Ein außergewöhnliches Weihnachtsfest wird mir immer in Erinnerung bleiben, weil es traurig und sehr komisch zugleich war.
Ich hatte wie jedes Jahr das Weihnachtsfest gut geplant, die Zutaten für das Festessen im Kühlschrank und der Tiefkühltruhe gelagert, die Geschenke verpackt, unzählige Weihnachtskarten verschickt.
Einige Tage vor Heiligabend hatte mir meine Schwester, die in der gleichen Stadt lebt, am Telefon erzählt, dass sie noch vor Weihnachten zu einer genaueren Untersuchung in die Klinik muss, da sich eine Auffälligkeit bei der Vorsorgeuntersuchung gezeigt hatte.
Das trübte meine Stimmung etwas. Immer wieder schlich sich mir die Sorge über diese Ungewissheit in meine Weihnachtsüberlegungen ein. Ich war aber gerade in diesem Jahr mit meinen Vorbereitungen so gut vorwärts gekommen, dass ich guten Mutes war, was meine eigene Familie betraf. Der Sohn war nun schon groß genug, den Baum in Eigenregie zu schmücken. Allerdings war er im ersten Studienjahr in einer Universitätsstadt in unserer Nähe und musste erst mal rechtzeitig ankommen. Wie das bei der Jugend so ist, ließ er mich bis zuletzt über den Zeitpunkt seiner Ankunft im Ungewissen.
Am 22. teilte mir meine Schwester mit, dass sie noch vor Heiligabend operiert werden muss. Am 23. abends begleitete ich sie ins Krankenhaus. Ihre größte Sorge war, dass sie nun gar nicht weiß, wie sie es dieses Jahr mit ihren alten Schwiegereltern machen soll. Sie hatte die beiden Alten Jahr für Jahr an Heiligabend zur Bescherung und zum Festmahl eingeladen und dieses Jahr natürlich auch. Für ältere Leute ist es fast unmöglich, sich so plötzlich eine andere Lösung für den Weihnachtsabend einfallen zu lassen. Auch ihr Mann und die jugendliche Tochter hatten sich natürlich auch auf meine Schwester verlassen, was den Ablauf des Abends, das Schmücken des Baumes, das Essen und die Geschenke betraf.
Kurz entschlossen versprach ich, mich um alles zu kümmern, Schwager, Nichte, Schwiegereltern der Schwester zu uns einzuladen.
Das war gar nicht so einfach. Wir waren seit Jahren an Heiligabend allein (mit meinem verwitweten Schwiegervater), feierten gerne nach unserem Ritus, d.h. eher ruhig und entspannt. Sohnemann und ich ließen es uns nicht nehmen, einmal im Jahr mehr schlecht als recht Flöte zu spielen. Nach dem Flötenspiel gab es die Bescherung, danach unser Lieblingsgericht, das nach dem Wunsch der Männer immer etwas mit Nudeln zu tun hatte. Wahlweise Reh-Gulasch vom Eismann oder selbst gemachtes Putengeschnetzeltes. Keine große Sache also. Danach wurden die Geschenke näher begutachtet, Gesellschaftsspiele gespielt, ab und zu auch die Christmette um 24 Uhr besucht.
Meine Schwester pflegte seit Jahren für sich und die Schwiegereltern ein Menü zuzubereiten, das einem Gourmet-Koch zur Ehre gereicht hätte. Ich hatte keine Ahnung, was die Lieben meiner Schwester sonst am Weihnachtsabend zu tun pflegten. Ich konnte niemanden fragen, da mein Schwager und die Nichte die meiste Zeit im Krankenhaus verbrachten.
Was soll ich noch sagen? Die Operation meiner Schwester war gut verlaufen, die Prognose gab zur Hoffnung auf Genesung Anlass. Das tröstete uns alle und so konnte der Abend mit erweiterter Familie getrost beginnen.
Mein Sohn kam sehr spät angereist, konnte mit Mühe und Not noch den Baum schmücken, die unzähligen Kartons nicht mehr wegräumen, die Tannennadeln nicht mehr von den Teppichen und Sesseln saugen. Die Nadeln pieksten uns den ganzen Abend lang, wenn wir uns auf Sessel und Sofa setzten.
Am Nachmittag kamen noch zwei ältere Damen wie alljährlich mit kleinen Geschenken zu Besuch. Ein Tässchen Tee und Gebäck als Dank war selbstverständlich, obwohl dazu eigentlich keine Zeit mehr war. Gestärkt machte ich mich daran, die Vorräte meiner Schwester und meine eigenen zu einem Menü zusammenzustellen, was für mich sehr verwirrend war, da die Vorräte nicht besonders gut zusammenpassten. Selbst unter normalen Umständen konnte ich als Hausfrau neben den Kochkünsten meiner Schwester nicht bestehen, wie sollte das gehen unter den erschwerten Bedingungen?
Ich kann nur sagen, dass es üppig, originell und essbar war. Der Nachtisch fiel aus, da ich dazu keine Zeit mehr hatte und dachte, dass Weihnachtsplätzchen, Espresso und oder ein Likörchen ihn ja durchaus ersetzen könnten.
Das alte Paar sah sich bedeutsam an und beide seufzten nur: “Es ist halt dieses Jahr nicht so wie immer.”
Ja, allerdings. Sie hatten ja nur allzu recht.
Das Flötenkonzert musste dieses Jahr aus Zeitmangel ausfallen, beim Singen hatten wir aber willkommene Verstärkung durch die Schwiegereltern meiner Schwester. J
Inzwischen hatte der alte Herr unser Klavier entdeckt. Während ich in der Küche den Geschirrberg zu beseitigen versuchte, die jungen Leute Halma und Mensch-ärgere-Dich-nicht spielten, mein Schwiegervater alles mit Wohlgefallen und einem Likörchen betrachtete, entfloh mein etwas scheuer Mann in den sicheren Hafen seines Büros. Irgendetwas Eiliges gibt es ja immer zu erledigen.
Man musste den fremden Schwiegervater nicht lange nötigen. Er hatte große Lust, Klavier zu spielen. Wir freuten uns und dachten an Weihnachtsweisen, Schneeflöckchen-Weißröckchen-wann-kommst-du-geschneit und an Süßer-die-Glocken-nie-klingen. Aber weit gefehlt. Tanzmusik aus den Zwanzigerjahren, Kaffeehausmusik, Walzer, Opernarien erschallten Nonstop und sehr, sehr laut.Wir waren zunächst überrascht, dann entzückt, dann ratlos.
Es gibt nichts weiter zu berichten über diesen Abend. Bald schliefen die meisten Gäste auf den Sesseln ein, das Geschirr war auch schon wieder weggeräumt, die Geschenke betrachtet, das Geschenkpapier im Papierkorb und die Wachskerzen am Christbaum abgebrannt. Die Walzer-Musik klang nun schon etwas langsamer, immer mehr Patzer beim Klaviervortrag stellten sich ein. Aber unverdrossen spielte der alte Herr nun flotte Marschmusik, Alte Kameraden und Radetzky-Marsch. Er ließ sich durch kein gutes Zureden davon abbringen. Spät, sehr spät in der Nacht hörte der Musiker freiwillig auf, wollte nun endlich zum Weihnachtsmenü zu meiner Schwester.
Das war eines der merkwürdigsten Weihnachtsfeste, die wir je erlebt hatten. Meine Schwester erholte sich glücklicherweise im Laufe eines nicht leichten Jahres von ihrer schweren Erkrankung. Der musikalische Schwiegervater war leider beim Weihnachtsfest des kommenden Jahres nicht mehr dabei. Eine bereits länger vorhandene Demenz-Erkrankung kam zum endgültigen Ausbruch und er erlag ihr innerhalb von Monaten. Nachträglich wussten wir alle die exzessive Tanzmusik-Darbietung in den richtigen Zusammenhang zu bringen und sein letztes musikalisches Geschenk an uns besonders zu schätzen. Die folgenden Weihnachtsabende waren jedenfalls nie wieder so fröhlich und gesellig.
Nora ©2011