(Gehört zur Kategorie „Bücher, die man auch heute noch lesen sollte“, auch wenn sie wie dieses, 1961 geschrieben wurden. Die Rezension bezieht sich auf die Ausgabe des Diederich-Verlages, dtv-Taschenbuch,Gebundene Ausgabe. 2007-07-17, ISBN: 3720530124 / 3-7205-3012-4)
Auch in diesen Tagen wälzen sich Flüchtlingsströme aus vielen Orten der Welt in langen Fußmärschen in vermeintlich sichere Gebiete und manchmal wissen sie nicht einmal wohin. Da ist es gut, sich zu erinnern, dass es diese Umschichtung von Völkern (als Folge des Zweiten Weltkrieges) auch bei uns gab.
Marion Gräfin Dönhoff (geboren 1909 auf Schloss Friedrichsstein in Ostpreußen, gestorben 2002 auf Schloss Crottorf in Rheinland-Pfalz) beschrieb in dem Buch „Namen, die keiner mehr nennt“, wie sie 1945 dem Einmarsch der Russen in Ostpreußen entkam, in dem sie erst zusammen mit Bediensteten des elterlichen Gutshofes (d.h. der Gutshöfe) auf dem Rücken ihres Pferdes in Richtung Westen floh. Als ihre Begleiter sich aufgrund der unmenschlichen Bedingungen des Flüchtlingstrecks entschlossen, nach Ostpreußen zurückzukehren oder zu bleiben, wo sie gerade angelangt waren, entschloss sie sich, den gefahrvollen Weg alleine fortzusetzen. Sie konnte sich unterwegs ein Bild davon machen, was der Krieg angerichtet hatte. Wie sie waren Tausende von Menschen mit ihrem Tieren überwiegend zu Fuß in Eis und Schnee unterwegs. Viele blieben erfroren am Wegrand zurück. Die Menschen waren zu geschwächt, um die Toten zu begraben – was auch wegen des bis in die Tiefe gefrorenen Bodens nicht möglich war.- Im Kapitel „Ritt durch Masuren“ ist dies in klarer Sprache ohne Wehleidigkeit beschrieben.- Das Schicksal derer, die „zu Hause“ blieben, war nicht weniger grausam. Sie waren Fremde geworden in der Heimat für lange Zeit. Allen, die ihren Weg begleiteten von Kindheit an bis zur Flucht setzt Marion Gräfin Dönhoff (zuletzt Mitherausgeberin der ZEIT) schreibend ein Denkmal.
Ein Kapitel ist dem Beitrag ihrer weitläufigen Familie im Widerstand gegen Hitler gewidmet In zwei weiteren Kapiteln verfolgt die Autorin die Geschichte ihrer vor 700 Jahren aus Westfalen in die Gegend von Königsberg ausgewanderten Familie. Viele Dönhoffs waren in fast allen Jahrhunderten aktiv gestaltend beteiligt an der preußischen (und deutschen) Geschichte. Sie taten dies als Gutsbesitzer, Militärs, Diplomaten oder in politischen Ämtern. Anhand dieser Familiengeschichte führt sie dem Leser vor Augen, wie wechselvoll die Geschichte Ostpreußens verlief und wie es z.B. dazu kam, dass es einen polnischen Zweig der Familie gibt.
Es wird in diesem sehr lesenswerten Büchlein kein Zweifel daran gelassen, dass die Autorin der Meinung ist, dass Kriege schon zu allen Zeiten nichts zum Guten gewendet haben. Immer wechselten glanzvolle Siege mit schmählichen Niederlagen ab und das „Volk“ hatte stets am meisten zu leiden – und sei es nur in Form von Entwurzelung. Gräfin Dönhoff kennt die Geschichte Europas bestens und den Platz ihrer Vorfahren inmitten des Geschehens. Sie hat tapferen, klugen, opferbereiten und verantwortungsbewussten Menschen ein Denkmal gesetzt, indem sie ihre Namen nennt, die inzwischen nur noch wenige Menschen der Gegenwart kennen, die aber nicht vergessen werden sollten. Man lernt und erfährt viel in diesem kenntnisreich und fesselnd geschriebenen „Familienalbum“, das nicht nur den Bereich der Familie Dönhoff beschreibt, sondern vieler Ostpreußen.
Marion Gräfin Dönhoff ist auf Schloss Crottorf (Rheinland-Pfalz) gestorben und fand ihre letzte Ruhestätte in der Nähe auf dem Friedhof in Friesenhagen.
Das Großartige an dieser Frau ist ja, dass sie weitergehende Verantwortung dafür übernommen hat, zu was christliches Denken und Adel im besten Sinne des Wortes sie verpflichteten.
Jetzt an diesem Artikel sehe ich auch, sie hat das Leben fest in den Blick genommen und den Tod der Tradition nicht gescheut sondern auch beschrieben.
30.11.2009
Diese Nachricht fand ich heute im Internet:
„(pdn) Die letzte Silber-Gedenkmünze dieses Jahres ist dem Andenken einer besonders beherzten und couragierten Frau gewidmet: Die ehemalige Herausgeberin der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ und Autorin zahlreicher Bücher, Marion Gräfin Dönhoff, hat zeitlebens Missstände angeprangert und ist gleichzeitig für Aussöhnung eingestanden. Am 2. Dezember 2009 wäre sie 100 Jahre alt geworden.“
Norella