Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Heiratsanzeigen in der Zeitung mit dem Satz anfingen: „Auf diesem nicht mehr ganz ungewöhnlichen Wege suche ich eine Frau …..“
Inzwischen ist diese Art der Partnersuche erweitert worden durch die vielen Möglichkeiten im Internet, einen Lebensabschnittspartner oder gar einen Partner „fürs Leben“ zu finden.
Noch vor dreißig oder vierzig Jahren, als ich z.B. im heiratsfähigen Alter war, da rümpften wir die Nase und steckten die Köpfe zusammen, wenn wir hörten, dass jemand aus dem Bekanntenkreis oder einer der Kollegen „auf diesem nicht mehr ganz ungewöhnlichen Wege“ einen Partner gefunden hatte. Meist wurde diese Art des Kennenlernens auch verschwiegen. Man hielt diese Art der Vermittlung für sehr modern, jedoch auch für riskant, auch für etwas anrüchig, obwohl es dafür kaum Anhaltspunkte gab. Manche Ehe, die durch persönliche erste Begegnungen oder Liebe auf den ersten Blick geschlossen wurde, hielt bei weitem nicht so gut oder so lange wie eine mit Bedacht per Anzeige eingeleitete Partnerschaft.
Ich fand vor kurzem im Nachlass meiner Schwiegereltern einen Brief, der mir zeigte, dass zum Beispiel um 1920 das Kennenlernen durch Vermittlung von Fremden oder innerhalb der eigenen Verwandtschaft ganz selbstverständlich war. Auch Zeitungsannoncen gab es damals schon, besonders in kirchlichen Blättern, die ja daran interessiert waren, dass Menschen der gleichen Konfession die Gelegenheit hatten, sich zwecks Eheschließung kennenzulernen.
Mein Schwiegervater jedenfalls ließ, als er jung und heiratswillig war, überall in seinem Freundeskreis verlauten, dass er sehr gerne eine wohlhabende junge Frau kennenlernen würde, da er selbst zwar einen guten Beruf und eine zu erwartende gute Altersversorgung in Form einer Beamtenpension hatte, aber selbst kein Vermögen. Ein Freund von ihm kam öfter in eine Wirtschaft in R. in der Pfalz. Dort bedienten ab und zu junge, wohlerzogene Mädchen, die entweder mit der Wirtin verwandt oder gut bekannt waren. Die meisten hatten gerade eine Haushaltungsschule in Bad Homburg absolviert, was damals als eine gute Vorbereitung auf die Ehe galt. Dieser Wirtin erzählte der junge Mann von den Heiratswünschen seines beamteten Freundes und fragte, ob sie da nicht jemanden empfehlen könnte. Daraufhin schrieb die Wirtin dem jungen Mann sehr bald einen sehr offenen, praktischen und informativen Brief, der jeder professionellen Heiratsvermittlerin unserer Zeit alle Ehre gemacht hätte.
Sie hatte sich in der Zwischenzeit im Kreis der jungen Damen umgehört und herausgefunden, dass eine gebildete, vermögende Bauerntochter (die das Gymnasium besucht und Abitur gemacht hatte), sehr gerne einen Beamten heiraten würde. Geld habe ich selber, soll sie gesagt haben und ein Beamter hat ein gutes Ansehen in der Gesellschaft und bekommt eine Pension im Alter. Das würde ihr gefallen. Also schlug die tüchtige Wirtin des Güldenen Schafes vor, dass der heiratswillige Beamte an einem der kommenden Sonntage wie zufällig in die Gastwirtschaft kommen sollte. Die Wirtin wollte es so einrichten, dass an diesem Tage die junge Frau beim Kaffeeausschank mithalf. denn sie war weitläufig mit ihr verwandt. Deshalb konnte sie in dieser heiklen Angelegenheit auch auf die Mit-Hilfe der Mutter des Mädchens rechnen. So könnten sich die jungen Leute unverbindlich betrachten und dann einen Entschluss fassen
Gesagt, getan. Der junge Obersekretär der Stadt M. kam, sah die blonde, ansehnliche junge Frau. Diese betrachtete ihn aus dem sicheren Schutz der Theke und unter den wachsamen Augen der aufmerksamen Wirtin – und sie fand Gefallen an dem gut aussehenden jungen Mann. Ein paar Tage später ging ein Brief hin, ein Brief her, der junge Mann sprach bei der verwitweten Mutter der jungen Frau vor und die Verlobung war perfekt und die Eheschließung folgte nicht lange später. Jeder bekam, was ihm fehlte und beide blickten, was die Zukunft betraf, in die gleiche Richtung. Die Ehe hielt fast 50 Jahre und endete mit dem Tod der Frau.
Soviel also zu sogenannten „Vernunftehen“. Wenn man die vielen heutigen Scheidungen betrachtet, die den romantischen Liebesverbindungen folgen, kommt man ins Grübeln, ob es bei dem wichtigen Schritt in eine gemeinsame Zukunft nicht besser wäre, etwas mehr Vernunft walten zu lassen. Die Single-Börsen und die kommerziellen Partnervermittlungen sind da vielleicht schon auf dem richtigen Wege, denn die wichtigsten Daten sind den Interessierten ja schon bekannt, bevor sie sich auf eigenen Wunsch persönlich kennenlernen. Wenn dann zur Vernunft auch noch Liebe kommt, kann es ja nicht schief gehen.
Nora Zorn ©