Jeder von uns hat das schon mal erlebt: Man denkt tagelang intensiv an jemanden, nimmt sich vor, ihn anzurufen. Das Telefon klingelt und man weiß – das ist er oder sie. Fast immer ist es tatsächlich die Person mit der man gedanklich so beschäftigt war. Ist das nun Zufall – oder ist es ein Zusammentreffen von verschiedenen Gegebenheiten, die in der Summe den Anruf notwendig gemacht haben? Denn meist geht ja solchem Nachdenken oder sich Erinnern an eine bestimmte Person zumindest im Unterbewußtsein eine Folge von Ursachen voraus. Sei es, dass man sich schon lange für irgendetwas zu bedanken hat bei dem Betreffenden, dann ist es das Schuldgefühl für das Versäumnis, das einen umtreibt. Oder es steht in Kürze ein Ereignis an, das mit der Person zu tun hat, an die man denkt wie z.B. der bevorstehende Geburtstag, Weihnachten, ein geplantes Klassentreffen, eine gemeinsame Sache, für die man evtl. Informationen von der Person erhofft, an die man gerade so intensiv denkt.-
Es gibt viele Menschen (auch Wissenschaftler wie Physiker, Philosophen, Psychologen, Parapsychologen sowie das weite Feld der Esoteriker), die vermuten, dass solche Zufälle, wie oben geschildert, auf einer feinstofflichen Ebene zustande kommen, die sich mit unserem normalen Wachbewusstsein und dem Verstande nicht fassen lassen, die gewissermaßen in einer zweiten Wirklichkeitsschiene stattfinden, die nur unserem Unbewussten zugänglich ist. Im Falle des Telefonanrufes haben sich dann die Gedanken der einen Person auf dieser zweiten Bewusstseinsebene mühelos mit den Gedanken der anderen Person „kurzgeschlossen“ und gegenseitig den Wunsch erzeugt, im Wachbewusstsein entweder diesen Anruf zu tätigen oder den Anruf zu erhalten. Der Rest ist dann nur noch eine Frage des Timings.
Es gibt umfangreiche wissenschaftliche und auch pseudowissenschaftliche Abhandlungen darüber. Weder die einen, noch die anderen haben endgültige Erkenntnisse über das Phänomen des Zufalls gefunden. Aber viele Ansatzpunkte, besonders in der Quantenphysik und der Psychologie deuten darauf hin, dass es innerhalb der berechenbaren Ordnung der Dinge nur einer winzigen Abweichung bedarf, um einen völlig neuen Zustand zu erzeugen, der anscheinend rein „zufällig“ entstanden ist.
Im Alltag ist es jedenfalls nicht so selten, dass sich bei manchen Menschen diese sogenannten „Zufälle“ häufen. Meiner Vermutung nach geschieht dies öfter als sonst bei besonders sensiblen oder etwas aufmerksameren Menschen. Zumindest sind diese Menschen eher bereit, ein Vorkommnis als bemerkenswerten „Zufall“ einzustufen. Manche nennen es auch „Fügung“, was natürlich voraussetzt, dass es da irgendjemanden (höheres Wesen, Gott?) oder etwas im Menschen selbst (Unterbewusstsein) oder in der Materie (Chaostheorie, Quantenmechanik) gibt, das die Ereignisse zu einem bestimmten Punkt hintreibt. Möglicherweise ist das Zusammentreffen von unvorhergesehenen Begegnungen oder der Gleichzeitigkeit von Ereignissen nur ein Resultat von vielen kleinen Wahrnehmungen, die sich im Bewusstsein besonders achtsamer Menschen zu einem Antrieb formen. Daraus entstehen dann Handlungen oder Ereignisse, die wir wegen der Übereinstimmung mit unseren Erwartungen und wegen der Gleichzeitigkeit mit konkreten Handlungen oder Vorkommnissen dann Zufall nennen.
Mich haben diese Zusammenhänge schon als Kind sehr interessiert und ich habe früh schon angefangen, mir darüber Gedanken zu machen. Zum Beispiel, als ich mit fünf Jahren in einen abseits gelegenen und von der Straße aus schlecht einsehbaren Gänseweiher fiel und dort glücklicherweise in der Nähe „zufällig“ ein junges Liebespaar spazieren ging. Ich hatte zufällig ein neues Kleid an, das so stark mit Appretur versehen war, dass es wie ein Fallschirm eine Blase bildete und mich trotz mehrmaligem Untertauchen letztendlich lange genug über Wasser hielt. Das Paar sah den „rosa Schirm“, der sich heftig bewegte und rettete mich. Das neue Kleid war übrigens der Grund, weshalb ich am Rande des Weihers entlangbalancierte, obwohl mir meine Mutter dies verboten hatte. Eitel wie ich war, wollte ich das neue Stück wenigstens den Gänsen zeigen.
Jedesmal, wenn mir im Laufe der Zeit so ein Zufall begegnet ist oder wenn ich von einer solchen Geschichte erfahren habe, nahm ich mir vor, sie aufzuschreiben. Ich habe es leider nicht getan.
Anlässlich einer Bahnfahrt in den Schwarzwald hat es sich nun „zufällig“ ergeben, dass ich einer älteren Dame gegenübersaß, die offensichtlich an einer Unterhaltung interessiert war. Über kurz oder lang kamen wir auf das Thema „Zufall“ zu sprechen und zwar deswegen, weil diese Dame zufällig auch nach Freudenstadt fuhr. Für sie war es die erste Reise dorthin, für mich eine langjährige Gewohnheit, da ich auf dem Wege zu unserer Ferienwohnung war.
„So ein Zufall“, entfuhr es uns beiden gleichzeitig, denn es wäre ja nicht ungewöhnlich, wenn die Fahrt meiner Zugbekanntschaft schon in Rastatt, Gengenbach oder sonst einem Städtchen entlang der Strecke geendet hätte.
Wir fingen also an, uns gegenseitig Zufalls-Geschichten zu erzählen. Die Reisezeit bis zu unserem Ziel reichte gar nicht, alle Vorkommnisse dieser Art zur Sprache zu bringen, und wir vereinbarten, uns die restlichen Geschichten nach und nach brieflich mitzuteilen. So kam ich mit der Zeit doch noch dazu, Zufallsgeschichten zu sammeln (oder mich meiner eigenen zu erinnern), – so wie ich es mir schon vor vielen Jahren einmal vorgenommen hatte.
Nora Zorn ©