Sie legt noch die Löffel neben die sechs Gedecke auf dem runden Gartentisch und geht einen Schritt zurück, um das Gesamtbild zu betrachten. Wie schön, nochmal an einem Spätsommerabend draußen sitzen zu können, gerade jetzt, wo sie Ingrid, eine Freundin aus der Schweiz, wiedersehen sollte. 25 Jahre hatte sie nichts mehr von ihr gehört, nachdem Ingrid damals Johannes geheiratet hatte. Nach der Geburt der Tochter (eine Geburtsanzeige erhielt Elira noch) waren beide dann von Luzern nach Zürich gezogen und der Kontakt zwischen den Freundinnen war abgerissen.
Heute nun hatte sich Ingrid zu einem Kurzbesuch angesagt. Auf der Rückfahrt von Helgoland wollten sie und ihr Mann in H. aussteigen (es ist etwa die Mitte der zu fahrenden Strecke) und zwei Stunden später nach Zürich weiterfahren. Übers Internet hatten sich die Freundinnen vor ein paar Monaten nach einigem Suchen wiedergefunden, kurz bevor die beiden Schweizer in Urlaub nach Helgoland fuhren.
Ingrid ist ein Glückspilz, sinniert Elvira, die Gastgeberin, während der Vorbereitungen so vor sich hin. Alles ist ihr gelungen; die Heirat mit einem Kollegen, die Geburt einer gesunden Tochter – genau, wie sie es sich damals gewünscht hat, als wir uns zuletzt gesehen haben, vor langer Zeit.
Nun noch schnell die Windlichter und die Kerzen anzünden, den Obstsalat mit einer Folie abdecken – uff, das wäre geschafft. Elvira hört, dass ihr Mann schon das Auto aus der Garage fährt, um die Gäste vom Bahnhof abzuholen.
Ria und Roland, die engsten hiesigen Freunde sind schon da und schlendern im Garten umher, wobei Ria laut ihre Kommentare zu der einen oder anderen Pflanze abgibt..
„Kommt bitte“, ruft Elira ihnen zu, wir trinken noch in Ruhe zusammen ein Bitterlemon – später wird es ja etwas hektisch und wir werden nicht viel Zeit zur Unterhaltung haben. Dann haben wir das unvermeidliche Thema „Oskar“ schon hinter uns, wenn die schweizer Gäste eintreffen, denkt sie. Oskar ist der inzwischen 35-jährige Pflegesohn von Ria, die außerdem drei eigene Kinder hat. Als frühere Heilerzieherin hatte sie in ihrem ersten Ehejahr und nicht lange nach der Geburt ihres ersten Kindes den kleinen Oskar aus dem Heim zu sich genommen, was gut für Oskar und schlecht für ihre Ehe war. Eine endlose Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen.- Zur Zeit ist Oskar wieder einmal arbeitslos, kommt aber mit Sozialhilfe und Rias zeitweiliger Hilfe einigermaßen klar und hat seit Kurzem eine eigene kleine Wohnung. So lange er „trocken“ bleibt, wird er zurechtkommen, seufzt Ria und ihr Mann verdreht die Augen zum Himmel. „Mit Gottes und unserer Hilfe“, sagt er, wird es wieder eine Weile gut gehen.
Inzwischen kommt Hans vom Bahnhof mit den beiden Schweizern zurück. „Wie schön, Dich wiederzusehen, schmal bist Du geworden“, meine liebe Ingrid. „Hallo Johannes, endlich lernen wir Dich kennen. Setzt Euch bitte – was möchtet Ihr trinken“?
Nach einer turbulenten Phase des Begrüßens, Schauens, Fragens sitzen alle und Elvira trägt den Pounti auf, einen Kräuter-Eierkuchen aus der Auvergne. Der Korb mit dem Weißbrot wird herumgereicht, Johannes berichtet von den vielen Reisen, von seiner und Ingrids Arbeit als Lehrer; er spricht für beide. So viele Reisen, so viel gemeinsame Arbeit, wie schön das sein muss, denkt Elvira mit einem kleinen Anflug von Neid. Ingrid, die früher so Gesprächige, sagt kaum etwas. Die ehemals selbstbewusste Schweizerin, die Elvira damals beim Ferienkurs in Bournemouth kennengelernt hat, scheint in dieser Ehe den Part des Zuhörers zu haben. Verwundert sieht Elvira die so veränderte Freundin an, die ihrem forschenden Blick ausweicht.
Ein Handy klingelt, Ria springt auf, entschuldigt sich kurz und sagt, dass sie schnell nach Hause müsse.
„Wie schön die Muster sind, die die Zweige der Bäume als Schatten auf die helle Hauswand werfen“, sagt träumerisch Ingrid und lehnt sich entspannt zurück. „Ja,“ sagt Hans, Elviras Mann, „und wie laut die Musik aus Nachbars Garten herüberschallt“. Mal abwarten, was für eine Ausrede für den Lärm sie sich diesmal basteln werden, setzt er noch hinzu.- Elvira trägt das Geschirr ins Haus – es ist ihr lästig, ihren Mann daran zu erinnern, dass er ihr helfen wollte. Als sie zurückkommt, sagt Hans gerade, dass er morgen endlich die Hecke schneiden wird – und Elvira denkt, dass er das schon vor einer Woche hätte machen können.-
Fruchtfliegen tanzen über dem Obstsalat, die flackernden Windlichter haben sie angelockt.-
Johannes, ganz Lehrer, zitiert Rilke: „Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß, leg‘ deinen Schatten auf die Sonnenuhren -“, weiter kommt er nicht, da Ria gerade zurück kommt. Sie flüstert ihrem Mann etwas ins Ohr. Trotz der Dunkelheit sehen alle, dass er blass wird. „War es Oskar „ – fragt Elvira, aus der Küche kommend, und Ria nickt nur kurz. Woher weißt Du es, fragt Roland die nun neben ihm sitzende Elvira. Vorhin, als ich in der Küche war, hörte ich im Radio „….ein 35jähriger Mann, … ertrunken im Neckar“ sagt Elvira und fügt hinzu: „Alkohol, eine Mutprobe, vermutet die Polizei“. Ria sagt leise: „Das war Oskars letzter Sommer.“ Ich erzähle es euch später. Die Gastgeberin ist ihr dankbar, dass sie jetzt schweigt, denn der kurze Aufenthalt von Ingrid sollte von diesem traurigen Vorfall nicht mehr als nötig überschattet werden.
Jeder hängt eine Weile seinen Gedanken nach. Es ist immer noch warm, ein leichtes Abendrot im Westen, ab und zu zieht eine langezogene Wolke darüber hin.
Später fährt Elvira die Gäste zum Bahnhof. „Du hast gar nichts von eurer Tochter erzählt,“ sagt sie zu ihrer Schweizer Freundin. „Ich wollte uns allen den Abend nicht verderben „ – erwidert diese. Und sie sieht plötzlich alt und müde aus. „Schreib‘ mir bitte“, sagt Elvira zu der aus dem Abteilfenster winkenden Ingrid. „Sobald ich zu Hause bin, schreibe ich dir, wie das alles passiert ist mit unsere Tochter“, ruft Ingrid noch, als der Zug schon rollt. Neben ihr steht ihr Ehemann, er wirkt wie versteinert. Das klingt nicht gut denkt Elvira, als sie die Bahnhofshalle verlässt. Ein Schatten also auch auf diesem Paar.
„So ein schöner Sommerabend“; geht es Elvira durch den Kopf und lässt sie kurz aufseufzen, als sie nach der Rückkehr vom Bahnhof von der Garage aus auf die im Kerzenlicht sitzende Gruppe im Garten zugeht.
Man sollte die Zeit anhalten können … ! Unwillkürlich verlangsamt sie ihre Schritte. Wenigstens noch ein paar Sekunden möchte sie das Gefühl genießen, dass die Welt heil ist dort im Lichtkreis.
Nora Zorn ©