Ein gutes Buch kann man immer wieder lesen, auch wenn es schon 1986 in deutscher Übersetzung erschienen ist.
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Der 1924 in Warschau geborene Rundfunkjournalist, Diplomat, Schriftsteller, Politiker und Botschafter des guten Willens im Auftrag der UNICEF setzte sich bis zu seinem Tode im Jahre 2000 für die deutsch-polnische Verständigung und Versöhnung zwischen beiden Ländern ein. Leider hat er die Aufnahme Polens in die Europäische Union im Mai 2004 nicht mehr erleben können. Sein wechselvolles Leben, das nicht frei von politischen und menschlichen Widersprüchen war, hat in einigen sehr lesenswerten Büchern seinen Niederschlag gefunden, ebenso in vielen Rundfunkinterviews, Zeitungsartikeln und Vorträgen. Schon in seinem Hauptwerk: „Eine Messe für die Stadt Arras“ hat er das Thema der Judenverfolgung, des Rassenwahns und die Frage der Schuld des Einzelnen und der Gesellschaft beleuchtet. Dieses Thema beschäftigte ihn vor dem Hintergrund der wechselhaften Geschichte Polens zeitlebens.
Mich hat besonders sein Buch „Die schöne Frau Seidenmann“ sehr beeindruckt, das bereits 1986 in einer schönen gebundenen Ausgabe vom Diogenes-Verlag herausgebracht wurde. Es verhalf ihm nach seiner deutschen Übersetzung (1988) zu internationaler Bekanntheit und Anerkennung.
Es ist ein Buch über eine furchtbare Zeit, geschrieben von einem, der damals in Warschau „mittendrin“ war, nämlich im KZ und mitten im Aufstand gegen die deutsche Besatzung im Jahre 1944. Man könnte denken, daß Andrzej Szczypiorski Grund genug gehabt hätte, mit d e n Deutschen abzurechnen und sie pauschal an den Pranger zu stellen. Stattdessen hat er ein Buch geschrieben, das jeden einzelnen damals schuldig gewordenen Menschen hineinstellt in sein einzigartiges Lebensumfeld, seine Vergangenheit und in die sich oft nur zufällig ergebende Situation, die ihn so und nicht anders unter den besonderen Umständen handeln lässt, dass man als Leser selbst für den größten Schurken im Umkreis von Frau Seidenmann ein Mindestmaß an Verständnis hat.
Es sind wunderbar feinfühlige und treffende Charakterstudien, die das Buch in eine Reihe mit den Werken Dostojewskis stellen. Alle Personen haben ihre ganz eigene prägende Geschichte in diesen schweren Jahren der deutschen Besatzung und des Gettos in Warschau im Jahre 1943. Ohne sie je persönlich getroffen zu haben, sind fast alle der Protagonisten auf die eine oder andere Weise in das Schicksal der schönen Jüdin Seidenmann verwoben. Das gemeinsame Schicksal der jüdischen Herkunft verbindet sie. Frau Seidenmann, die Witwe des jüdischen Arztes Ignacy Seidenmann handelt in jeder Situation instinktiv richtig, indem sie gerade so viel tut, als für ihr eigenes Überleben wichtig ist. Um sie herum bereichern sich Polen und Deutsche am Vermögen polnischer Juden, Deutsche töten Polen und Juden mit dem Hinweis auf den Befehl des Führers, Juden verraten Juden an die Deutschen, Deutsche beschützen jüdische Mitbürger, kath. Ordensschwestern retten jüdische Kinder mit Hilfe polnischer u. deutscher Amtsträger, die dies alles mit großer Selbstverständlichkeit tun, weil es „gerecht“ oder menschlich ist. Frau Irma Seidenmann, die durch ihre blonde Haarfarbe und ihre blauen Augen das Glück hat, durch das Raster der „jüdischen Merkmale“ zu fallen, nimmt auf ebenso abenteuerliche wie zufällige Weise eine neue Identität an und überlebt dadurch sogar die Denunziation durch einen jüdischen Landsmann. Sie versteht das alles letztendlich sowie so nicht, da sie doch nie eine gläubige Jüdin war und sich über die jüdische Religion auch nie Gedanken gemacht hatte. Die Rettung des Werkes (über Röntgenologie) von Dr. Ignacy Seidenmann ist ihr Lebenszweck und traumwandlerisch bringt sie sich durch Krieg und Verfolgung. Nach dem Krieg findet sie Arbeit in einem polnischen Ministerium, das im früheren Gebäude der Gestapo untergebracht ist. Dort erlebt sie 1968 einen neuerlichen antisemitischen Vorfall und wandert deshalb aus nach Paris. Dort trifft sie andere polnische Emigranten und fragt sich immer häufiger, wie das alles so gekommen ist und wie es möglich war, diese schrecklichen Zeiten zu überleben.
Es ist ein wunderbares, einfühlsames, historisch korrektes und doch nicht anklagendes Buch. Ein Buch das aufzeigt, wie Menschen aneinander schuldig werden können, ohne es im Einzelfall zu wollen. Eine der Aussagen ist, dass manchmal das Nichts tun rettender sein kann als das Handeln. Der Autor zeigt am Beispiel einiger Nebenschauplätze der Handlung, wie Menschlichkeit möglich sein kann auch in Zeiten von Krieg, Verblendung und Chaos. Ein unterhaltsames und lehrreiches und unglaublicherweise sogar heiteres Buch, das zwischen den Zeilen zu Vergebung und Versöhnung im Namen des friedlichen Zusammenlebens aufruft.
Ich halte dieses Buch für sehr lesenswert wegen seines Inhaltes, seines trotz des ernsten Themas fast heiteren Stils, der hervorragenden Übersetzung ins Deutsche und der lebensbejahenden Grundtendenz des Romans.
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