Eine Geschichte, die mir beim Gang über den Mannheimer Hauptfriedhof eingefallen ist. Dort befinden sich beide Gräber, das Grab des Täters und des Opfers.
August von Kotzebue, der zeitweilige russische Theaterdirektor, Staatsminister und preussische Generalkonsul in Königsberg und gefeierte vielgespielte Bühnendichter hat genug für heute und verlässt die Probebühne des Mannheimer Nationaltheaters.
Zur gleichen Zeit sitzt ein am Vortag angekommener Reisender in einer Schänke in der Nähe des Quadrates A 2. Der studentisch aussehende junge Mann unterhält sich mit den Kutschern und fragt diese nach der genauen Adresse von August von Kotzebue, da er mit diesem eine wichtige Angelegenheit zu besprechen habe.
Der zu Fuß gehende Theaterautor und Regisseur genießt die frische Märzluft. Er holt einige tiefe Atemzüge und wendet sein Gesicht der hinter der Jesuitenkirche gerade untergehenden Märzsonne zu. Welch‘ eine Wohltat nach dem langen Winter, seufzt er behaglich. Obwohl er gewöhnt ist an die stickige Bühnenluft und sie nicht missen möchte, ist er im Augenblick glücklich, auf dem Heimweg zu seiner Wohnung unweit des Theaters zu sein.
Ein Paar kommt ihm entgegen und die Dame löst sich vom Arm ihres Begleiters, geht auf den Theaterdichter zu und ruft: „Wie schön, dass ich sie treff‘! Ihne ihr neies Stück, Herr Kotzebue, des isch awwer gar zu schää, des muss mer ihne losse!“ Des Langen und Breiten gibt sie sich als begeisterte Theatergängerin zu erkennen und will ihn gar nicht weglassen. Der Geschmeichelte dankt artig und mit innerer Freude. „Das ist doch mal was Anderes als das Gezeter der Studenten in Jena und Weimar“ denkt er, während er seinen Weg endlich fortsetzen darf. Wie schwer waren die letzten Jahre bis zu seinem Wegzug dort in mancher Hinsicht gewesen.
Immer wieder kam es zu Störungen der Aufführungen durch burschenschaftlich organisierte Gruppen. Besonders während des Burschenschaftstreffens auf der Wartburg im Oktober 1817 war es fast unerträglich geworden. Von den revolutionären Ideen der französischen Revolution aufgehetzte Wirrköpfe hatten sich in Horden vor der Weimarer Bühne und auch in der Universität Jena eingefunden. Sie verfassten Flugblätter, versuchten mit Sprechchören die Aufführung von Stücken zu stören. An der Universität hinderten sie die Professoren an der Durchführung ihrer Vorlesungen. Für Presse- und Redefreiheit kämpften sie und forderten die Abschaffung der bestehenden Ordnung. Sogar den alten Goethe in Weimar und auch ihn selbst hatten sie als „Fürstendiener“ beschimpft.
„Weshalb mich“ , murmelt er halblaut vor sich hin, während er so dahinschreitet. „Ist es denn verwerflich, wenn man das Volk mit guten Komödien unterhalten will? Haben es die Leute nicht schwer genug im Alltag? Und was ist dagegen zu sagen, dass ich damit Erfolg und mein gutes Auskommen habe“ denkt er fast trotzig. Hunderte von begeistert aufgenommenen Aufführungen seiner humorvollen und auch bisweilen sozialkritischen Stücke hatte es in den vergangenen Jahren auch schon in Mannheim gegeben. Eine solche Erfolgsbilanz hatte nicht einmal der Musensohn in Weimar vorzuweisen, summierte der Fußgänger zufrieden vor sich hin. Er war inzwischen sogar stehengeblieben an der Ecke vor A 2, um sich diesen Gedanken intensiver widmen zu können.
„Hier in Mannheim gibt es keine aufmüpfigen Studenten und auch keine Literaten, die mir meinen Erfolg nicht gönnen. Ich werde mit den Meinen hier bleiben, bin ja nun schon lange genug zwischen Weimar, Königsberg, Petersburg und Mannheim hin- und hergezogen. Mit meinen über 60 Jährchen bin ich ja auch der Jüngste nicht mehr. Und zudem lebt es sich gut in dieser Stadt.“
Mit einem Lächeln denkt er an seine Frau und seine Kinder, die hier in der schönen Wohnung im zweiten Stock auf ihn warten. Sie haben sich schnell und sehr gut in Mannheim eingelebt und das innerhalb eines knappen Jahres. Kraft und Rückhalt geben sie ihm für seine vielfältigen Aufgaben, das weiß er nur zu gut und er ist ihnen dankbar dafür. „Die Kontakte nach Petersburg werde ich in Zukunft etwas reduzieren“ nimmt er sich vor. Dann habe ich mehr Zeit für meine Familie. „Meine Arbeit für den Zaren hat mir in den letzten Jahren nichts als Ärger eingebracht“, geht es ihm nun durch den Kopf. „Bei den Studenten bin ich schon im Verdacht, ein Spion und Vaterlandsverräter zu sein“, wenn ich das ernst nehme, was in den Flugblättern in Jena stand.
Ganz heiß ist es ihm geworden bei dieser Erinnerung und er lockert seinen steifen Hemdkragen ein wenig.
„Weg mit den Hirngespinsten“, ruft er sich nun zur Räson und nimmt die Stufen zu seiner Wohnung mit energischen Schritten. Das Dienstmädchen steht schon vor der Wohnungstür und flüstert ihm zu, dass ein Besucher aus dem Weimarischen drinnen auf ihn wartet.
Nachdem sie ihm den Mantel abgenommen hat, betritt er den Salon, wo er eine schlanke Gestalt vor dem Fenster stehen sieht. Der Besucher, ein junger Mann mit dunklem Haar und vor innerem Feuer glühenden Augen kommt auf ihn zu. Kotzebue sieht etwas aufblitzen, fühlt einen kühlen Schmerz in seiner Brust, die Beine versagen ihm den Dienst.
Das Mädchen sieht seinen Herrn zu Boden sinken, rennt schreiend ans offene Fenster und ruft: „Zu Hilfe, zu Hilfe, man hat meinen Herrn erstochen“. Auf der Straße hat sich schnell viel Volk versammelt, die Leute schauen entsetzt hinauf zum offenen Fenster, hören den Schrei der Ehefrau, das Wimmern der Kinder.
Aus dem Haus wankt blutend ein bleicher junger Mensch, lächelt trotz der Verletzungen. Sein Selbstmordversuch sei gescheitert, gibt er errstaunlich gefasst der Polizei zu Protokoll und fügt freiwillig seine Personalien hinzu: Karl Ludwig Sand, geboren am 5. Oktober 1795 in Wunsiedel, Theologiestudent in Erlangen. „Ich habe den Vaterlandsverräter Kotzebue ermordet“ sagt er ruhig und mit Stolz.
Mannheim, den 23. März 1819, schreibt der Beamte unter sein Protokoll.
Nora Zorn ©