zimmer einnimmt. Man nimmt es anteilnehmend zur Kenntnis, ist aber nicht direkt betroffen, freut sich, dass der Bewohner immerhin noch unter den Lebenden ist.
Dies kann ich leider von den wichtigsten Bezugspersonen meines Schützlings im Pflegeheim nicht sagen. In den letzten drei Wochen trafen ihn zwei schwere Schicksalsschläge hintereinander. Der wichtigste Mensch, der Außenkontakte für die Bewohner herstellte, indem er sich um einen Reigen von Veranstaltungen von Niveau im Haus Abendschein kümmerte, ist einer unheilbaren Krankheit nach kurzer Besserung nun doch noch erlegen. Er hinterlässt eine Lücke, die sich nur schwer schließen lässt. Dieser freundliche, umtriebige und unermüdliche Mann, der früher in seiner Stadt einen leitenden Posten in der Familienfürsorge hatte, nutzte seine alten Kontakte zu Vereinen, sozialen Einrichtungen und zur Stadt, um immer wieder Menschen ins Haus zu holen, die Vorträge hielten, Konzerte veranstalteten, Liedernachmittage begleiteten, einzelne Bewohner in ihren besonderen Anliegen oder Problemen unterstützten. Besonders beliebt waren auch die Dia-Vorträge, die Dr. F. über seine Reisen (mit seiner Frau) in alle Welt hielt. Für Menschen, die ans Haus gebunden sind, waren das „Fenster“ in eine Welt, die ihnen verschlossen ist. Nun kann man sagen, dass es doch Filme über andere Länder auch im Fernsehen gibt. Das stimmt schon. Die alten Menschen im Heim schätzten aber den Bezug zu der vortragenden Person, die sich durch die Bekanntschaft mit Dr. F. ergab und ziehen deshalb solche Vorträge sehr.
Kaum hatte mein Schützling die Trauerfeier für Dr. F. hinter sich, da traf die Nachricht ein, dass der zweite ehrenamtliche Betreuer, der sich in rührender Weise seit Jahren um den gehunfähigen und sprachlich gestörten J. kümmert, ins Krankenhaus kam und am Herzen operiert wurde. Nun ist auch er nicht mehr unter den Lebenden und J. fühlt sich (nach dem Tod seiner Mutter) zum zweiten Mal als „verwaist“. Er hat ja noch mich als Ehrenamtliche (und fürsorgliche Pflegekräfte im Heim) als Bezugsperson, aber der Kontakt zu einem männlichen Helfer war für ihn doch besonders wichtig und erfreulich und bedeutete einen großen Zuwachs an Lebensqualität. Eine Frau ist nicht der beste Kumpel für einen Besuch (per Rollstuhl) im Biergarten, im Eiscafé, im großen berühmten Dom oder in der Einkaufsmeile der Stadt. Schon allein meine fehlende Körperkraft für den Rollstuhl ist ein Hindernis. Es fehlt aber auch die typisch männliche Art, solche Ausflüge zu gestalten und zu genießen. Ich muss also passen und hoffe inständig, dass das Schicksal irgendwann wieder einmal ein männliches Wesen in das Haus Abendschein leitet, das Kraft und Mut genug hat, den Kampf mit den Tücken eines Rollstuhls aufzunehmen.
Viel Geduld wird nötig sein in der Zwischenzeit und mein Schützling muss sich auf seine eher „häuslichen“ Tugenden besinnen, seine Bücher wieder hervorholen, Musik hören und vorläufig mit der kleinen Rundfahrt um die Anlage von Haus Abendschein vorliebnehmen. Die schaffe ich gerade noch mit ihm. Nun hoffe ich auf einen schönen trockenen Sommer, denn das ist die Voraussetzung für solche Ausflüge.
Ich verweise in diesem Zusammenhang auch auf die Kategorie „Texte, Kurzgeschichten, Essays“ in der ich das Schicksal von J.M. in der Geschichte „Glück zwischen zwei Rädern“ beschrieben habe).