Timos Schächtelchen oder die etwas andere Weihnachtsgeschichte:
Er kommt nur am 24. Dezember, weil er vorher noch Prüfungen hat und gleich nach Heiligabend für ein paar Tage mit Kommilitonen in die Berge fahren will.- „Ach so, sagte ich, dann lohnt es sich ja kaum, einen Tannenbaum zu kaufen. Nur für uns zwei Alte, nur für Papa und mich allein -?!“
„Einen Baum brauchen wir ja nicht unbedingt, aber ein Strauß aus Kieferzweigen und ein paar Fichtenzweigen, das wäre nicht verkehrt“, sagte Piet, mein 26jähriger Sohn am Telefon kurz vor Weihnachten.
Etwas erstaunt war ich schon, dass mein sonst so nüchtern denkender Sohn (Informatikstudent, fast fertig) immerhin den Wunsch nach „etwas Grün“ äußerte. Obwohl er genaugenommen nur für ein paar Stunden da sein würde und es in den restlichen Nachtstunden vor seiner Abreise in die Ferien ja egal sein konnte ob Baum oder Strauß..-
Mein Mann und ich freuten uns, den Sohnemann mal wieder zu sehen und sei es auch nur kurz.- Er ist unser einziges Kind und wir sind sozusagen „spätberufene Eltern“. Um so mehr ist er unser großes Glück und unsere späte Freude, insbesondere, da weder seine Geburt, noch seine Kindheit bilderbuchmäßig verlaufen waren.
Gut sah er aus, als er am Nachmittag des 24. eintraf. – Beim Friseur war er gewesen (was nicht mehr so selbstverständlich ist, seit er studiert) und rasiert hatte er sich auch. Meist trägt er einen Dreitagebart und sieht mit seinen dichten schwarzen Haaren und den breiten, dunklen Augenbrauen über den dunkelbraunen Augen wie der Räuber Hotzenplotz aus. – Aber wie ein lieber Räuber Hotzenplotz.-
Während ich das Weihnachtsmahl zubereitete, bat ich Piet, das üppige Tannengrün in Eigenregie zu schmücken.- Die vielen Kartons mit dem alten und neuen Baumschmuck in reicher Auswahl hatte ich schon im Wohnzimmer bereitgestellt.- Einer plötzlichen Eingebung folgend hatte ich den Karton mit Timos Schächtelchen aber unter das Sofa geschoben, ziemlich weit nach hinten.-
Piet sagte, dass er sehr gern den Baum schmücken will und den Geräuschen nach, die aus dem Wohnzimmer kamen, hatte er inzwischen auch schon damit angefangen. – Noch letztes Jahr und all die Jahre vorher hatte er in geradezu kindlicher Weise darauf bestanden, zu dem bereits geschmückten Baum mit den schon entzündeten Kerzen gerufen zu werden.
Ja, groß und erwachsen ist er geworden und sehr selbstständig, dachte ich voll Freude und Dankbarkeit.
Das Essen war fertig, der Tisch gedeckt, die beiden Flöten und die Noten gerichtet, es konnte los gehen.- Obwohl weder Piet noch ich während des Jahres Flöte spielten, seit Piet der Faszination des Computers erlegen war, ließen wir es uns nicht nehmen, am Heiligabend gemeinsam ein paar Lieder und Melodien zu spielen. Es trug zwar nicht zur Besinnlichkeit bei, aber meist zur Erheiterung.- Wir spielten im Esszimmer und mein Mann war dankbares Publikum und froh, dass er auf diese Weise nicht zum Singen genötigt wurde.
Piet legte seine Flöte etwas früher beiseite, um die Kerzen im Wohnzimmer zu entzünden und mein Mann folgte und legte die Geschenke zurecht.-
Wie groß war meine Überraschung, als ich im Kerzenschein sah, dass das Tannengrün über und über mit Timos Schächtelchen geschmückt war. Nur wenige Goldkugeln und Sterne fanden sich zur Auflockerung dazwischen.
Er hatte sie also gesucht, gefunden und aus eigenem Antrieb zum Schmücken des Tannengrüns genommen. – Ein schöneres Weihnachtsgeschenk hätte mir Piet nicht machen können. Piet sah mich leicht verlegen an und meinte: „Na ja, es war ja wenig Platz dieses Jahr, weil es ja kein Baum ist. Trotzdem, Timos Schächtelchen, das muss sein!“-
Timos Schächtelchen gehören bei uns zur Weihnacht wie Hasen und Eier zu Ostern. Nur hatte ich in den letzten Jahren, seit Piet älter und erwachsen wurde, immer häufiger Bedenken, ob es denn richtig ist, ihm und uns allen Jahr für Jahr den Tannenbaum mit Timos Schächtelchen zuzumuten, etwas angereichert mit anderem Goldschmuck und roten Kugeln zwar, aber immerhin 24 goldene Schächtelchen. Und nun hatte unser Sohn diese Frage ( mit einem Handstreich sozusagen) für immer gelöst. Timos Schächtelchen müssen also sein.
Es wurde ein schöner Abend. Nach dem Essen saßen wir noch lange unter unserem Schächtelchenbaum und jeder hing so seinen Gedanken nach, nachdem wir die Geschenke gebührend gewürdigt und uns eine Weile unterhalten hatten. Jeder wußte von jedem, dass er wenigstens für ein paar Minuten in Gedanken bei Timo war, dem Goldjungen, wie wir ihn genannt hatten, als er noch lebte.-
Timo war an einem Frühlingstag in die Klasse der damals 10-Jährigen gekommen, da seine Eltern erst dann in die Nähe unserer Stadt gezogen waren und einen Betrieb für Landschaftspflege eröffnet hatten.- Die Lehrerin setzte Timo neben Piet. Er hätte sich sowieso neben ihn gesetzt, erzählte Timo später.
Blond, rotbackig, blauäugig, groß und kräftig und mit einem wachen Geist und einem ausgeglichenen Temperament war er ausgestattet.- Ein richtiger Goldjunge. Die Klasse empfand den Neuzugang als Bereicherung und Timo fügte sich nahtlos in den Schulalltag und den Klassenverband ein.- Er hatte ein sonniges Gemüt, das mit Zeiten von Ernst und Nachdenklichkeit glücklich gepaart war. Vielleicht deshalb, weil er zu Hause viel mithelfen mußte und daneben noch seine jüngere Schwester „zu beschützen“ hatte, wie er es nannte.- Die Arbeit im Gartenbaubetrieb ließ ihn kräftig und braun aussehen im Verlaufe des Sommers.
Trotz der vielen Aufgaben, die er hatte, verbrachte er so viel Zeit wie nur ging mit Piet. Die beiden hatten viele gleiche Interessen und verstanden sich auf Anhieb.
Für Piet war das nicht so selbstverständlich, dass der starke und bewegliche Timo so gerne kam und sein Freund wurde. Denn gerade im letzten Jahr hatte Piet immer weniger Zeit mit seinen alten Freunden verbracht, da diese anfingen, ganze Nachmittage lang Fußball zu spielen, Rad zu fahren und andere bewegungsintensive Sportarten zu betreiben.-
Sie waren sehr beschäftigt.
Beschäftigt war Piet auch. Er spielte mit Dingen, die man zur Not auch im Sitzen tun konnte und er las viele, viele Bücher – und zwar mit Begeisterung.- Oder er spielte Reporter mit seinem Radio und dem Handmikrofon, oder beschäftigte sich mit Legosteinen oder Vaters altem Steinbaukasten. Unser Garten, die Schaukel, der riesige Sandplatz mit Wassermatsch-Möglichkeit war seine Welt – und das Gymnastikzimmer mit Therapieliege, Therapieball, und noch einiges mehr.-
Neun Wochen nach seiner Geburt hatten wir mit der Heilgymnastik begonnen. Viermal täglich wurde er jahrelang „beturnt“, wie man das damals nannte.- Viele andere Therapien kamen im Laufe der Jahre hinzu, andere wurden gelockert oder weggelassen. – Sauerstoffmangel bei seiner Geburt hatten sein Hirn im Bewegungszentrum so geschädigt, dass er ohne diese Behandlungen sein Leben im Rollstuhl hätte verbringen müssen.-
Es hat sich gelohnt und er konnte eine normale Schule besuchen, obwohl ein Teil der Lähmung und ein Teil der Spastik zurückgeblieben war.- Er hatte viele Freunde, als er klein war – aber gerade zu der Zeit, als Timo in sein und unser Leben trat, zogen diese sich mehr und mehr auf den Fußballplatz zurück.
Es war eine schöne Zeit für Piet und auch für Timo – bis Timo eines Tages anfing ganz leicht zu hinken und über Schmerzen im Oberschenkel klagte. Als sich dies nicht besserte, gingen seine Eltern mit ihm zum Arzt.- Die Diagnose ließ uns Erwachsenen das Blut in den Adern gerinnen. Wie sollten die geschockten Eltern ihrem Sohn klarmachen, dass man ihm ein Bein bis zur Hüfte abnehme musste? Wie sollten wir es unserem Sohn klarmachen, dass das notwendig ist, um Timos Leben zu retten. Vorläufig, wie wir Erwachsenen ahnten.-
Timo war ein sehr tapferer Junge. Bald konnte er mit seiner neuen Beinprothese wieder mit Piet im Garten spielen und kleinere Ausflüge machen. Es gibt schöne Fotos von Timo, wie er auf der Leiter steht, um Zwetschgen zu pflücken und andere Fotos zeigen die zwei Freunde bei einem kilometerlangen Marsch durch die langen Stollen eines Salzbergwerkes, das wir mit den Kindern besuchten.- Zwei glückliche Jungs auf Entdeckungsreise.- Beide nicht so ganz fit, aber glücklich und froh.
Für ein paar Wochen konnte er vor den Sommerferien auch wieder am Unterricht teilnehmen. Timo konnte natürlich nicht in die Ferien fahren, da er Therapien über sich ergehen lassen mußte. – Durch die Abwesenheit der Schulkameraden wurde es ziemlich einsam um ihn. Piet war die meiste Zeit aber da und sie telefonierten und wir besuchten Timo, so oft wir konnten.
Es war November geworden, die Klasse werkelte und bastelte für den bevorstehenden Adventsbazar.- Timo fehlte. Sein Zustand hatte sich rapide verschlechtert, bald bekam er eine Augenklappe. Sehstörungen, sehr starke Kopfschmerzen und Schwäche kamen hinzu. Eine Zeit lang spielten sie Schiffskapitän und Pirat wegen der schwarzen Augenklappe.- Die Klassenkameraden kamen immer seltener, da die Mütter meinten, ihren Kindern den Anblick nicht zumuten zu können. Die Lehrerin kam häufig und war ein großer Trost für Timo und für die Eltern.
Auch Timo wollte einen Beitrag leisten für den Bazar zugunsten der Schule, erzählte Piet nach einem Telefongespräch. Und so war es auch.
Ich hatte beim Bazar einen Stand mit Basteleien und sah Tomo als Erste, als er von seinem Vater in den Raum hereingerollt wurde.- Innerhalb kurzer Zeit war eine erschreckende Wende eingetreten. Grau, blass, hager saß Timo im Rollstuhl – aber glücklich hielt er ein Tablett auf seinem Schoß, auf dem viele, viele quadratische goldene Schächtelchen lagen. Jedes war mit einem rotem Band verschnürt und sah wie ein weihnachtliches Päckchen aus. Alle hatte Timo trotz Schwäche und Kopfschmerzen alleine gebastelt, während die Eltern arbeiten mußten und die Schwester in der Schule war. Stolz und erwartungsvoll wartete er auf Käufer.
Die blieben aber bis auf wenige Ausnahmen aus. Die Großen wie die Kleinen erschraken wegen Timos nicht zu übersehender Veränderung – oder sie übersahen ihn in dem großen Gedränge, da er tat mit seinem Rollstuhl tatsächlich auch in einer nicht gut einsehbaren Ecke saß.
Piet hatte Bazaraufgaben übertragen bekommen und konnte auch nicht immer da sein. Er hatte aber einige Schächtelchen bei Timo für sich und als Geschenk für Freunde und Verwandte erworben.
Am Ende des Bazars waren noch viele, allzuviele Schächtelchen auf dem Tablett.- Da hatte ich eine Eingebung. Ich kaufte so viele Schächtelchen, dass ich am Ende 24 hatte und Timo verschenkte die restlichen an Schulkameraden.
Aus den 24 goldenen Schächtelchen machten ich dann einen Adventkalender für Piet, indem ich in jedes eine Kleinigkeit hineinsteckte. Ein Stückchen Schokolade, ein paar Münzen, ein Gedicht, einen Gutschein, ein paar Kekse.- Nie wieder hatte Piet so viel Freude an einem Adventkalender, wie er später sagte.
Weihnachten mit seinen Ablenkungen ging vorbei. Am Neujahrstag rief Timo an und bat uns, mit unserem Filmprojektor zu ihm zu kommen und ihm den Film von Piets Geburtstag im September vorzuführen.- Es war ein sonniger Tag mit Eisglätte auf den Straßen und einem sehr kalten Wind. Die Kinder genossen die Vorführung. Es war lustig, zu sehen, wie Timo im Sommer seine Beinprothese ins Gemüsebeet geworfen hatte und mit glänzenden Augen ganz „ohne“ am Lagerfeuer saß, wo die Geburtstagsgäste Würstchen brieten. Auch die Szene auf der Leiter im Zwetzschgenbaum war auf den Film gebannt und Timo hatte seine Freude daran.–
An einem sehr kalten Tag wenige Zeit später war Timos Beerdigung. Piet hatte eine sehr schlimme Grippe und ich auch.- Auch wenn wir beim Abschied nicht dabei sein konnten, so waren wir in Gedanken doch bei Timo. Piet sang trotz Fieber das „Paradiesgärtleinlied“ , das Timo so liebte und sagte, dass Timo wie eine Sternschnuppe war in seinem Leben. Wie ein glänzender Stern – aufgetaucht, geglüht und wieder verglüht.- Und Piet sagte auch, dass Gott gemein ist, weil er nicht auf die Gebete von Piet gehört hat und auf die Bitten der Klassenkameraden und der Eltern und der Schwester.- Und ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte.
Im Jahr darauf schmückten wir zum ersten Mal unseren Weihnachtsbaum mit Timos Schächtelchen. Und dann alle Jahre danach auch. Und dieses Jahr hatte unser inzwischen erwachsener Sohn Piet entschieden, was auf den Baum gehört: „Timos Schächtelchen – das muss sein“ hatte er gesagt.
Von nun an will ich sie ganz besonders sorgfältig wieder wegpacken, damit sie ein langes Leben haben und auch noch in Piets zukünftiger Familie den dann hoffentlich noch üblichen Weihnachtsbaum schmücken – . Falls Piet dann noch den Wunsch hat und den Mut, zu sagen: Timos Schächtelchen – die müssen sein!
Nora Zorn ©
Timos Schächtelchen müssen sein und die Gewissheit, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Danke für diese wunderbare Geschichte.