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Eine kleine Bemerkung einer Freundin erinnerte mich an einen Künstler (vor allem auch Lebens-Künstler), der in meiner Jugend viel bewundert und auch viel belächelt worden ist, mir aber für immer einen großen Eindruck machte. Wir alle sind heutzutage gewöhnt, von einer Vielfalt von Formen, Farben und Materialien umgeben zu sein. Nichts ist unmöglich, alles ist erlaubt und alles wird akzeptiert im Bereich der Künste.

Das war nach dem Krieg, als ich jung war, ganz anders. Städte waren zerstört, überall Schutt und Gerümpel, die Verkehrsmittel nur mit Mühe verkehrstüchtig, so weit der Rost und der Material-Klau es zuließ.

Es gab schöne Stoffe und gute Dinge nur auf dem Schwarzmarkt. Man fing an, aufzubauen, sich aufzurappeln wie es gerade möglich war. Mit den einfachsten Dingen fing jeder an. Ein Stuhl da, eine Lampe dort, fast alles gebraucht und selten ganz in Ordnung. Aber man wurde erfinderisch, reparierte wie die Weltmeister, machte das Leben allmählich wieder einigermaßen lebenswert.

Als die ersten Fabriken Gebrauchsartikel herstellten und die Architekten Häuser bauten, war alles relativ einfach und ohne den Hang zu Experimenten. Es musste schnell, billig und praktisch sein und den Menschen in kurzer Zeit zur Verfügung stehen.

In dieser Zeit traute sich Luigi Colani, geboren 1928 in Berlin, unglaubliche Visionen unter die Leute zu bringen, Formen und Farben zu verwenden, die wie bunte Blüten ins Grau der Nachkriegszeit fielen.

Nach den würfeligen und eckigen Gegenständen der Nachkriegszeit hat er nach einem Studium der Aerodynamik in Paris die runden und die windschnittigen Formen entworfen und der Industrie zur Herstellung angeboten. „Ecken und Kanten zerfetzen das Auge“, soll der Künstler und Designer gesagt haben. Er hat vor nichts halt gemacht in seinem Verschönerungseifer: Autos, Motorräder, Flugzeuge, Lokomotiven, Haushaltsgegenstände – alles hat er bunt, rund und „organisch“ gemacht. Er hat dem neuen Material”Kunststoff” zu einem schöneren und brauchbareren Design verholfen, hat aber zeitweise auch mit Holz gearbeitet. Alles was er anpackte, wurde zum Kunstwerk, zu einer Augenweide, zu einem Aha-Erlebnis. Sein Design war gewöhnungsbedürftig und seiner Zeit weit voraus. Nicht jeder konnte sich mit den “verrückten” Ideen von Luigi Colani anfreunden, aber bewundert wurde er doch allgemein, wenn auch so mancher die von Colani designten Dinge nicht in die eigene Wohnung stellen oder legen wollte.
Ich habe heute noch die praktische Bürotasse, die umwerfend sinnvoll gestaltet ist, indem der Künstler einfach beobachtet hat, wie jeder Benutzer den Kaffeelöffel und das Zuckerstück normalerweise ablegt. Kurzerhand formte er die Untertasse so, dass sie einen “Ausleger” hat, der sowohl den Löffel als auch den Würfelzucker aufnimmt, ohne dass beide über den Rand abrutschen können. Ein bisschen komisch sieht das schon aus, wenn man nur die normalen Kaffeegedecke vor dem inneren Auge sieht. Aber praktisch ist das auf jeden Fall.

Bürotasse und signierte Einkaufstüte von Luigi Colani

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Seine großzügigen, schwungvollen Textil-Muster werden heute noch gerne für Teppiche, Gardinen und Wandbehänge benutzt, seine Stapelstühle finden sich in Kongresszentren und die hübschen, weißen Kunststoffstühle sind uns schon so vertraut in Cafes und Restaurants, dass man sich kaum noch erinnert, wer sie entworfen hat. Er hat inzwischen hinter den Kulissen Bequemschuhe entworfen, Eisenbahnen in Japan, Sanitäreinrichtungen für Grohe, Porzellanformen für bekannte deutsche Marken und sicher noch einige Dinge, die wir gerne benutzen und uns keine Gedanken machen, wer die Form gestaltet hat.

Leider war Luigi Colani nicht mit der Gabe der Bescheidenheit ausgestattet und eckte durch seine oft witzigen, provokanten und teilweise als arrogant bewerteten Aussagen an, machte sich unbeliebt oft auch bei der Presse. Er wusste um seine Begabung und seine visionären Ideen. Sein Temperament ließ es ihm vielleicht manchmal an Geduld fehlen für etwas langsamere, weniger zukunftsorientierte Zeitgenossen.
Obwohl er also menschlich gesehen etwas schwierig war, ist es doch schade, dass ihm heute nicht mehr die ihm gebührende Anerkennung in der Öffentlichkeit zuteil wird.
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Wie geht es Luigi Colani heute? Ich habe im Web keine Angaben zu seiner Person gefunden, die mir einen Hinweis geben könnten, wo er heute (fast neunzigjährig) lebt und wie es ihm geht. Das Colani-Museum in der Nancy-Halle in Karlsruhe, wo ich (2007) meine Bürotasse gekauft hatte, wurde wegen Baufälligkeit der Halle aufgelöst und es fand sich wohl keine andere Möglichkeit, die meiner Ansicht nach sehr sehenswerte Ausstellung in Karlsruhe in einem anderen Gebäude unterzubringen.

Ein Verehrer des ColaniDesigns hat einen Teil des Werkes von Prof. Luigi Colani in einem Haus in Aarwangen in der Schweiz ausgestellt.

Fotos: Privat E.Z.
Link zum Schweizer Museum: https://www.art-design-vision.ch

 

Den oben genannten Titel „Kein Land in Sicht…“  hatte ich meinem Beitrag gegeben den ich 2015 geschrieben habe. Ich hatte ihn  damals gepostet angesichts der zwar vorauszusehenden, aber dann doch überraschenden Ankunft sehr vieler Flüchtlinge in Italien und Deutschland sowie der darauf folgenden unschönen Ereignisse. In Deutschland hat man jetzt, Ende 2017,  so allmählich Wege und Mittel gefunden, einigermaßen mit der Registrierung,  Organisation der Unterbringung, ja auch im Großen und Ganzen mit der Bearbeitung der Asylanträge fertig zu werden. Geblieben ist leider die Abwehr, die andere EU-Mitgliedsstaaten gegenüber der Aufnahme der Fremden zeigen. Erfreulicherweise gibt  es auch gesteigerte Anstrengungen der Eu-Staaten, die Situation in den Herkunftsländern der Migranten zu verbessern, so dass viele unter besseren Bedingungen in ihrer Heimat bleiben können. Und das ist ja eigentlich der Wunsch fast jeden Menschen, dass er seine Heimat nicht verlassen muss aus wirtschaftlicher Not oder wegen politischer Verfolgung. Was die Verfolgung betrifft, so ist ja nicht viel besser geworden.

Hier bei uns sieht man ja nach und nach die Früchte der Bemühungen, die neuen Mitbürger zu integrieren, indem sie vor allem Hilfe beim Erlernen der Sprache vom Staat erhalten. Sich untereinander sprachlich zu verstehen, ist der Anfang der Akzeptanz auf beiden Seiten.

Da aber viele Vorbehalte auch geblieben sind, was sich in den Wahlaussagen einer neuen Partei  ablesen lässt, poste ich den alten Beitrag von 2015 hier nochmals, so als kleine Ermahnung, es nie wieder so weit kommen zu lassen:

——————————————-Blogbeitrag „wörtersalat“  Juli 2015————————–

Es ist nicht leicht, ruhig zu bleiben, wenn man, wie ich, als Kind selbst einmal Flüchtling war und trotz deutscher Staatsangehörigkeit der Ahnen als Eindringling und als unerwünschter Mit-Esser wahrgenommen wurde im deutschen Lande von 1945. Es macht keine Freude, diese Haltung aber nun noch einmal mitzuerleben, in dem Land, das ja nun ganz andere Bedingungen vorzuweisen hat als damals. Am Ende des Krieges hatten die Bewohner der Dörfer und Städte, die die vielen Flüchtlinge aufnehmen sollten, selbst nicht viel zu essen und es fehlte auch sonst am Nötigsten. Allerdings nicht so sehr auf dem Lande, wohin man die meisten Flüchtlinge auch damals schon bei den unfreiwilligen „Gastgebern“ einquartierte. Dort waren mancherorts die Folgen des Krieges wenig oder gar nicht zu spüren, was die Versorgung mit Wohnraum und Lebensmitteln betrifft. Nur das Teilen musste noch gelernt werden. Nun kommen wieder Flüchtlingsströme über die Balkan-Route (wie z.B. Ende des II. Weltkrieges aus der Batschka im damaligen Jugoslawien und dann während der vier Balkankriege zwischen 1991-1995) nach Deutschland. Die Gemeinden hier  versuchen Wohnraum zu schaffen, indem sie vorhandene, aber ungenutzte Gebäude umbauen oder renovieren lassen. Dass dann solche Gebäude angezündet werden von  „Unbekannten“, das will und kann man kaum für wahr halten.

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Sebastian Leicht: Flucht   Donauschwäb. Maler

Weil mich dieses Ereignis nicht kalt lässt, hat mich heute auch die Lyrik von „Lyrifant“ wieder einmal sehr berührt, die sich ja häufig mit dem Thema des „Unbehaustseins“, der Migration, der Integration befasst und daneben mit der Freude an der deutschen Sprache. Diese Lyrik ist tiefgründig und kommt doch auf leichten „Buchstaben-Füßen“ daher. Ich habe mir bei „Lyrifant“ die Erlaubnis eingeholt, das heutige Gedicht zu zitieren:

Willkommenskultur

by Lyrifant

Stell dir vor,

du bist auf der Flucht

und kommst in ein Land,

wo man dir dein provisorisches Heim anzündet,

noch bevor du darin wohnst.

(Quelle: lyrifant.wordpress.com/2015/07/19/willkommenskultur/)

 

Es fällt mir keine konkrete Schule ein, wenn ich über meine Schulzeit schreibe, da wir als Flüchtlinge nach dem Krieg öfter umgezogen sind und ich überall nur vier Jahre oder weniger lebte. Trotzdem sehe ich vor meinem geistigen Auge ein düsteres, altes Gebäude mit schwarzen, öligen Holzfußböden, die ekelhaft nach Petroleum oder irgendetwas anderem rochen und glitischig waren.

Dass ich gerne zur Schule ging (ab Herbst 1947) und trotzdem Angst vor der Schule hatte, ist für mich kein Widerspruch, denn ich litt mit meinen Schulkameraden, die es sehr schwer hatten, weil sie nicht mitkamen. Sie bekamen dafür drastische Strafen in Form von Beschimpfungen wie „aus dir wird nie was“ oder „du bist doch das Dümmste, was mir je begegnet ist“ und noch schlimmer „ihr seid doch alle Inzucht, da braucht man sich ja nicht zu wundern“. Wir wussten nicht, was Inzucht ist, vermuteten aber Schlimmes. Wenn die Schüler den Lehrer ab und zu auch noch mit Absicht zur Weißglut brachten, neben der Tatsache, dass sie etwas nicht verstanden, dann gab es bei den Buben Schläge auf die blanke Rückseite oder bei den Mädchen auf die Handflächen bzw. Fingerspitzen. Es tat jedenfalls sehr weh und war für das Selbstbewusstsein nicht förderlich.

Da wir damals nur alte Lehrer hatten und außerdem viel zu wenige für die vielen verschiedenen Kinder, die fast alle Besonderheiten zeigten, z.B. zurückgeblieben, unterernährt, unversorgt oder traumatisiert waren, war es nicht möglich, dass auf die Eigenheiten eines Einzelnen Rücksicht genommen wurde.

Die Handarbeitslehrerin war aus Berlin und fand es schrecklich, dass sie in ein solches Kaff im Badischen versetzt worden war. Dies ließ sie uns spüren in Worten und Taten. Wir mussten beim Nähen und Stricken mucksmäuschenstill sein, was uns als Kinder natürlich schwer fiel. „Wenn muntre Reden sie begleiten, dann fließt die Arbeit heiter fort“ dichtete Schiller, wie wir später erfahren haben. Dies hätten wir uns auch gewünscht, aber der strenge und düstere Blick von Frau Schwall ließ keine Heiterkeit zu. Dafür nannten wir sie „Schnall“, weil irgendeines der Kinder gehört hatte, dass das ein schlimmes Wort ist. Von ihr bekam ich die erste „Tatze“ mit dem hölzernen Metermaß, weil ich ein Lachen nicht unterdrücken konnte, nachdem meine Freundin ganz leise etwas Witziges gesagt hatte. Ich hatte bei ihr das Gefühl, dass sie selbst Handarbeiten hasste.

Ein anderer Lehrer verlangte 10 Pfennige in eine Kasse als Straße dafür, wenn wir ein Fremdwort benutzten. Wir hatten keine Ahnung, was eigentlich genau ein Fremdwort ist, denn wir waren ja Erst- und Zweitklässler. Aber natürlich benutzten wir alle Wörter, die wir da und dort hörten, also auch Wörter von Erwachsenen, die vielleicht Fremdsprachen oder andere Dialekte beherrschten. Und so füllte sich die kleine Kasse und eine Scheu vor neuen Wörtern blieb bestimmt bei manchem Schüler für immer zurück. Für mich war das ein sehr nachteiliges Verbot, denn ich liebte besondere Wörter bzw. Fremdwörter und ich hatte kein Taschengeld.

Der älteste Lehrer war auch unser Gesangs- und Musiklehrer. Seltsames Liedgut hatte er für uns parat aus der Jungvolkbewegung. Als er mit uns „Wer will mit uns nach Island gehn, den Kabeljau zu fangen“ einüben wollte, streikten wir, denn die Melodie war für einen Leichenzug sehr geeignet und hatte einen so tiefen Grundton, dass er uns Kinder total überforderte. Noch heute fällt mir diese Melodie manchmal ein, besonders an düsteren Tagen.

Eine der schönsten Erinnerungen an die Grundschulzeit ist das Fensterbrett im Klassenzimmer, das wir mit Moos belegen und mit Gänseblümchen, Veilchen, Schneeglöckchen, und anderen kleinen Wiesenpflanzen bepflanzen durften. Da wir sie mit den Wurzeln ausgruben und von den beschlagenen Fenstern immer Wasser herunterlief, gedieh alles prächtig und war in dem düsteren Klassenzimmer ein Lichtblick. Auch die Sandkiste in der Mitte des Klassenzimmers gefiel mir. Sie diente uns als anschauliche Landkarte, indem wir Berge und Täler, z.B. den Verlauf des Rheins von der Quelle bis zur Mündung formten. Es gab ja kaum Lernmaterial, Schreibhefte bekam man nur auf Bezugsscheine und die Landkarten des untergegangenen Deutschen Reiches waren offensichtlich verbrannt worden. Jedenfalls mussten wir uns die Karten selbst auf die Schultafel malen.

Musikinstrumente gab es erst in einer anderen Schule, die ich nach der Rückkehr meines Vaters aus der Gefangenschaft in einem anderen Wohnort besuchte. Dort wurde mit Geldern des Marshall-Planes und mit einer Spende von General McCloy eine ganz neue, sehr moderne Schule gebaut, die große, helle Räume, große Fenster, einen Musikraum und sogar eine Lehrküche hatte.

Ich bekam vom Flohmarkt eine Handharmonika und ging nun nachmittags mit anderen Schülern zu dem Rektor unserer Schule in die Wohnung und lernte das Instrument. Dieser engagierte Lehrer gründete ein Schulorchester, das er bis zur einfachen Konzertreife führte.

Bei der Einweihung dieser Schule herrschte schon eine ganz andere Stimmung unter den Erwachsenen und den Schülern. Es war der Anfang der Aufbruchsstimmung, die noch einige Jahre in Deutschland anhalten sollte. Alle glaubten an bessere Zeiten. Ich wurde dazu ausgewählt, bei der Einweihungs-Feier der Schule General McCloy ein Blumensträußchen zu überreichen. Seltsamerweise bin ich die Einzige, die keine Erinnerung mehr daran hat, obwohl mich meine Schulkameraden oder andere Menschen aus diesem Ort immer wieder darauf ansprechen. Ich erinnere mich nur, dass ein Schulkamerad mir eine Tafel Schokolade mitgebracht hatte und sie mir nach dieser Zeremonie vor dem Schulhaus überreichte. Vermutlich war es die erste Schokolade, die ich bekommen hatte und ich weiß noch heute, dass ich Skrupel hatte, sie zu nehmen, weil ich eigentlich für einen anderen Jungen schwärmte, natürlich nur ganz aus der Ferne.

In dieser neuen Schule war das Lernen eine Freude. Es gab eine Lehrerbibliothek, die ich benutzen durfte, weil mein Klassenlehrer meine Lesefreude unterstützte. Wir hatten als Flüchtlinge natürlich zu Hause keine Bücher (außer einem christlichen Erbauungsbuch, das „Gofine“ hieß) und so las ich mich quer durch diese Bibliothek. Noch manch andere private oder öffentliche Dorf-Bücherei habe ich beinahe leer gelesen und später immer wieder auch ehrenamtlich in der Ausleihe geholfen, fast bis zu meinem Rentenalter.

Nach dem Ende der Volksschule wurde meinen Eltern ein Stipendium für mich angeboten, das mir ein Lehrerstudium an einer pädagogischen Hochschule ermöglichen sollte. Nach langer Überlegung beschlossen meine Eltern, dass sie es nicht annehmen. Sie wollten keine Almosen, wie sie es nannten. Mein Vater hatte schon ein Jahr vorher meine nur ein Jahr ältere Schwester in einer Höheren Handelsschule in der Kreisstadt angemeldet und meine Mutter fand, dass es ungerecht wäre, wenn ein Kind studiert und das andere nicht. Also machte auch ich die Aufnahmeprüfung für die Handelsschule und schloss diese Ausbildung nach zwei Jahren mit Erfolg ab. Alle Schüler waren sehr fleißig, ehrgeizig und kamen aus vielen kleinen Orten des Umlandes. Das führte dazu, dass es keinen Zusammenhalt gab und dass wir uns alle ziemlich fremd blieben. Es gab damals ganz wenig Ausbildungsplätze oder Arbeitsstellen. Dies führte in den letzten Wochen vor der Abschlussprüfung zu einem unschönen Wettbewerb um die wenigen Lehrstellen. Ich hätte gerne in einer Behörde oder einer Bank angefangen. Diese Stellen waren aber alle durch die Kinder besetzt, deren Eltern Beziehungen hatten. Die Tochter eines Gymnasiallehrers bekam eine Lehrstelle bei der größten Bank der Kreisstadt und ich erinnere mich, dass ich sie sehr beneidete. Ich musste eine Stelle bei einem Holzhandel im neuen Gewerbegebiet dieser Kreisstadt annehmen. Leider hatte ich einen sehr langen Anfahrtsweg mit der Bahn und einen halbstündigen Fußweg durch einen Schlosspark zu bewältigen, um dorthin zu kommen. Ein knappes Jahr später sah ich im Garten des Nachbarhauses dieser Holzfirma mitten im Winter eine ziemlich abgemagert und durchgefroren aussehende junge Frau, die von Hand Babywindeln in einem Eimer wusch. Es war die Schulkameradin, die die Stelle bei der Bank bekommen hatte. Ich habe sie weder um das Baby noch um die Windeln beneidet. Es war mir klar, dass das ihr Lebensweg für die nächsten Jahrzehnte sein würde, denn die Frauen blieben damals nach dem ersten Kind zu Hause, meistens für immer.

Der Umgang mit Zahlen machte mir keine Freude und entsprach auch nicht meiner Begabung. Deshalb hatte ich wenig erfreuliche Erlebnisse an der Höheren Handelsschule und auch später nicht an meiner Arbeit in der Rechnungsabteilung der Holzfirma, in der ich allerdings sehr viel über Hölzer, Furniere, Preiskalkulation und den Umgang mit Menschen lernte. Noch heute kann ich bei Möbeln sehr gut sehen, ob es gutes oder schlechtes Furnier ist, ob deutsches oder ausländisches Holz und wie die Verarbeitung der Oberfläche ist.

Einen Lichtblick gab es jedoch in der Handelsschulzeit. Es war der Deutschlehrer in der Handelsschule, der mich und auch viele andere für den Umgang mit der deutschen Sprache und der Literatur allgemein begeisterte.

Alles in allem kann ich sagen, dass ich immer wissbegierig und neugierig war, gerne zur Schule ging, aber das Meiste dann doch „in der Schule des Lebens“ lernte. Ich habe während meiner ganzen Berufstätigkeit und auch später noch als Hausfrau und Mutter Kurse in der Volkshochschule besucht. Als sich mit 25 Jahren der Plan einer Auswanderung in die USA nicht realisieren ließ, ich aber meine Arbeitsstelle (wieder in einer anderen Gegend, einem anderen Ort) bereits gekündigt hatte, nahm ich alle meine Ersparnisse und ging für 3 Monate nach England, wo ich das Lower Cambridge Examen machte. Ich war auf dem Wege, das nächste Examen, das Cambridge Proficiency abzulegen, als leider meine Mutter sehr krank wurde und mich bat, sofort zurückzukommen und sie zu pflegen. Obwohl ich drei Schwestern habe, begrub ich alle meine Pläne und ging zurück. Keinen Moment habe ich überlegt, dass diesen Verzicht doch eigentlich auch meine Schwestern hätten leisten können.

Das Schicksal half mir jedoch danach insofern, als ich nach längerer Zeit, in der ich in einer Gemeindeverwaltung und auch kurze Zeit in einem großen Industrieunternehmen gearbeitet hatte, meine absolute Traumstelle fand. Ich bekam die Stelle der Chefsekretärin des Leiters des Auslandsamtes einer süddeutschen berühmten Universität. Nach einigen Jahren wechselte ich zum Philosophischen Seminar, wo ich als Institutssekretärin die kaufmännischen und verwaltungstechnischen Belange selbstständig erledigte. Dort gab es natürlich eine Bibliothek, die auch mir zur Verfügung stand. Ich hätte Jahrhunderte dort bleiben müssen, um alles zu lesen.

Mit meiner Heirat endete dann diese Phase meines Berufslebens und ich zog zu meinem Mann in eine andere Stadt. Das Schicksal hatte nun andere Lehren für mich parat, von denen ich zum Glück noch nichts wusste. Es war jedenfalls noch lange nicht das Ende meines „Schulungsweges“ und ist es nicht bis auf den heutigen Tag, denn das Leben lehrt uns täglich etwas Neues.

Silvester am Neckar

Silvester 2015

Das Jahr 2016 hat viele Menschen vor große Herausforderungen gestellt. Ja, es hat viele Menschen (auch mich) sprachlos gemacht angesichts mancher vermeidlicher und unvermeidlicher Katastrophen. Nun hoffen alle zu Recht auf eine Wende, auf bessere Zeiten. Vor allem auf den gesunden Menschenverstand, der so manchen anscheinend gerade am Ende des Jahres offensichtlich zeitweise verlassen hatte. Jedenfalls wenn man Wahlergebnisse als Gradmesser dafür nimmt. Gute Vorsätze und das Hoffen auf kleine und große Wunder helfen da manchmal weiter. In diesem Sinne hat sich so mancher Dichter und Denker  früher schon zur Jahreswende hoffnungsvoll geäußert. Mir hat in diesen Tagen das „Neujahrslied“ von Johann Peter Hebel besonders gefallen. Hier ist es:

Mit der Freude zieht der Schmerz,
traulich durch die Zeiten.
Schwere Stürme, milde Weste,
bange Sorgen, frohe Feste
wandeln sich zur Seiten.

Und wo eine Träne fällt,
blüht auch eine Rose.
Schon gemischt, noch eh‘ wir‘s bitten,
ist für Thronen und für Hütten
Schmerz und Lust im Lose.

War‘s nicht so im alten Jahr?
Wird‘s im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken geh‘n und kommen wieder
und kein Wunsch wird‘s wenden.

Gebe denn, der über uns
wägt mit rechter Waage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jedem Mut für seine Leiden
in die neuen Tage.

Jedem auf des Lebens Pfad
einen Freund zur Seite,
ein zufriedenes Gemüte
und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite.

Einen guten Rutsch ins neue Jahr und viel Glück, Erfolg und Freude wünsche ich den Lesern des Blogs.

 

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Die Schule hat hier in Baden-Württemberg gerade wieder begonnen, was viele der Kinder weniger schön finden, andere wieder freuen sich, ihre Schulkameraden wieder zu sehen. Es soll sogar Kinder geben, die sich darauf freuen, Neues zu lernen, ihrem Wissensdurst Nahrung zu geben, vielleicht sogar im Chor zu singen. Als ich Kind war, war es selbstverständlich, dass die Klasse morgens gemeinsam ein jahreszeitlich passendes Lied sang oder ein Gebet sprach. Das weitete die Atemwege, versorgte die Hirnwindungen mit Sauerstoff, bereitete gut auf die Lernstunden vor. Eines der Lieder, die mir sehr gut gefallen haben und mir deshalb im Gedächtnis blieben, wurde 1782 vom Schweizer Schriftsteller Johann Gaudenz von Salis-Seewis, verfasst.

Da Freiherr von Salis-Seewis mit Goethe, Schiller und anderen Dichtern der Romantik bekannt war, überließ er die Vertonung Johann Reichardt, der sich ebenfalls im Kreis der Romantiker aufhielt. Später kam eine Vertonung durch Franz Schubert hinzu, der eine Anzahl von Gedichten des Freiherrn von Salis-Seewis in Melodien gefasst hat. Von Salis-Seewis und der in Königsberg geborene Reichardt hielten sich längere Zeit in Weimar auf. Das herbstliche Volkslied hat eine sehr einprägsame und getragene Melodie.

Der Text lautet wie folgt:

Bunt sind schon die Wälder,
gelb die Stoppelfelder,
und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
graue Nebel wallen,
kühler weht der Wind.

Wie die volle Traube
aus dem Rebenlaube
purpurfarbig strahlt!
Am Geländer reifen
Pfirsiche, mit Streifen
rot und weiß bemalt.

Flinke Träger springen,
und die Mädchen singen,
alles jubelt froh.
Bunte Bänder schweben
zwischen hohen Reben
auf dem Hut von Stroh.

Geige tönt und Flöte
bei der Abendröte
und im Mondesglanz.
Junge Winzerinnen
winken und beginnen
frohen Erntetanz.

Freiherr von Salis- Seewis hat übrigens auch das Lied „Der Jäger aus Kurpfalz“ verfasst. Dieses wird bis heute in der Kurpfalz gerne gesungen und von einem Jäger in historischer Gewandung bei Festen in Stadt und Land mit Trompetenbegleitung dargeboten.

septemberblumen-015     Der Sommer hat sich ja dieses Jahr sehr zögerlich gezeigt. Irgendwie lustlos, ein paar sonnige Tage dann und wann, dann wieder Regen oder zumindest feucht-kühles Wetter. Nun aber, wo es auf den offiziellen meteorologischen Herbst zugeht, legt er noch einmal richtig los. Das ist auf jeden Fall zu loben, und wie könnte man es besser tun als mit einem Gedicht von Erich Kästner.

Der September

Das ist ein Abschied mit Standarten
aus Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack und Astern flaggt der Garten,
und tausend Königskerzen glühn.
Das ist ein Abschied mit Posaunen,
mit Erntedank und Bauernball.
Kuhglockenläutend zieh‘n die braunen
und bunten Herden in den Stall.

Das ist ein Abschied mit Gerüchen
aus einer fast vergessenen Welt.
Mus und Gelee kocht in den Küchen.
Kartoffelfeuer qualmt im Feld.
Das ist ein Abschied mit Getümmel,
mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.
Luftschaukeln möchten in den Himmel.
Doch sind sie wohl nicht fromm genug.

Die Stare gehen auf die Reise.
Altweibersommer weht im Wind.
Das ist ein Abschied laut und leise.
Die Karussells dreh’n sich im Kreise.
Und was vorüber schien, beginnt.

„Mus und Gelee“ wird auch heute noch da und dort in den Küchen gekocht, Hühner drehen sich ganzjährig am Spieß, Bier gab es gestern und heute in gleicher Qualität. Ob es aber noch erlaubt und üblich ist, Kartoffelfeuer zu machen, das weiß ich nicht. Ich kann mich aber noch daran erinnern, dass wir als Kinder (Kinderarbeit hin oder her) frühmorgens mit dem Bauern, bei dem wir als Flüchtlinge einquartiert waren, auf den Kartoffelacker mussten. Wir sangen allen Ernstes: „Im Frühtau, zu Berge wir ziehn, fallera“, ein Lied das man damals in der Schule lernte. Frühtau lag noch auf dem Kartoffelkraut und auf dem Gras der Feldwege. Das mochte ich gar nicht, die Erde war meist matschig und klebte an den Schuhen (Gummistiefel für Kinder gab es nicht); Wattierte Jacken gab es kurz nach dem Krieg auch nicht, ein Strickjäckchen musste genügen. Jeder weiß, dass feuchte Kälte ohne weiteres durch Gestricktes kriecht. Ich fand es sehr ungemütlich. Aber jede Hand wurde gebraucht. Die Erwachsenen hackten um das Kraut der Pflanze herum und zogen dann energisch am Kraut, hoben das lange Gebilde in die Höhe und schüttelten die daran hängenden Kartoffeln heftig ab. Die schweren, großen Exemplare fielen als erste zwischen die Ackerfurchen. uns so sammelte ich müde, durchgefroren und schlecht gelaunt Kartoffeln in Körbe, die dann in Jute-Säcke umgefüllt wurden.

Aber gegen Mittag wurde dann das Kartoffelkraut aufgeschichtet, angezündet und wir Kinder durften jetzt Kartoffeln an einen biegsamen jungen Ast stecken und diesen in das Feuer halten. Wenn die Kartoffelschale  kohlschwarz war und knisterte, dann war das Innere weich. Nie waren Kartoffeln köstlicher als nach der Arbeit auf dem Feld. Es gab weder Butter noch Sahne oder sonst irgendetwas dazu, damals jedenfalls. Und niemand hat sich Gedanken gemacht über die schwarzen Finger, die wir von dem gesundheitsschädlichen Ruß auf der Kartoffelschale bekamen. Das Feuer hatte uns erwärmt und die Kartoffeln unsere Lebensgeister erweckt und machten die vorausgegangene Mühsal vergessen.
So ungefähr muss es Erich Kästner vor Augen gehabt haben, als er sein Gedicht „Der September“ schrieb.

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Foto: Herzförmige Kartoffel, die im Frühjahr neue Triebe angesetzt hat

Für die beiden Fotos danke ich Frau Ute Leser, Hamburg

Was tun, wenn man keinen Fußball mag?  Überall liest und hört man zur Zeit ja nur über dieses eine Thema.

Was macht man, wenn man kein Fußballfan ist? Ist man zur Einsamkeit verurteilt oder gibt es eine Alternative? Ja, es gibt sogar mehrere.

Man kann die leer gefegten Landstraßen während eines wichtigen Spieles nutzen für eine genüssliche Fahrt zu einem sonst wegen des Staus gemiedenen Ziel.

Beim nächsten Spiel „Deutschland gegen ……“ ist die ideale Zeit,  Erdbeermarmelade  zu kochen, Kirschen einzumachen, einen köstlichen Kuchen zu backen.

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Für das Spiel Italien:Deutschland hat eine Nachbarin diese prächtige Kreation aus Bisquitteig gezaubert und an köstlichen Beeren und  sonstigen süßen Früchten nicht gespart

Garantiert kein Anruf stört die fleißige Hausfrau gerade in dem Moment, in dem der heiße Brei in die Gläser gefüllt werden muss.

Frau kann sich endlich mal genüsslich mit einer Freundin im Kino treffen, ein Eis essen gehen oder den lange fälligen ausgiebigen Friseurtermin wahrnehmen.

Sogar die betagte Tante im Altersheim könnte der Fußballmuffel weiblichen oder männlichen Geschlechts mal wieder besuchen, ohne zu Hause vermisst zu werden. Ganz im Gegenteil, der echte Fußballfan am häuslichen Fernseher hat Besseres zu tun als die Häupter seiner Lieben zu zählen. Hauptsache, niemand stört das nervenzerreibende und ganzkörperentzückende Seh-Ereignis am Flach- oder gar Großbildschirm.

Von einem persönlichen Besuch eines Spiels im Stadion ganz zu schweigen. Da wäre die Anwesenheit eines familieneigenen Fußballmuffels nicht zu ertragen und schade ums Geld wäre es allemal. „Hier bin ich Fan, hier darf ich‘s sein“, heißt es da in leichter Abwandlung eines Goethe-Zitats und gleichgültige oder ablehnende Zeitgenossen stören da nur.

Der Fußballmuffel ist also während der Europameisterschaft fast vollkommen auf sich gestellt. Wenn er sich rechtzeitig nach Bundesgenossen umsieht, kann das eine spannende Zeit werden, die zu ungeahnten Aktivitäten verführt. Aber auch süßes Nichtstun wäre eine Alternative. Es kann ein preiswerter Urlaub zu Hause werden. Niemand wird die An- oder Abwesenheit bemerken, niemand Ansprüche stellen. Vorausgesetzt, dass der Fußballfan vor den Spielen gelernt hat, sich ein paar Brote selbst zu schmieren und sein Bier selbst aus dem Kühlschrank zu holen.

Nach erholsamen Faulenzertagen oder tollen neuen Unternehmungen mit Gleichgesinnten hat am Ende der spannenden und anstrengenden EM-Zeit der Fußballmuffel die nicht zu unterschätzende Freiheit, spätestens beim Endspiel (wo‘s so richtig spannend wird), sich frisch und munter zu den bereits ziemlich ramponierten Fußball-Fans vor den Bildschirm zu gesellen. Und er darf sich wertfrei mit dem Sieger freuen, egal wer das ist.- Unsportlich wie er ist, hat er eh‘ schon die ganze Zeit a l l e n Teilnehmern Respekt gezollt und die bewundert, die diesen Stress bis zum Schluss mit Füßen und Nerven durchgehalten haben.

(Dieser Text ist zur Weltmeisterschaft vor vielen Jahren entstanden, kann zu allen Meisterschaftsereignissen wieder verwendet werden. Deshalb habe ich ihn hier gepostet, obwohl er schon lange auf meinem Blog zu finden ist. Die Rahmenbedingungen ändern sich ja nicht, nur das Datum.)

Der Text kann auch gehört werden unter http://www.literiki.com. Dort findet man ihn während der Europameisterschaft kostenlos unter den „Weckgeschichten“, die die Schweizerin Isabella Hoegger als Hörerlebnis auf ihrer Website versammelt hat.