Schlaftrunken schlurfte Julius so leise wie möglich in die Küche zum einzigen Wasserhahn in der Zwei-Zimmer-Wohnung. Er wollte die beiden Geschwister, die dort auf dem Sofa schliefen, nicht wecken und vor allem nicht den „Zimmerherrn“ im Nebenraum. Ein paar Schlückchen Wasser, eine Handvoll Nass ins Gesicht, rein in die Hosen und die Schnürstiefel gebunden – schon war er weg. Es war noch dunkel draußen, aber er musste in dieser Morgenfrühe schon fort, denn er hatte einen längeren Fußmarsch vor sich. Nur ein paar Arbeiter kamen ihm entgegen, ihre abgetragene Tasche mit dem Vesper unter den Arm geklemmt.
Ein paar Straßen weiter traf er auf seinen Schulkameraden, der das gleiche Ziel hatte wie er. Einerseits war es ihm recht, etwas Gesellschaft und Hilfe zu haben, andererseits war der andere eine Konkurrenz für ihn.
Es dämmerte schon, als sie am Rhein-Hafen ankamen. Und tatsächlich lagen dort einige Lastkähne und Frachtschiffe, die gerade gelöscht wurden. Julius seufzte erleichtert auf. Das Gerücht bestätigte sich, dass möglicherweise eine Ladung Kohle gekommen sei.
Schnell zogen die beiden 14-Jährigen ihre Hosen und Schuhe aus, rollten sie in die leichte Jacke und versteckten die Sachen im Gebüsch. Dann schlenderten sie fröstelnd dem Ufer entlang auf der Suche nach dem Kohlenschiff. Etwa in der Mitte der Reihe von Schiffen und Kränen konnten sie die dunkle Silhouette von aufgeschichteter Kohle auf einem Lastkahn ausmachen. Schnell rannten sie hinunter zum Wasser, holten die Jutesäcke aus ihrer Unterhose und legten sie in das Schilfgras am Ufer. Dann sprang Julius in die dunkle Brühe des Rheins und tauchte direkt zwischen den Anlegesteg und unter den hoch aufgerichteten Arm des hölzernen Krans. Mehr nach Gefühl, denn nach Augenschein suchte er nach Kohlebrocken, die während des Entladens in Ufernähe ins Wasser gefallen waren. Oft tauchte er ohne Beute auf, nur um nach Luft zu schnappen. Ab und zu aber hatte er einen schwarzglänzenden Brocken in den Händen, den er vom Wasser aus ans Ufer in Richtung des Kameraden warf, der ihn in den Jutesack stopfte.
Heute war ein guter Tag. Sei es, dass die Arbeiter die Jungen gesehen hatten und absichtlich hie und da einen Brocken daneben schaufelten, sei es, dass es Zufall war. Innerhalb einer Stunde hatte Julius für beide je einen halben Sack Kohle heraufgeholt. Sie schleppten die Säcke zu den versteckten Kleidern im Schilf und wuschen sich dort schnell die Kohlenschmiere aus den Haaren und dem Gesicht, zogen ihre trockenen Sachen an und schulterten die triefenden Säcke.
Zu Hause hatte die Mutter gerade die Zichorie-Brühe, genannt Kaffee, vom Herd genommen und mit Honig und Heißer Milch gemischt. Die Kinder tauchten ihr Brot hinein und bekamen noch je einen Apfel in die Hand für die Schulpause. Der Zimmerherr erhielt ein gekochtes Ei, denn er war zahlender Untermieter, ohne den di Familie finanziell nicht zurechtkäme. Die Kinder wussten das und beklagten sich nicht.
Als Julius seine Schultasche schulterte, strich ihm die Mutter etwas verschämt über das Haar und sagte: „Julius, wenn ich dich net hätt‘.“ Und Julius lächelte vor Stolz und Freude und sagte:
„Nächstes Mal bring‘ ich dir noch ein paar Kohlebrocken mehr, das versprech‘ ich!“ Müde, aber zufrieden mit seinem Tagwerk am frühen Morgen stapfte er in Richtung Gymnasium. Er war der einzige der Kinder, dem die Mutter ermöglichen wollte, zu studieren. „Du hoscht än heller Kopp Julius, aus dir soll was werre“ hatte sie gesagt.
Nun war für einen Moment Stille eingekehrt, nachdem auch der Zimmerherr gegangen war. Die Mutter hatte das Bettzeug des Untermieters gelüftet, die Kissen aufgeschüttelt und das Bett bereit gemacht für ihren Mann, der gerade von der Nachtschicht bei der Bahn heimkam. Er hatte draußen den Kohlensack schon gesehen und murmelte müde: „Uff dä Julius kann mer sich verlasse, gell!“ Beide gönnten sich ein kleines, stolzes Lächeln.
Leise setzte sie noch schnell die Bohnensuppe mit dem Rinderknochen auf den Herd bevor sie zu ihrer Arbeit als Waschfrau ging. Ein Tag wie viele im Jahre 1906 nahm seinen Lauf.