Nachruf für einen Lebenden
Rezension des Buches von Tilman Jens:
Demenz
Abschied von meinem Vater
Gütersloher Verlagshaus, 2009
144 Seiten, 17,95 Euro
Tilman Jens, der Sohn von Professor Walter Jens, der den ersten Lehrstuhl für Rhetorik an der Universität Tübingen inne hatte, hat in diesem bewegenden Buch schon jetzt seinem sehr verehrten und geliebten Vater ein Denkmal gesetzt, das ihm als Autor nicht gerade enthusiastische Anerkennung, als Mensch aber Häme und Verriss eingetragen hat.
Ein Mann des Geistes und des geschliffenen Dialoges
Walter Jens war zeitlebens ein Mann des Geistes, hat als Philologe, Literaturkritiker, Schriftsteller und Rhetorikprofessor unzählige Ehrungen erhalten und war und ist ein
viel gelesener Autor und eine hoch verehrte Geistesgröße von internationalem Format.
Um so schwerer ist es für seine große „Fan-Gemeinde“ zu akzeptieren, dass dieser Mann nun ein Pflegefall geworden ist und der umfassenden Fürsorge seiner Angehörigen und einer Pflegekraft anvertraut werden musste. Er ist auf dem Stand eines Kleinkindes, das im Hier und Jetzt lebt, den Tag nimmt wie er kommt, sich gerne mit Tieren und naturverbundenen einfachen Menschen umgibt, die ihn nehmen, wie er ist. So weit man es beurteilen kann, ist er glücklich, da auch sein Wollen und Wahrnehmen durch die Minderleistung des Gehirns beeinträchtigt ist.
Den Verehrern und Weggefährten von Walter Jens fällt es offenbar schwerer als der Familie, ihrem Idol in Liebe zu gestatten, nun das Leben eines Kleinkindes zu führen, so wie es das Fortschreiten der Demenz verlangt. Er ist im inneren Kern ja immer noch der Mensch, der er immer war, nur die äußere Hülle dieser ehemaligen Geistesgröße, des Rhetorik-Professors, des wortgewaltigen Gesprächspartners hat er abgeben müssen. Seine Familie muss diese Verwandlung hinnehmen, ohne ihm ihre Liebe und ihr Mitgefühl aufzukündigen. Seine Fans müssen es noch lernen.
Das Buch „Demenz“ – ein Versuch der Rechtfertigung
In der langen, schweren Phase der Wesensveränderungen, der ersten, nicht eindeutig erkennbaren Krankheitszeichen, musste Familie Jens leider die selben unerfreulichen Erfahrungen machen, wie viele andere Familien auch, deren Angehörige eine Demenz entwickeln. Das Abwiegeln durch die behandelnden Ärzte, wenn Angehörige die irritierenden Anzeichen der Veränderungen schildern, die Vertröstungen, die Verdächtigungen, das Hinausschieben der Diagnose. Den meisten Medizinern fehlt der Mut, den Namen der Krankheit auszusprechen oder als Wort in einen Krankenbericht zu schreiben. Es werden Umschreibungen benutzt, die eigentlich alle Warnglocken zum Klingen bringen müssten. Aber als Abkürzung, als medizinischer Fachbegriff werden sie leicht übersehen oder gerne auch von Angehörigen ignoriert in der Hoffnung, dass man sich geirrt hat.
Tilman Jens beschreibt diese schwere Zeit, durch die die Ehefrau Inge Jens und die Söhne von Walter Jens hindurch mussten. Er beschreibt dies so sachlich wie möglich und so emotional wie nötig, aber auch schonungslos, wenn die Wahrheit es gebietet. Warum sollte er verschweigen, dass viel Zeit verloren gegangen ist, in der eine frühzeitige Behandlung mit den derzeit zur Verfügung stehenden Mitteln (Memantine, Galantamin u.a.) möglich gewesen wäre? Der dramatische Verlauf der vaskulären Demenz vom Typ Alzheimer, an der sein Vater erkrankt ist, hätte um ein bis zwei Jahre hinausgeschoben werden können.
Leidensweg der Familie Jens
Der Autor schildert den Leidensweg seines Vater sowie der Familie und des engeren Freundeskreises. Besonders Freunde und Weggenossen des hoch geschätzten Geisteswissenschaftlers Walter Jens konnten und wollten den Verfall seiner Geisteskräfte nicht annehmen, die Krankheit nicht akzeptieren. Das führte zu Verdächtigungen der näheren Angehörigen, zu Missverständnissen, die Tilman Jens in diesem Buch erklären und ausräumen möchte.
Wegen seiner Offenheit in der Beschreibung von Momentaufnahmen des täglichen Lebens mit einem Demenzkranken wurde er nach Erscheinen des Buches beschimpft, der Indiskretion und Lieblosigkeit bezichtigt, der böswilligen Abrechnung mit dem Vater. bes Eine Abrechnung ist es immer, wenn erwachsene Kinder sich erinnern an versäumte Gelegenheiten im Umgang mit den Eltern, an nicht geführte Gespräche, nicht gespielte Spiele, versäumte Gelegenheiten zur Kommunikation. Das bleibt fast niemandem erspart, schon gar nicht den Kindern von berühmten Persöhnlichkeiten, die verständlicherweise oft in der zweiten Reihe stehen müssen zugunsten der Anforderungen, die das öffentliche Wirken der Eltern mit sich bringt. Tilman Jens beschreibt dies in Form einer „nachgetragenen Liebe“, wie der Schriftsteller Peter Härtling dies in einem Buchtitel so treffend formuliert hat.
Es ist eine Frage des Geschmacks oder der Moral, ob es richtig war, dass Tilman Jens dieses Buch über seinen Vater geschrieben hat. Eine Mahnung ist dieses Buch jedenfalls für alle Leser, dass dieses Altersleiden jeden, wirklich jeden, treffen kann.
Wer sich zutraut, diese Wahrheit zu ertragen, wird dieses Buch lesen wollen.