Ich bin eine bekennende Kaffeetante und genieße jeden Morgen von Neuem die belebende Wirkung und den Duft dieses köstliches Getränkes. Um ehrlich zu sein, vor meiner ersten Tasse Kaffee früh morgens bin ich selbst ungenießbar.
An manchen Tagen fällt mir dabei ein, wie weit und lang der Weg war, den ich gehen musste bis zu meiner ersten Tasse Bohnenkaffee. Und dass ich den Kaffe zunächst keineswegs als Genussmittel, sondern als Zahlungsmittel kennenlernte.
In der ersten Nachkriegszeit war ich gerade sieben Jahre alt. Mein Vater, der gerade erst auf abenteuerlichen Wegen aus der russischen Gefangenschaft geflohen war und mit Hilfe des Roten Kreuzes seine Frau und die Kinder wiedergefunden hatte, versuchte einen Neuanfang. Es spielte für ihn keine Rolle in welchem Land dies sein würde, denn wir waren ohnehin Flüchtlinge und fühlten uns als Fremde in dem Ort, in dem wir uns 1947 befanden. Wir hatten Verwandte in New York und in Kanada. Diese wollten uns helfen, ein Visum für die Einwanderung zu bekommen. Bis dahin war es noch ein weiter Weg, denn es gab eine Quotenregelung in diesen Ländern, die jedes Jahr nur eine bestimmte Anzahl von Einwanderern zuließ. Eine Familie mit mehreren schulpflichtigen Kindern gehörte nicht gerade zu den Favoriten der aufnahmebereiten Länder.
Trotzdem betrieb mein Vater diesen Plan sehr früh und umsichtig. Dazu gehörte, dass er beschloss, dass seine beiden älteren Töchter, die gerade sieben und knapp neun Jahre alt waren, Englisch lernen sollten. Er nahm Kontakt auf zu einer Dame aus Berlin, die als „Ausgebombte“ in dem selben kleinen Ort im Kraichgau einquartiert war, in dem wir damals vorerst eine Bleibe gefunden hatten. Die Berlinerin fühlte sich nicht so besonders wohl in der ländlichen Gegend, erzählte viel von den besseren Zeiten, die sie vor dem Krieg erlebt hatte und unterstrich dies durch eine elegante Aufmachung, durch ein auffallendes und in dem kleinen Ort nicht gerade allgemein übliches Make-up. Es war nicht schwer, zu erfahren, dass sie Englischkenntnisse hatte und früher Übersetzerin war.
Wir Kinder fanden die ältere Dame aufregend und interessant und gingen gerne zu ihr. Als Gegenleistung sollte sie Bohnenkaffee erhalten, denn Geld hatten wir nicht. Unser Vater war arbeitslos, wie viele Väter damals.
Die Familie wartete nun immer ungeduldiger auf die seltenen Care-Pakete aus Amerika, die unsere Verwandten uns schickten. Neugierig verfolgten wir Kinder dann das Auspacken der überlebenswichtigen Grundnahrungsmittel. Am meisten freute sich unsere Mutter, wenn sie eine unscheinbare, meiner Meinung nach ziemlich hässliche, dunkelgrüne Dose im Paket fand. Angestrengt versuchten die Empfänger herauszufinden, was auf den Päckchen und Dosen stand. Die ganze Anstrengung half nichts, niemand konnte die englische Aufschrift lesen. Da half es nichts, dass mein Vater ungarisch und die Großmutter kroatisch lesen und schreiben konnten.
Diese für uns Kinder geheimnisvollen Dosen brachten meine Schwester und mich dann für längere Zeit in den Genuss von English lessons, die uns große Freude machten. Die Dame mit den rosa gepuderten Wangen, dem rotglänzenden Lippenstift, umweht von einem Hauch von Veilchen und Flieder, hatte die wundervolle Gabe, den Unterricht für uns Kinder zu einem großen Vergnügen zu gestalten. Sie hielt sich nicht sehr mit Grammatik und Vokabelübungen auf, sondern lehrte uns von Anfang an englische Kinderreime, Kinderlieder und Abzählreime. Im Zusammenklang mit der eingängigen Melodie dieser einfachen Liedchen war es ein Leichtes, sich auch den Text zu merken. Als Hausaufgabe mussten wir einige der Zeilen, die wir in den Lessons jeweils gelernt hatten, in ein Heft schreiben. Es verlief alles ohne jeden Druck und jede Aufregung. Auch das Aufschreiben war uns ein Vergnügen. Dieses Heft habe ich noch heute und die kindliche Schrift, die einfachen Verse, die rührend ordentlichen Buchstaben berühren mich beim Lesen jedes Mal aufs Neue.
Meine Schwester und ich sangen bald beim Geschirrabtrocknen: „Chimneysweep went for a walk ….“. Das Liedchen mit Kehrreim hatte viele Strophen und wir freuten uns immer, wenn der besungene Schornsteinfeger am Ende doch noch seine Liebste zum Traualtar führen durfte. Auch das Sprichwort: „An Apple a day, keeps the doctor away“ lernten wir in einigen Variationen und gaben diese da und dort zum Besten, worüber sich die Erwachsenen sehr amüsierten.
Noch heute fallen mir zur Rosenzeit im Juni immer wieder die Poesiealbumszeilen ein, die uns Frau K. damals beibrachte: „Roses are red, violets are blue, honey is sweet and so are you“.
Später bekamen wir auch noch ein Vokabelheft, das wir weiterhin auf spielerische Weise mit den neu gelernten Begriffen füllten. Irgendwann kam dann die Nachricht, dass wir nicht auswandern durften, da wir wegen einer Tb-Erkrankung unserer Mutter kein Visum erhielten. Der Traum unserer Eltern hatte sich zerschlagen, aber meine Schwester und ich konnten bei der durch Lehrermangel etwas verspäteten Einschulung schon Lesen und Schreiben und englische Kinderlieder, die wir gerne am Abend auf den Stufen des Hauseingangs sangen. Zur Abendzeit passend wählten wir die Geschichte von Wee Willie Winky, der nachts durch die Straßen schleicht und nachsieht, ob denn alle Kinder schon im Bett seien, „for it‘s now ten a‘clock“. Na ja, zehn Uhr war es ja nicht, denn wir mussten damals sicher spätestens um acht Uhr ins Bett. Aber singen konnten wir es ja, da die meisten Leute den Text nicht verstanden.
Heute erst weiß ich, wie schwer es für meine Mutter zu jener Zeit gewesen sein musste, die Dose mit Pulverkaffee als Zahlungsmittel für unseren Englischunterricht weiterzugeben. Wie gerne hätte sie sich an dem Duft der Kaffeebohnen und der belebenden Wirkung des aufgebrühten Kaffees erfreut. Und wie notwendig wäre diese Aufmunterung gewesen nach der Flucht aus der Heimat und all den Entbehrungen in der kargen Nachkriegszeit. Sie trank tapfer den etwas fade schmeckenden Getreidekaffee, um uns im Falle der Auswanderung einen guten Neuanfang zu ermöglichen, wohl wissend, dass wir ja dort gleich eingeschult würden. Dass ihr Opfer dann umsonst war, das muss für sie besonders bitter gewesen sein.
Erst ein Jahrzehnt später trank ich anlässlich einer Fahrt in den Schwarzwald mit Freunden die erste köstliche Tasse Kaffee mit Milch und Zucker. Es war in einem der gemütlichen Kaffee-Restaurants mit Kuchentheke, Häkeltischdecke und Plüsch-Sesseln. Zwischen den vom Kaffeedampf beschlagenen Doppelfenstern standen viele Parma-Veilchen, wie es damals Mode war. Wenn ich heute vor einer dampfenden Tasse Kaffee sitze, schweifen meine Gedanken gerne ab und ich wünsche mich zurück in diese Zeit des Aufbruchs, des Neubeginns nach den entbehrungsreichen Jahren nach Kriegsende. Alles war damals etwas Besonderes, alles ein erstes Mal, vieles für lange Zeit noch unerreichbar.
So viele Sorten Kaffee es heute auch gibt, so preiswert die Bohnen inzwischen auch sind, ich sehe in einer Tasse Kaffee immer noch etwas Besonderes, etwas Kostbares, denn diese Kaffee-Währung war für mich damals die Grundlage für den ersten Erwerb einer Fremdsprache, die mir im Laufe meines Lebens noch häufig von Nutzen war. Ich habe inzwischen erfahren, dass damals und heute die Kaffee-Währung in vielen Ländern einen hohen Stellenwert hat, ja häufig für den Einzelnen überall auf der Welt „Not-wendend“ war und ist.
Den höchsten Stellenwert hat jedoch eine Tasse Kaffee zur rechten Zeit, am rechten Ort und möglichst von der Lieblingssorte. Diese Sinnenfreude in Form eines Getränkes verdanken wir dieser vielseitigen, belebenden Gabe der Natur, der im Rohzustand eher unscheinbaren Kaffeebohne.
Obwohl ich mir den Kaffeegenuss nicht vermiesen lasse, denke ich doch immer wieder gern an das Kaffee-Lied, das ich mit meinen Schwestern als Kanon gesungen habe. Es ist geschrieben von Carl Gottlieb Hering (1777-1917) und lautet wie folgt:
„C-A-F-F-E-E (jeder Buchstabe ist einzeln als Note C, a, f usw. zu singen) , trink nicht zu viel Caffee! Nichts für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich schwach und krank. Sei doch kein Muselman, der ihn nicht lassen kann.“
(Ein Buch zum Kaffee habe ich gerade entdeckt beim Verlag Stories & Friends. Es heißt „Arabica & Robusta“, enthält unterhaltsame Kaffeegeschichten in einer sehr edlen Aufmachung und kostet 17,90 Euro)
Kaffee… ja. Balzac soll ja an die 60 Tassen täglich getrunken haben. Ich bin da etwas bescheidener, dafür aber auch nicht so produktiv.
Ich verlinke mal zu meinem Board, das Kaffeegedicht passt gut als Ergänzung zu diesem beitrag, finde ich.
http://rezitante.wordpress.com/2009/04/04/1619/
liebe Grüße
Bettina