Fast hätte ich das Erntedankfest übersehen in diesem Jahr. Da ich nun keinen großen Garten mehr habe, ist es offensichtlich doch nicht so einfach, täglich mit der Natur auf dem Laufenden zu sein. Noch letztes Jahr hatte mich die Quittenernte in meinem städtischen Hausgarten auf Trab gehalten. Selbst wenn man kaum noch Marmelade braucht, so muss man sich doch darum kümmern, dass die Ernte eingebracht wird. Wenn alle treuen Quitten-Gelee-Kocherinnen ihren Teil abgeerntet oder wenigstens bei mir abgeholt hatten, blieben immer noch die schönsten und reifsten Quitten ganz oben in der Baumkrone. Die habe ich dann doch noch selbst verarbeitet oder als Dekoration in der Wohnung verteilt.
Der Duft der Quitten ist ja einmalig, so zwischen allen Düften wie Äpfel, Birnen, Melonen.
Sehr süß und sehr herb zugleich.
Nun habe ich Quittenmus und Gelee für Jahre, da ich nur alleine davon esse.
Ich bin trotzdem jedes Jahr voll dankbarer Gefühle, dass die Natur uns in vielen Nischen doch weiterhin treu bleibt, trotz Ozonloch, trotz Umweltverschmutzung und Regenwaldabholzung. Wo sie kann, setzt sie sich durch und letztendlich wächst immer irgendwo etwas, von dem wir uns ernähren können.
Entlang des Radweges sehe ich auch hier im städtischen Bereich allerlei Beeren, sogar da und dort Pilze. Auch einzelne herrenlose Nuss- und Apfelbäume sind da und können geerntet werden, wenn man sich bei der Stadt für Kleingeld eine Erlaubnis einholt. Ich sehe zu meiner Freude, dass das manche Leute tun und trotz Mietwohnung ihren eigenen Baum abernten können.
Beim Autofahren sieht man nun rechts und links abgeerntete Felder. Die Bauern hatten trotz seltsamer Wetterkapriolen das Glück, die Getreideernte trocken einholen zu können.
Getreidekörner und Trauben sind kleiner, wie ich hörte, aber umso intensiver im Geschmack. So gibt es immer einen Ausgleich.
Der Wochenmarkt in der Innenstadt hat mich nun endgültig davon überzeugt, dass Erntezeit ist und es uns hier in unserer Gegend an nichts mangelt. Wenn man es richtig zuzubereiten weiß, hat man doppelten Gewinn von dem Segen an Obst, Gemüse und an Nüssen. Auf dem Mannheimer Wochenmarkt gibt es sogar schon Hagebutten-Mark, obwohl ich hier noch keine sehr reifen Hagebutten am Wegrand entdecken konnte.
Aus diesem Hagebutten-Mark kochen die bequemen heutigen Hausfrauen dann Marmelade oder Aufstrich, wie immer man es nennen mag. Das schmeckt wunderbar süß-sauer und soll sehr vitaminreich sein. Ich bezweifle das allerdings, da das Kochen ja den Vitamin-C-Anteil sehr reduziert. Nun ja, heutezutage weiß man ja, dass allein der rote Farbstoff schon allerlei Gutes bewirkt. Allein die Freude am Geschmack der Frucht setzt Endorphine frei, wie uns Experten ja immer wieder vorrechnen.
Früher hat man instinktiv alles gegessen, was gut aussah, gut schmeckte, gut tat im Magen und im Bäuchlein. Meine Großmutter hatte kein einziges Kochbuch, keine Ernährungsratgeber und keine Gesundheits-Magazine daheim. Trotzdem brachte sie uns Kinder durch ihr instinktives Wissen um die segensreichen Früchte der Natur über die schwere Nachkriegszeit. Sie sammelte Hagebutten und Schlehdorn-Beeren, Mehlbeeren und las Fallobst auf (was offiziell erlaubt war). Daraus machte sie die köstlichsten Marmeladen, Gelees und Kompott. Wir Kinder mussten ihr natürlich bei der Vorbereitung helfen und das bleibt mir in Erinnerung für alle Zeit. Welche Arbeit allein hinter der Herstellung von Hagebutten-Mark steckt, nicht zu beschreiben. – Man musste die Früchte waschen, die schlechten aussortieren, das Krönchen abzupfen, jede einzelne Fruch in zwei Hälften schneiden und dann die beißenden Kerne aus dem Inneren der Hagebutte schaben. Das war sehr, sehr mühsam und unbequem und dauerte Tage, bis es endlich so weit war, dass die leeren Früchthälften gekocht werden konnten.
Danach wurde erst der Zucker hinzugefügt und die Paste erneut gekocht. Manchmal kam am Schluss noch Zitronensaft dazu oder etwas Zimtpulver. Wenn dann die rote Masse in den Gläsern war, musste das Cellophan-Papier eingeweicht, in kleine Vierecke geschnitten und auf die Gläschen gespannt werden. Wenn man hatte, dann wurde noch eine Schnur darum gelegt und zu einer Schleife gebunden.
Es klingt ja unglaublich, aber alle diese Zutaten waren damals nicht in jedem Haushalt vorhanden. Mal gab es keinen Zucker, dann kein Cellophan-Papier und mal keine Gummiringe oder Schnur. Alles war ja nur auf Bezugsscheine und auf Lebensmittelmarken zu haben in der Nachkriegszeit, als ich Schulkind war. Unsere Eltern und Großeltern waren deshalb sehr erfinderisch und hatten im Hinterkopf immer Variationen parat, die im Notfall eingesetzt wurden. Nicht immer erfolgreich, manchmal aber doch.
So wurde, falls vorhanden, das Einkoch-Cellophan-Papier in Schnaps gelegt, damit die Marmelade nicht schimmelig wird, besonders dann, wenn man zu wenig Zucker hatte. Statt Zucker nahm man auch Süßstoff oder fügte anderes süßeres Obst dazu. z.B. Birnen.. Leider hielt diese Variation der Hagebutten-Marmelade nicht lange. Auch das Bestreuen der Oberfläche des Muses mit etwas Salicylsäure (Aspirin) galt als konservierend.
Wenn ich an all diese zeitraubenden Maßnahmen denke, freue ich mich in der Erntezeit um so mehr daran, dass es nun alles gibt, das uns das Einmachen, Einkochen, Marmelade kochen zu einem Vergnügen machen kann. Und trotzdem gibt es immer weniger Hausfrauen, die sich diese Arbeit antun. Und die Männer haben davon vielleicht noch nie etwas gehört? Vielleicht denken sie, dass fertige Marmelade auf den Bäumen wächst? So wie eine Freundin von mir tatsächlich der Meinung war, dass Petersilie ein wild wachsender Busch ist.
Ich bin so spät dran mit diesem Lobgesang auf die Erntegaben, dass ich schon über das schöne gefärbte Herbstlaub schreiben müsste, das die Natur körbeweise über uns ausstreut. Es ist jedenfalls auch keine schlechte Idee der Schöpfung, dass sie vor der tristen, grauen Winterzeit noch einmal Farbe und Leichtigkeit über unser Leben ausgießt.
Der Winter wird wieder lange genug dauern. Meist zu lange und ob es Schnee geben wird, um uns darüber etwas hinwegzutrösten, wer weiß?
Nora @ 2011

Eine wunderbare Beschreibung der Erntezeit. Quitten sind übrigens das leckerste Gelee, das es gibt, leider ist es heute viel zu selten geworden.
Deine Formulierung, dass Essen, das Spass macht, alleine deswegen gesund ist, habe ich so klasse formuliert nirgendwo gefunden. Ich habe den Satz in mein Repertoire für den Kantinen-Smalltalk aufgenommen