„Droben stehet die Kapelle …“ von Ludwig Uhland

Det Titel könnte auch heißen: Sommeranfang, Sonnenblumen und blühende Wiesen.

Ein Bekannter aus Bayern schickte mir von seinem Wochenendspaziergang mit Wanderstock und Kamera dieses wunderschöne Foto, das mich spontan an ein Volkslied erinnerte, das wir in der Volksschule kurz nach Kriegsende, etwa 1947, gelernt und gesungen haben

Der Text ist von Ludwig Uhland, der dieses Gedicht 1805 zu einem Gedichtwettbewerb für die Wurmiger Kapelle in der Nähe von Tübingen  schrieb. Das Gedicht wurde mehrfach vertont, u.a. von Konradin Kreuzer. Ich kenne nur eine Version, die mir aber seit der Ankunft des schönen Fotos wie ein Ohrwurm im Kopf herumspukt. Kürzlich habe ich in einer Talkshow im deutschen Fernsehen auch eine moderne Schäferin oder Hirtin an Stelle eines „Hirtenknaben“  gesehen. Das ist Grund genug, das Foto und das Gedicht in meinen Blog aufzunehmen, auch wenn der Inhalt des Gedichtes sehr nachdenklich stimmt und nicht speziell sommerlich ist.

Nicht die Wurmlinger Kapelle, aber ebenso schön „droben“

Droben stehet die Kapelle

schauet still ins Tal hinab

drunten singt bei Wies und Quelle

froh und hell der Hirtenknab.

Traurig tönt das Glöcklein nieder

schauerlich der Leichenchor

stille sind die frohen Lieder

und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,

die sich freuten in dem Tal.

Hirtenknabe, Hirtenknabe,

dir auch singt man dort einmal.

Ja, dieses Lied hat man in meiner Kindheit in der Grundschulklasse gesungen. Ich weiß nicht, ob man dies heute noch für richtig hält.

Zum Ausgleich füge ich noch ein wunderschönes, sommerlich leuchtendes Foto bei, das mir der Bekannte aus Bayern ebenfalls von seinem Wochenendspaziergang schickte. Es zeigt ein großes Feld mit Sonnenblumen. Sie erfreuen die Menschen nicht nur mit ihrem strahlenden Blütenkranz, sondern sind auch nützlich als Ölpflanze (Sonnenblumenöl zum Backen und als Treibstoff), die Kerne sind beliebt als Knabberzeug und als Backzutat, als Nahrung für Vögel besonders im Winter,  die Stängel und die Blätter dienen in der Landwirtschaft als Futter für die Tiere im Stall. Vorher werden die Pflanzenteile gehäckselt. Die Sonnenblume ist in ihrer Vielfalt der Anwendung also eine wahrhaft „nachhaltige“ Pflanze, über die man sich nicht genug freuen kann.

Text; E.Z. ©2022

Fotos: Rudi S., Juni 2022 ©

Stevia hat viele Namen, ist immer aber mehr als „zuckersüß“

Stevia hat viele Namen, ist immer aber mehr als „zuckersüß“

STEVIA,  Zuckerpflanze, Süßkraut, oder Honigblatt  – wie man sie auch nennt, sie schmeckt roh oder verarbeitet mehr als „zuckersüß“ 

Vor ein paar Jahren habe ich einen Text gepostet (2.6.2011, Titel: Kleine Freuden oder kalorienfrei süßen mit Stevia“), als Stevia hier noch wenig bekannt war. Damals habe ich mich gerade deshalb nach Informationen umgesehen. Zu meiner Freude gibt es inzwischen die Pflanze als Setzling ab Ende April/Anfang Mai, ich habe sie gerade wieder in meinen Balkonkasten gepflanzt. Sie gedeiht sehr gut, aber nicht unter Null Grad. Deshalb kaufe ich jedes Jahr ein bis zwei neue Pflanzen, was ja inzwischen gar kein Problem mehr ist, da man sie fast überall erhält.

Damals, als es meines Wissens nirgends Süßkrautpflanzen als Setzlinge gab,  habe ich mir die Zeit genommen, alte Kräuterbücher zu wälzen, im Internet zu recherchieren und zu prüfen, ob die Behauptung stimmt, dass Stevia-Pulver 300 Mal mehr süßt als normaler Zucker. Es ging damals darum, dass das Stevia-Pulver auch in Deutschland als Süßungsmittel, d.h. als Lebensmittel zugelassen wird, was kurz bevorstand, wie ich einer Website entnommen hatte.

Ich wiederhole hier nochmals die wesentlichen Ergebnisse meiner damaligen Recherche:

Kalorien sparen ist ja in unseren Tagen ein wichtiges Argument für ein Lebensmittel.

Die Stevia-Pflanze, auch Honigblatt oder Süßkraut genannt, ist kalorienfrei, jedenfalls wenn es sich um das Pulver handelt, das durch ein patentiertes Verfahren in China (für 85 % des Weltmarktes) aus der Stevia-Pflanze gewonnen wird.

Ich verwende nicht gerne die üblichen Süßstoff-Tabletten, da ich sie als zu süß oder nach Süßholz schmeckend empfinde. Zucker sparen möchte ich aber trotzdem, da ich leider nicht gerade gertenschlank bin. Also habe ich mir endlich Stevia-Pulver bzw. Stevia-Tabs besorgt. In Apotheken, Drogerien und Reformhäusern ist es als „Badezusatz“ erhältlich und auch schon längst in dort angebotenen Zahnpasta-Produkten und Kosmetika als Zusatz enthalten.

Nach einigen Tagen des Ausprobierens fand ich heraus, dass Stevia Tabs tatsächlich in ganz geringen Mengen, eine halbe Tablette reicht mir für einen Becher Kaffee, süßen können. In dieser Dosierung ist es ohne Beigeschmack, kalorienfrei, gesundheitlich unbedenklich. Anfangs hatte ich eine ganze Tablette genommen pro Becher Getränk, das war mir viel zu süß und hatte auch einen Süßholz-Geschmack. Manche Verbraucher berichten über einen lakritzähnlichen Nachgeschmack. Der Geschmack von Stevia-Pulver wird offensichtlich ganz unterschiedlich wahrgenommen.

Aber ein Extrakt aus einer Pflanzehat immer einen anderen Geschmack als die Frischpflanze selbst. In Südamerika, wo die Stevia-Pflanze seit Jahrhunderten angebaut und zum Süßen des Mate-Tees verwendet wird, kaut man die Pflanze als Bonbon-Ersatz.

Die Frischpflanze schmeckt mir auch weit besser als jeder Auszug, jedes Pulver oder jede Tablette. Es freut mich jedenfalls, dass der Geschmacks- und Süßungstest von Stevia zu meiner Zufriedenheit ausgefallen ist und mich anregt, weiter mit Stevia zu experimentieren, nämlich beim Kochen und Backen. Ich bin gespannt auf das Ergebnis. 

Des einen Freud ist des anderen Leid. Ich frage mich, was aus unseren Zuckerrübenbauern und den Zuckerrohrpflanzern in Südamerika wird, jetzt, nachdem Sevia endlich „in aller Munde“ sein darf, nach der Zulassung durch die Eu.

Ein großer amerikanischer Softdrink-Hersteller und Abnehmer von Industriezucker hat sich ja schon sehr früh für Stevia entschieden. Er lässt Stevia in China auf riesigen Flächen anbauen, erforschen, kalorienfreie Produkte herstellen. Ein Softdrink dieses Herstellers heißt „zevia“. 

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STEVIA ist nun längst angekommen auf dem Lebensmittelmarkt hierzulande. Man findet den Inhaltsstoff als Süßungsmittel offen oder versteckt in vielen Lebensmitteln, Kuchen, Süßigkeiten oder Getränken. Meist verarbeitet zu Pulver.

Getrocknete Steviablätter werden im Mörser zu Pulver zermahlen

Ich verwende Stevia ganzjährig als Frischblatt (gedeiht bestens auf meinem Balkon) und im Winter als getrocknete Pflanze, die ich zu Pulver im Mörser verreibe. So habe ich immer einen natürlichen Süßstoff im Hause. Ich verwende gar keinen Industriezucker mehr und vermisse nichts.

Kapuzinerkresse (vorne rechts) und Stevia (hinten) im Balkonkasten

E.Z.© 2022

Fotos: Privat

Ein neues Jahr

Ein neues Jahr

Silvesterabend und Jahresanfang

Mit dem Anfang und dem Ende eines langen Gedichtes von Friedrich Wilhelm Weber (gest. 1894) wünsche ich den Lesern meines Blogs ein gutes, erfreuliches neues Jahr, vor allem Gesundheit. Die Welt möge friedlicher Werden und die Pandemie ihr Ende finden.

Hier das Gedicht, das ich bis jetzt noch nicht kannte und das ich heute, am 2. Januar 2022, auf dem Blatt meines Tages-Abreißkalenders 2022 fand:

Ein neues Jahr! Tritt froh hinein

Mit aller Welt in Frieden!

Vergiß, wie viel dir Plag‘ und Pein

Das alte Jahr beschieden‘

Du lebst: sei dankbar, froh und klug,

Und wenn drei bösen Tagen

Ein guter folgt, sei stark genug,

Sie alle vier zu tragen.

Das neue Jahr, es gibt und nimmt;

Drum leg in dessen Hände,

Der Welten Ziel und Zeit bestimmt,

Den Anfang und das Ende.

Trag du mit Freuden deine Last

Und laß dich nichts verdrießen:

Was du mit Gott begonnen hast,

Kannst du mit Gott beschließen.

Foto: E.Z., Privat



Doris Dörrie Online Schreibkurs, mein Text zum Thema „Sterben“

Doris Dörrie Online Schreibkurs, mein Text zum Thema „Sterben“

Wie ich schon kürzlich gepostet habe, hatte ich Gelegenheit an einem Online-Schreibkurs teilzunehmen, der über das Portal „Bürgerakademie“ für alle Interessierten erreichbar war. Von den vielen Aufgaben, die von der Filmemacherin und Autorin Doris Dörrie ihren Kursteilnehmern angeboten wurden, habe ich nur drei bearbeitet. Einen Text über Natürliche Heilmittel habe ich vor Kurzem in meinen Blog aufgenommen. Heute kommt mein Text „Über das Sterben“, denn im November, dem Monat von Allerseelen, Allerheiligen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, kommt man nicht am Nachdenken über die Sterblichkeit des Menschen vorbei.

Über das Sterben

Schon früh wurde mir bewusst, dass das Leben mit dem Sterben verbunden ist, obwohl es in meiner Kindheit keinen Todesfall in der Familie gab, den ich miterlebt habe. Da meine Großmutter mütterlicherseits mit uns in der Familie lebte, lernte ich aber früh das Wort „gefallen“. Immer, wenn ich Großmutter fragte, warum sie keinen Mann hat, erzählte sie, dass mein Großvater Peter als ganz junger Mann im I. Weltkrieg bei Rovereto in Italien „gefallen“ ist. Zum Zeitpunkt dieser Erzählungen lebten meine Mutter, meine Großmutter, meine Schwester und ich als Flüchtlinge aus der Batschka in verschiedenen Flüchtlingslagern in Deutschland, der Tschechoslowakei, in Österreich, in Thüringen und dann in einer Wohnung in Baden-Württemberg. Wir waren bei der Verteilung der Flüchtlinge aus einem Lager in einer badischen Stadt in einem Dorf im Kraichgau gelandet. Dort lebten wir in einfachen Räumen im Möbel-Lager einer Schreinerei, die dem Bürgermeister des Ortes gehörte.

Wo immer wir auch gerade lebten, es fiel mir als Kind immer wieder auf, dass es so wenige Väter und Großväter unter den Flüchtlingen oder Vertriebenen gab. Überall alte und junge Frauen und Kinder. Ich wünschte mir sehr, einen Großvater zu haben. Deshalb fragte ich immer wieder von Neuem, warum ich keinen habe und auch keinen Vater. Allmählich erfuhr ich, dass der Großvater im Alter von 25 Jahren im I. Weltkrieg gefallen ist und dass er deshalb kein Grab hat. Dass mein Vater (den ich gar nicht in Erinnerung hatte, weil er kurz nach meiner Geburt im August 1939 als Soldat eingezogen wurde), im Krieg ist und vielleicht in russischer Gefangenschaft. Manchmal kamen Briefe vom Roten Kreuz, in denen stand, in welchem Gebiet er gerade als Sanitäter im Dienst ist. Irgendwann hieß es dann nur noch, dass er in Gefangenschaft im Kaukasus ist. Ich lernte also nach und nach, dass man im Krieg fallen und für immer Weg sein kann und dass man im Krieg sein kann und doch noch leben.

Als viereinhalbjähriges Kind hätte ich mir einen Großvater gewünscht, da unser Leben schwer war. Immer wieder in Güterwagons irgendwo hin gefahren werden (wohin, konnte ich nicht sehen, da Güterwagons ja keine Fenster haben). Immer wieder den kleinen Rucksack auf den Rücken nehmen und rennen, um einen Zug oder einen Lastwagen zu erreichen. Immer wieder mussten die Mutter und die Großmutter große Koffer und Kisten umladen. Ein lebender Großvater oder ein anwesender Vater hätten da viel helfen können, dachte ich als Kind. Das sah ich bei den anderen Familien, die wie wir auf der Flucht vor den Partisanen waren. Selbst alte kranke Großväter waren beim Koffertragen nützlich.

Die Erwachsenen erzählten immer Geschichten von gefallenen Männern, Söhnen und manchmal auch von Frauen und Kindern, die durch Bomben und andere Unglücksfälle gestorben waren.

Richtig bewusst wurde mir die Unumkehrbarkeit des Sterbens aber erst, als ich in der ersten Klasse der Volksschule war. Während einer Grippewelle war eine meiner Klassenkameradinnen gestorben. Es war damals üblich, die Verstorbenen in der Wohnung aufzubahren, damit Verwandte und Freunde ihnen die letzte Ehre erweisen konnten. Ich ging mit meiner Schwester zum Haus der verstorbenen Klassenkameradin, die nach meinem Empfingen wie ein Engel in ihrem Bett inmitten von weißen Blumen lag. Es war kühl im Raum, Weihwasserschalen standen am Ende des Bettes, alles war ruhig und still. Die Erwachsenen nahmen Kräuterbüschel, tauchten sie in das Weihwasser und besprengten das Bett, die Blumen und das tote Kind, das so fremd und blass in den Kissen lag. Ich fühlte zum ersten Mal, dass der Tod eine ernste Sache ist. Meine Schwester und ich beteten mit den Erwachsenen, hörten viel von „und vergib uns unsere Schuld“ und wir fanden das nicht richtig an diesem etwas unheimlichen Ort.

In dem Dorf war es auch üblich, dass bei der Geburt eines Kindes verstorbene Frauen zusammen mit dem toten Kind aufgebahrt wurden. Eine solche Aufbahrung, die ich in der Hofeinfahrt von Nachbarn in dem Dorf sehen musste, werde ich nie vergessen. Es war damals normal, dass man auch Kinder zum Beten und Weihwasser sprühen hinschickte. Von da an hatte ich eine panische Angst, dass meine Mutter sterben könnte. Sie war oft krank und ich erkannte nach und nach den Zusammenhang zwischen Krankheit und Tod.

Meine Großmutter war eine fromme Frau und betete viel und oft auch laut den Rosenkranz. Immer war da von Tod, von Schuld, von Sünden und manchmal auch von Vergebung die Rede. Auch da also Tod und Sterben. Täglich betete die Großmutter um einen guten Tod. Es war ein kurzes und einprägsames Gebet, das wir Kinder bald auch mitsprachen, wenn sie es laut betete. Der Tod, das Sterben – sie waren allgegenwärtig in meiner Kindheit. Es gab dann Todesfälle familiären Umkreis, wir Kinder wurden mit großer Selbstverständlichkeit in die Vorbereitungen für Begräbnisse und auch zu den Bestattungen mitgenommen und manchmal auch alleine hin geschickt.

Selbst gesteckter Grabschmuck aus Trockenpflanzen und Tannengrün

Als meine Großmutter lange Jahre später mit 90 Jahren starb, hatte ich Gelegenheit, zu sehen, wie gut es sein kann, wenn ein Mensch sich mitten im Leben seiner Vergänglichkeit stets bewusst ist. Meine Großmutter ging sehr tapfer einen Schritt nach dem anderen (Nachlassen der Kräfte, kurze Krankheit) ihrem Sterben entgegen. Sie war damals auf ihren eigenen Wunsch hin in einem Haus für Betreutes Wohnen, das von Ordensschwestern geführt wurde. Sie konnte dort täglich in die Hauskapelle zur Messe gehen, hatte viel Gelegenheit, an kirchlichen Andachten teilzunehmen, mit den Ordensschwester Gespräche zu führen über Leben und Tod, denn Todesfälle gab es in diesem Umfeld fast täglich. Großmutter begleitete viele ihrer Hausgenossen während des Sterbens und so war sie auch nicht allein, als sie sich zum Sterben hinlegte (wie sie es nannte). Meine Schwestern und ich waren abwechselnd an ihrem Krankenbett, Wohnungsnachbarn aus dem Haus sowie die Ordensschwestern wechselten sich Tag und Nacht ab und beteten einen Rosenkranz nach dem anderen, pflegten und versorgten die Großmutter und waren bei ihr in der Nacht, als sie starb. Die Schwestern wussten genau, welches Kleid Großmutter im Sarg tragen wollte, wie sie sich ihre Beerdigung vorstellte. Es gab keine Unklarheiten, alles war so, wie sie es sich gewünscht hatte. Denn sie hatte ja ohne Scheu und in großer Tapferkeit einen Schritt nach dem anderen getan, der sie von einem ereignisreichen, arbeitsamen, tapferen Leben in die Ewigkeit führte. „Mitten im Leben, sind wir vom Tod umfangen“, singen Christen im Gottesdienst und ich erlebte, wie ein Mensch sich dessen bewusst sein und trotzdem ein lebensbejahendes Dasein führen kann. Das hat mir meine Großmutter Nanni vorgeführt.

E.Z.©2020

Fotos: Trockenblumengesteck, Privat E.Z.

Foto Friedhofseingang: Johannes Paesler

Boostern – oder: Aller guten Dinge sind drei

In meiner Kindheit hörte man dieses Sprichwort sehr oft und in bezug auf die Corona-Pandemie können wir alle nur hoffen, dass das Sprichwort recht behält und die Auffrischungsimpfung sich als wirksam erweist. Untersuchungen waren offensichtlich ermutigend. Nachdem ich vor einiger Zeit über die erste und zweite Impfung gegen Corona hier im Blog geschrieben habe, möchte ich der Vollständigkeit halber nun auch berichten, dass ich mir inzwischen die sogenannte „Booster“-Impfung geben ließ. Das ist eine Impfung für über 70-Jährige, deren erste Impfung schon über sechs Monate zurückliegt. Das war bei mir der Fall, da ich die erste schon im Januar und die zweite Impfung Ende Februar 2021 bekam.

Da der Impfschutz nach etwa sechs Monaten nachlässt, wird die Auffrischungsimpfung von Medizinern und anderen Experten empfohlen.

Die dritte Impfung gegen das Corona-Virus bekam ich beim Hausarzt. Ich erhielt nach meinem Anruf einen festen Impftermin (in ca. 10 Tagen), was notwendig ist, weil der Biotech-Impfstoff ja bei der Apotheke bestellt und kühl gelagert werden muss. Da muss der Hausarzt wissen, wieviel Impfstoff er braucht und wie viele Patienten er für diesen Tag zur Auffrischungsimpfung bestellen kann.

Die Impfung an sich war wie auch schon vorher kein Problem. Dieses Mal reagierte ich jedoch sehr viel stärker als bei der Erst- und Zweit-Impfung. Die Einstichstelle wurde großflächig rot, der Oberarm schwoll sichtbar an und in den folgenden Tagen war er auch bei Berührung und beim Darauflegen schmerzhaft. Am zweiten Tag nach der Impfung fühlte ich mich nicht so gut, d.h. ich war müde, fühlte mich im Kopf etwas benommen und die Muskeln schmerzten leicht. Da ich an Arthrose leide, ist es nicht einfach, zu erkennen, was  die Muskelschmerzen ausgelöst hat. Es ist möglich, dass ich aufgrund der ohnehin vorhandenen Arthrosebeschwerden etwas heftiger auf die Impfung reagiert habe. Es war trotzdem alles kein Problem, denn alles wurde von Tag zu Tag besser und nun, eine Woche nach dem Impftag, ist alles wieder im Lot.

Da ich als Kind nach dem Krieg den Ausbruch der Kinderlähmung in Deutschland miterlebt habe und auch die große Freude, als es endlich die sogenannte „Schluckimpfung“ gab, die diese schwerwiegende Krankheit nach und nach ausrottete. Mir ist noch der Slogan:“Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“ im Gedächtnis. Es war für mich deshalb gar keine Frage, ob ich mich impfen lasse oder nicht. Die erträglichen Nebenwirkungen der Corona-Impfung sind auf jeden Fall das geringere Übel, wenn man bedenkt, was passieren kann, falls man sich mit Covid 19-Virus infiziert und ernsthaft krank wird oder gar in die Intensiv-Station muss. Ich bin sehr froh, dass in so kurzer Zeit ein Impfstoff entwickelt wurde und würde mir wünschen, dass jeder Erwachsene seine Chance wahrnimmt (je nach Alter und Vorerkrankung), sich impfen zu lassen. Jeder, der ein Amt hat und auf das Geschehen Einfluss nehmen darf und kann, soll sich seiner Verantwortung bewusst sein, aber dennoch nicht zögern, zur Impfung aufzurufen.  Die Politiker mögen in Zusammenarbeit mit den Medizinern weiterhin je nach Entwicklung der Weiterverbreitung des Virus die richtigen und notwendigen Maßnahmen treffen.

Ich fand die Impfung beim Hausarzt bequemer, war aber auch im Impfzentrum auf dem Maimarktgelände in Mannheim sehr zufrieden mit der Organisation und mit dem Ablauf der ersten und der zweiten Impfung. Alles war gut vorbereitet und die Aufklärung sorgfältig und umfassend. Für Fragen und Bedenken war genug Zeit und Raum – das war beruhigend und hilfreich.

Es gibt also wenig oder fast keine guten Argumente gegen die Impfung. Ein Gespräch mit dem Hausarzt kann so manche Bedenken zerstreuen. Diese Gelegenheit sollte jeder wahrnehmen, der von Ängsten in dieser Hinsicht geplagt wird und vielleicht nur ein bisschen Ermutigung braucht.

So sieht mein Impfpass nun aus. Möglicherweise wird nun Jahr für Jahr neben der Grippe-Impfung auch eine Auffrischung gegen Corona nötig sein. Es ist noch genug Platz für Eintragungen, wie man sieht:

Die Stempel habe ich unkenntlich gemacht, um Fälschungen vorzubeugen

© 4.11..2021, E.Z.

Foto: Privat

Nachhaltigkeit am Beispiel der Feuerholzkiste des Urgroßvaters

Mein Mann brachte sie mit in die Ehe (1974), er hatte sie von seinem Vater, der hatte sie von seinem Vater und der hatte sie von seinem Vater ….

Nun steht sie auf meiner Terrasse in einem modernen Gebäude aus Beton und Glas, die unscheinbare Kiste aus stabilem Holz. Sie hat einen Deckel, der an rostigen Scharnieren hängt. Zwei Grifföffnungen sind rechts und links in die Seitenteile der Kiste eingefräst,  so dass man die Kiste gut transportieren kann. 

Ich bewahre darin nur Decken und Nackenrollen für die Liegestühle auf der Terrasse auf. Im dunkeln Inneren der Kiste ist noch genug Platz für einen Beutel Kartoffeln, die ja dunkel gelagert werden müssen. Im Winter wickle ich die Kartoffeln in die Decken ein, so dass sie keinen Frost abbekommen, darüber kommt ein Stück Noppenfolie und meine „Kartoffel-Miete“ ist komplett. Ja,“ Miete“ nannte man früher die Erdaushebungen im Garten oder auf dem Acker, in die man allerlei Gemüse, vor allem Kartoffeln, Karotten und Weißkohl als Wintervorrat legte, um sie frisch zu halten und gleichzeitig vor Frost zu schützen. Obendrauf kam viel Stroh und darüber meistens noch lose verlegte Holzbretter.

Das Holz meiner Kiste auf der Terrasse ist so dick, dass keine Maus es je angenagt hat und der Deckel schließt immer noch so dicht, dass die Kartoffeln keine grünen Flecken vom Tageslicht bekommen können. Kinder, die zu Besuch kommen, nutzen die Kiste gerne als Sitzmöbel. Soll ich ihnen sagen, dass sie auf einem fast 150 Jahre alten Gegenstand sitzen, der etwa 1880 von einem Schreiner in der Kurpfalz für einen jungen Hausstand angefertigt wurde? Ohne Verwendung von Nägeln. Nur für die Metallscharniere des Deckels wurden in späteren Zeiten Nägel verwendet. In allen anderen Teilen wurde die Kiste in „Nut- und Federtechnik“ zusammengefügt.

Feuerholzkiste, in „Nut und Feder“-Technik hergestellt, ca. 1883

Die Kiste war damals als Vorratskiste für Feuerholz gedacht und gleichzeitig als Sitzplatz neben dem Herd. Späteren Generationen diente er dann als Kiste für Eierkohlen oder Brickets, was eine staubige Angelegenheit war. Durch Einlegen von Wachspapier, mehreren Lagen alter Zeitungen oder Packpapier wurde das helle Holz der Kiste aber geschützt. Eine andere Familie, die die Kiste erbte, bewahrte die Schuhputz-Utensilien für die ganze kinderreiche Familie auf und samstags ging die Schuhputz-Arbeit mit Hilfe der vielen Bürsten, Lappen, Schuhcreme in Dosen, Tuben, alten Küchenmessern (um die groben Teile abzuschaben an den Sohlen). Die Kinder mussten das abwechselnd für alle Familienmitglieder erledigen. Sonntags ging es dann mit glänzend geputztem Schuhwerk zum Gottesdienst.

So hat diese unscheinbare, aber ungemein nützliche und unverwüstliche Holzkiste ihren Dienst getan für einige Generationen und wie gesagt, sie dient auch mir noch als lieb gewordener Gegenstand aus alter Zeit zur Aufbewahrung von Decken und Kartoffeln. 

Heutzutage ist viel von „Nachhaltigkeit“ die Rede. Ich finde, diese Kiste, die so vielen Generationen einen guten Dienst getan hat und immer noch in Gebrauch ist bei mir, ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, Alltagsgegenstände aus gutem Material in guter, zuverlässiger Weise herzustellen. Das Gegenteil von Wegwerfartikeln also. Es würde unserer heutigen Zeit gut tun, sich daran zu erinnern.

Fotos: E.Z., privat

E.Z.©2021

Im Impfzentrum

Bis zum 23. Januar 2021 hatte ich keine Ahnung, wie viele Menschen von 80 Jahren oder mehr es in unserer Stadt gibt. Seit ich zu meiner Überraschung, sehr plötzlich von einem Tag auf den anderen (nach langen Fehlversuchen im Web und Warteschlangen im Telefonnetz) endlich einen Impftermin bekommen hatte, weiß ich, dass ich in guter Gesellschaft bin. Seit ich so viele mehr oder weniger bewegungseingeschränkte, aber auch sehr flotte alte Menschen unter sich auf dem Gelände des Impfzentrums getroffen habe, verstehe ich die Lockdown-Maßnahmen noch besser als zuvor. Es wäre nicht gut, wenn diese Menschen durch eigenes Fehlverhalten oder den Leichtsinn von jüngeren Menschen in ihrem Umfeld sich mit Covid-19 angesteckt hätten. Allein die Anzahl hätte die Stadt vor ein großes Problem gestellt. Obwohl die Stadt sich gut vorbereitet hatte, wäre das Gesundheitssystem sehr bald an seine Grenzen gestoßen.

Impfzentrum in der Maimarkthalle Mannheim

Dass die Stadt gut vorbereitet ist, konnte ich ja nun feststellen, da ich nach aufregenden Tagen des Informierens, Telefonierens oder des Einwählens in das Internet von heute auf morgen einen Termin bekam. Es war nun Eile angesagt, denn allerlei Dokumente waren zu richten (Personalausweis, Impfpass, Allergiepass), eine Fahrmöglichkeit war zu organisieren, bequeme Kleidung bereit zu legen, das Handy aufzuladen, Freunde und Bekannte telefonisch zu kontaktieren. Leider war ich die Einzige aus meinem Bekanntenkreis, die an diesem Tag einen Impftermin hatte, so dass sich die Möglichkeit nicht ergab, zusammen mit anderen Betroffenen zum Zentrum am Rande der Stadt zu fahren. Eine sehr viel jüngere Freundin, die wegen der Corona-Pandemie momentan in Kurzarbeit ist, hatte Zeit und erbot sich, mich zu begleiten.

Das hat sich als eine sehr große Erleichterung für mich erwiesen als wir uns auf den Weg machten zum Impfzentrum in Mannheim. Das Gelände, auf dem die geräumige Halle steht, in der innerhalb sehr kurzer Zeit Anfang des Jahres ein großes Impfzentrum errichtet wurde, hat auch einen sehr großen Parkplatz und ist deshalb ideal für diesen Zweck. Es war also für die meisten kein Problem, das Zentrum mit dem Auto oder auch mit dem Nahverkehr zu erreichen, denn auch eine Haltestelle der Stadtbahn befindet sich direkt vor dem Eingang. Ich bin voll Bewunderung für das gelungene Zusammenspiel von Stadt, Land, Technischem Hilfswerk, Gesundheitsamt, Rotem Kreuz, medizinischem Personal, Feuerwehr, Polizei und anderen Hilfskräften, die das Zentrum räumlich, medizinisch und verwaltungstechnisch auf die Beine stellten, so dass es nun sehr gut und reibungslos funktioniert.

Es war nicht möglich, einen ersten Termin zu bekommen, wenn man beim Ausfüllen des Formulars im Internet nicht bereit war, gleich den zweiten Termin festzulegen. Inzwischen scheint es ich geändert zu haben, so hörte ich heute von einer Nachbarin, die gestern endlich telefonisch einen ersten Impftermin für Mitte Februar bekam. Sie war seit vielen Tagen bis Mitternacht aufgeblieben, um unter der Nummer 116117 anzurufen. Sie hatte gehört, dass dann die vom vergangenen Tage übrig gebliebenen Impfdosen auf Termine des nächsten Tages verteilt wurden. Das half ihr nicht um Mitternacht, aber sie hatte Glück, als sie morgens um 8 Uhr erneut telefonierte. 

 Im Impfzentrum wurden wir durch lange, mit Absperrbändern begrenzte Laufstraßen in verschiedene Abteilungen geschleust, wo es allerlei Dokumente zu lesen, zu unterschreiben und die Kopien irgendwie unterzubringen hieß. Meine Begleitung hatte sehr bald alle Hände voll mit Papierkram, der aber wohndurchdacht und sinnvoll war, wie sich herausstellte. Nach einer geduldigen Beratung durch einen Arzt über die Risiken und Nebenwirkungen der Impfung, landeten wir in einem Raum, in dem ein Film über das Corona-Virus und die Pandemie lief. Der Raum war gut durchlüftet, alle Stühle mit ausreichendem Abstand aufgestellt, alle Hygieneregeln waren eingehalten. Der Film verschaffte uns eine kleine Atempause bevor es weiter ging zu Wartezonen vor den eigentlichen Impfkabinen. Alles sehr gut organisiert und übersichtlich beschriftet. Die Impfung selbst war dann kurz und schmerzlos. Nach dem Eintrag in das Impfbuch

war eine Viertelstunde Ruhe in einer ebenfalls sehr auf Abstand bedachten Zone vorgesehen, für den Fall, dass irgendwelche Unpässlichkeiten eintreten sollten. Da ich Allergikerin bin, wurde mir eine halbe Stunde Wartezeit verordnet. Danach ging es mit dem Laufzettel zum Ausgang, wo sich ein freundlicher Helfer nochmals nach dem Befinden erkundigte, bevor wir von einem weiteren Helfer hinausgeleitet wurden.

Zu Hause hatte ich am Impftag dann doch noch leichte Kopfschmerzen und Gliederschmerzen, wie etwa bei einer beginnenden Erkältung. Auch eine große Müdigkeit stellte ich fest, was aber nicht verwunderlich war nach einem so aufregenden Tag, denn wer hat denn schon irgendwann in seinem Leben eine Corona-Impfung bekommen. Alles ist ja neu, vieles noch in Erprobung, jeden Tag gibt es neue Erkenntnisse und Veränderungen. Das müssen die jungen Menschen wie auch Achtzigjährigen und Älteren ja auch erst einmal in ihren Erfahrungshorizont integrieren und sich eine Flexibilität im Denken und Handeln aneignen, die vorher in dieser Form nicht nötig war.

Es gibt ja immer noch keine sicheren Erkenntnisse darüber gibt, wie lange die Wirkung der Impfungen anhält, ob man als Geimpfter das Virus trotzdem an andere weitergeben kann, ob man z.B. im nächsten Winter wieder geimpft werden muss, so wie dies bei der Grippe-Impfung der Fall ist. Ich denke aber, dass ich es meinen Mitmenschen schuldig bin, auch zu deren Schutz vor Ansteckung beizutragen. Es freut mich aber auch, dass ich mich nach der Impfung, doch mal wieder zu einem Kaffee mit meinen Freundinnen treffen kann, weil sie auch schon einen Impfschutz haben. Denn es ist kein reines Vergnügen, wenn man wegen seines hohen Alters durch die Pandemie zu einem Eremiten-Dasein gezwungen ist, das ja nun fast ein Jahr andauert.. Ich selbst habe auch vor der Corona-Pandemie eher zurückgezogen gelebt und war mit Hilfe meiner guten Wohnumgebung und eines geräumigen Balkons gar nicht besonders von dem verordneten Rückzug betroffen. Manche Menschen, die sehr viel mehr Außenkontakte hatten und brauchten, ertragen eine solche unfreiwillige Abgeschiedenheit sehr viel schlechter. Trotzdem vermisse auch ich allmählich den persönlichen Umgang mit Menschen meiner Altersgruppe oder einen Einkaufsbummel mit jüngeren Begleitern. Es ist gut,  Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

 Bis jetzt hatte ich gar nicht die Absicht, mich zu der Pandemie und dem Virus in meinem Blog äußern, da anfangs und bis heute so vieles ungewiss und in steter Veränderung war und ist. Über mein sehr positives Erlebnis im Impfzentrum meiner Stadt zu schreiben, ist mir aber inzwischen ein Bedürfnis geworden, denn der Bericht könnte anderen Mut machen. Nicht zuletzt ist es auch eine Gelegenheit, allen Helfern in den Impfzentren der Städte und Gemeinden  zu danken für ihren Einsatz und ihre Geduld bei der Impfung der über Achtzigjährigen.

E.Z. ©2021, Foto: Privat

Weihnachtliche Tagträume im Haus Abendschein

Weihnachtliche Tagträume im Haus Abendschein

Das kleine Weihnachtsbäumchen mit den Kunstfaser-Tannennadeln und den elektrischen Kerzen war ganz entzückend geschmückt mit roten Schleifchen, roten Mini-Glaskugeln und goldenen Sternchen.

Es stand in einem roten Übertopf, in dem die elektrischen Kabelanschlüsse verborgen waren. In der Dämmerung gingen die kleinen Lichter von selbst an, denn auch an einen Dämmerungsschalter hatten die Hersteller gedacht.

Gedankenverloren saß die alte Dame in ihrem Sessel am Fenster, von dem aus sie einen Blick auf den Fluss hatte. Jogger rannten trotz der Kälte am Morgen und am Abend am Ufer entlang. Nachmittags kamen die jungen Mütter mit ihren wohlvermummten Babies im Kinderwagen.

Wie schön, dass man heutzutage für alle Wetterlagen das richtige Schuhwerk und die richtige Bekleidung hatte. Ein Frösteln überzog den Körper der alten Frau, denn es schlichen sich Erinnerungen in Ihr Gedächtnis und Gemüt, die mit Zeiten zu tun hatten, in denen Frieren und Hungern der Normalzustand waren. Nur nicht mehr daran denken, befahl sie sich, das ist alles vorbei. 

Ich habe es ja so schön hier. Sie gestand sich ein, dass sie es noch nie so gemütlich und bequem hatte, ja dass sie noch nie so gut versorgt war wie hier. Alle meinten es gut mit ihr, sorgten vor allem für ihr leibliches Wohl. Aber es war doch nicht so, wie es hätte sein können, wenn Ihr Mann noch lebte. Wenn sie beide beide gesund geblieben wären, hätten sie in ihrem schönen Einfamilienhaus in einem ruhigen, grünen Vorort der Stadt hätten bleiben können, möglichst bis an ihr Lebensende. In ihren Vorstellungen ging sie natürlich davon aus, dass sie beide bei guter Gesundheit trotz ihres Alters Weihnachten selbst gestaltet und miteinander gefeiert hätten. Dass es in der Realität möglicherweise anders hätte sein können, das konnte sie ja jetzt in ihrem gemütlichen Sessel tagträumend einfach ausklammern. Deshalb feierte sie in Gedanken eine Weile Weihnachten wie früher, mit perfekt  gebratener Weihnachtsgans im Ofen, einem raumhohen Weihnachtsbaum mit sehr vielen riesigen Glas und Goldkugeln, mit Lametta, Glasbläsereien aus dem Erzgebirge. Vor allem hatte sie die Glas-Vögelchen, aus deren Schwanz ein kleiner weißer Busch Schwanenfedern ragte, so geliebt. Unmengen von selbst gebackenem Weihnachtsgebäck in schönen Kristallschalen standen damals auf dem Tisch und unter dem Baum.. 

Dass sie selbst früher an Weihnachten am Ende ihrer Kräfte gewesen war, weil sie allein all diesen Zauber veranstaltet, sich mit der riesigen, toten, glitschigen Weihnachtsgans abgemüht und wochenlang all die guten Naschereien gebacken hatte, das klammerte sie nun einfach aus.

Ihr alt gewordenes Gedächtnis unterstützte sie in der Absicht, ungute Ereignisse einfach zu unterschlagen. Deshalb konnte sie (wie die anderen Mitbewohner des Pflegeheimes) guten Gewissens behaupten, dass früher alles viel schöner und besser gewesen war.

Inzwischen war es so dunkel geworden, dass das schlaue kleine Kunstbäumchen automatisch seine Kerzen im kleinen, wohnlich eingerichteten Zimmer leuchten und die Kugeln glitzern ließ. Es wirkte sanft und ein wenig erheiternd auf die Stimmung der alten Dame und die Erinnerungen an früher verschwanden von einem Moment zum anderen. So ist das ja häufig bei Menschen mit beginnender Vergesslichkeit. Deshalb war sie hier, weil sie ein wenig Unterstützung und Fürsorge brauchte und man ein Auge auf sie haben musste. Innerhalb ihres Zimmers war sie sicher auf den Beinen, konnte vieles noch selbst machen. Trotzdem gab es Tage, an denen alles anders und fremd war und sie Hilfe brauchte und versorgt werden musste. 

Eine junge Helferin machte kurz das Licht an und stellte das Abendessen mit Schwung auf das kleine Tischen vor der Frau am Fenster. „Na Frau Brehm, sie träumen wohl wieder von früher“, sagte die nette junge Frau. „Jetzt müssen sie aber kurz aufwachen, sonst wird der Tee kalt und die Wurst auf dem Brot warm“, scherzte sie und rückte Frau Brehm den Sessel zurecht. Die Pflegerin wickelte das Besteck aus und reichte es der alten Frau. „Ich komme allein zurecht“, sagte Frau Brehm und begutachtete das Angebot auf dem Tablett. Sie wusste nicht so recht, ob ihr das schmecken würde, was sie da sah. Sie wusste auch nicht mehr, dass sie jederzeit einen Grießbrei oder Reisbrei haben könnte, wenn sie es verlangte. Deshalb sah sie etwas ratlos auf die ansprechend aussehende Auswahl vor ihren Augen.

„Dann lassen Sie es sich mal schmecken, Frau Brehm“, schallte es inzwischen aus der Richtung der Zimmertüre. So schnell konnte Frau Brehm gar nicht „danke“ sagen, wie die Helferin verschwunden war.

Das erleuchtete Bäumchen zog Frau Brehms Blicke erneut auf sich und auf einmal fing sie an, sich an einen Weihnachtstag in ihrem Leben zu erinnern, der mit einem sehr kleinen, gestohlenen Weihnachtsbaum zu tun hatte. Es war eine recht lustige Erinnerung, die sich leider so schnell wie sie gekommen war, wieder verflüchtigte.

Kurze Zeit später stand ein anderes, ein anstrengendes, aber doch auch schönes Weihnachtsfest vor ihrem inneren Auge. Es fing an mit einem riesigen Paket, das überraschend von den Cousinen ihres Mannes aus Bayern geschickt worden war, gleich im ersten Jahr ihrer Ehe, in dem sich ihre hausfraulichen Fähigkeiten erst zu entwickeln begannen. Das Geschenk war deshalb eine Überraschung, die eher einen Schrecken auslöste, als dass sie zur Weihnachtsfreude beitrug. Ein monstergleiches Ungeheuer von einem bereits gerupften, kalten, toten Truthahn war da sorgfältig eingepackt. Die Innereien in einem Behältnis daneben. Weder sie noch ihr Mann noch der Schwiegervater hatten je ein so großes Tier gesehen, geschweige denn ein solches selbst zubereitet.

Sie scheuchte nun die unangenehmen Gedanken weg, denn daran, nein daran wollte sie sich nicht mehr erinnern. Nicht an den Kampf mit dem Truthahn, den Backofen im schlecht funktionierenden Gasherd, die hinterher schmutzige, fettverschmierte Küche. Diese Anforderungen waren glücklicherweise Vergangenheit. Nun machten andere den Weihnachtsbraten für sie.

Dankbar und glücklich blickte Frau Brehm in diesem Moment zu dem zwar kitschigen, aber  heimelig leuchtenden Bäumchen auf dem Beistelltisch im Zimmer ihres jetzigen Lebens im Pflegeheim. Es sah so lieb, so traulich und weihnachtlich aus. Sie fiel vor Glück in einen kurzen Dämmerschlaf, aus dem sie eine halbe Stunde später die nette Pflegerin holte.

„Möchten Sie vielleicht doch lieber einen Grießbrei, Frau Brehm“, fragte sie mit einem herzlichen Lächeln und einem verständnisvollen Blick. 

Ja, Weihnachten im Pflegeheim, das ist eine besonders erinnerungsreiche Zeit. Man hatte hier viel Verständnis für die gedanklichen Abschweifungen der Bewohner, besonders an den Weihnachtstagen. Da konnte das warme Essen schon mal kalt oder die kalte Platte warm werden. 

© E.Z. 2020

Foto: Privat-Archiv

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft

Vor zehn Jahren besuchte mich eine Freundin aus Sachsen. Sie kam mit der Bahn und konnte deshalb keine Blumen mitbringen zur Begrüßung, sagte sie mit Bedauern. Daraufhin holte sie aus ihrem Koffer eine Plastiktüte mit zwei unscheinbaren Pflanzenstecklingen und überreichte sie mir stattdessen. Diese Stecklinge pflanzte ich sofort in meine Blumentrog auf dem Balkon und vergaß sie im Laufe der Zeit. Die Freundin hatte mir noch gesagt, dass man die Pflanze „Champignonkraut“ nennt, wegen des Duftes nach Waldboden und Champignons.

Im Laufe der Zeit wurde aus den beiden Stecklingen eine rankende, unermüdlich wachsende Pflanze, die immer um die Mittagszeit kleine, magentafarbene Blütensternchen öffnete, die sich je nach Stand der Sonne bald auch wieder schlossen. Daran erkannte ich, dass es sich um eine Mittagsblume handeln musste. Ich brachte diese offensichtlich mediterrane Pflanze auch durch den Winter, indem ich sie mit Tannenzweigen abdeckte.

In diesem Frühjahr, als über die Welt und auch mich die große „Betrübnis“ in Gestalt der Corona-Pandemie hereingebrochen war, erfuhr ich durch einen Handwerker, der auf dem Balkon eine elektrische Leitung legte, dass es sich um eine essbare Pflanze handele. Endlich machte ich mir die Mühe, im Internet zu recherchieren und fand zu meinem Erstaunen heraus, dass man in Italien und anderen südlichen Ländern dieses „Eiskraut“ schon immer gerne zu Fischgerichten, im Salat und als Spinat-Ersatz isst. Als ich dann eines der Blättchen versuchte, war ich überrascht von dem knackigen, salzig-säuerlichen Geschmackserlebnis. Es schmeckte mir sehr gut, da ich salzig-säuerlich lieber mag als süßliche Lebensmittel.

Nun suchte ich natürlich weiter im Internet und erfuhr durch Wikipedia sehr viel und sehr Erfreuliches über diese seit einem Jahrzehnt bei mir auf dem Balkon gedeihende Pflanze, die mir bisher eher durch ihre Unscheinbarkeit und die kleinen roten Blüten aufgefallen war.

Bei näherer Betrachtung fand ich die fleischigen herzförmigen Blättchen und die kleine Blüten-Rosette sehr schön, den Geschmack aller Pflanzenteile sehr ansprechend und ich esse nun schon seit März jeden Tag davon in irgendeiner Form.  Einige der Blätter mische ich entweder unter Blattsalat,  Tomatensalat oder ich esse sie auf Butterbrot oder als Beigabe zu Rührei.

Wie ich inzwischen weiß, kommt der salzige Geschmack von den vielen Mineralsalzen, die in der Pflanze enthalten sind. Vitamine sind auch vorhanden, was man schon an der intensiv grünen Farbe erkennen kann.

So erinnert mich das Eiskraut (botanisch:  mesembryanthemum crystallinum)

jeden Tag an dieses Freundschaftsgeschenk von dauerndem Wert. Die Freundin , die mir die Stecklinge brachte, hat selbst inzwischen gar keinen Garten mehr, da sie in ein Pflegeheim umziehen musste. Sie kann sicher sein, dass ich auch jetzt, nach zehn Jahren, noch täglich mit Dankbarkeit an sie denke, spätestens dann, wenn ich mir am Abend einige der knackigen Blättchen auf mein Butterbrot oder Käsebrot lege.

E.Z. © 2020

P.S.: Über das Eiskraut, was Daten und Fakten betrifft, werde ich in meinem Blog in der Rubrik „Rezepte“ in Kürze berichten.

Quitte im Schneewittchen-Modus

Obwohl ich nun schon seit fast zehn Jahren keinen Quittenbaum mehr habe, ist für mich im Oktober immer noch Quittenzeit, wenigstens in Gedanken. Ich erinnere mich an die körperlich anstrengende Zeit, in der ich die Birnen-Quitten aus unserem Garten verarbeiten musste, was für die Handgelenke und den Rücken nicht besonders gut war. Quitten sind sehr hart, sie müssen vor dem Kochen erst  mit einem Baumwolltuch von dem Flaum befreit werden, der auf der glatten, wie mit Wachs überzogenen Schale sitzt. Dann glänzt die Quitte wie poliert. Nun wird Sie entweder geschält, was auch nicht so leicht ist, denn die Schale ist fest mit dem Fruchtfleisch verbunden. Ich habe sie nicht geschält, sondern mit dem größten und schärfsten Messen unter Mühe nur halbiert und in Achtel geteilt, dann mit Wasser aufgegossen, bis die Masse im Topf bedeckt war und dann gekocht. Der Saft wurde dann abgegossen und zu Gelee verarbeitet, der Trester zu verschiedenen anderen Köstlichkeiten. Aber darüber wollte ich heute nicht schreiben, sondern darüber, wie sehr ich den Duft der Quitten liebe. Ich koche mir keine Marmelade oder Gelee mehr, da sich der Arbeitsaufwand für eine Person nicht lohnt und außerdem die Arthrose in meinen Handgelenken mir das übel nehmen würde. Vor einigen Jahren habe ich aber eine Methode entdeckt, wie ich mir den Duft der Quitte über Monate erhalten kann, wenigstens um daran zu schnuppern und mich an die reichliche Quittenernte von früher zu erinnern.

Ich habe mir eine sehr frische, handtellergroße Birnenquitte gekauft und diese in einen Glasbehälter mit lose aufliegendem Deckel gelegt, einfach deshalb, weil diese Behälter da war und gerade von der Größer her passte.

Nun konnte ich die Quitte von Oktober 1916 bis zum nächsten September 1917 beobachten, wie sie sich in dem fast luftdichten Gefäß entwickelte. Ich konnte es kaum glauben, dass sie nicht matschig wurde oder im Ganzen faulte oder viele faule Stellen bekam. Sie wurde nur von Monat zu Monat etwas kleiner, gegen Ende August dann etwas schrumpelig, aber verglichen mit einem Apfel nur wenig. Auf einer Seite entstand ein brauner Fleck, der aber im Innern nach dem Aufschneiden gar nicht so groß war, wie ich befürchtet hatte . Insgesamt gesehen war das Fruchtfleisch noch immer saftig uns essbar.

Immer, wenn ich den Deckel abnahm, duftete die Quitte zu meiner Überraschung fast ein Jahr lang ganz intensiv und unverändert . Das gefiel mir und ich werde mir in den nächsten Tagen wieder eine Quitte kaufen und sie wie Schneewittchen in ihrem Glassarg ruhen lassen, zu meiner Augenweide und um meinen Geruchssinn zu erfreuen.

Hier ein paar Fotos von dem Fortgang des Quitten-Experimentes (leider habe ich kein Foto von der frisch in den Glasbehälter gelegten Quitte im Oktober 1916):

Inneres d. Quitte nach 11 Monaten
Quitte im Glas nach 11 Monaten

Quitte nach 11 Monaten im Glas mit Deckel

Fotos: E.Z., Privat

Rachel Carson: Der stumme Frühling

Kirschblüten.002Der Klimawandel, der ja in allen Medien ein großes Thema geworden ist, istder Anlass, uns während des monatlichen Lesekreis-Treffens mit dem bereits 1962 in Amerika erschienenen Buch der Biologin Rachel Carson zu befassen.

Rachel Carson (1907-1964) war die erste Autorin, die sich schon früh mit dem Einfluss befasste, den chemische Pflanzenschutzmitteln auf Pflanzen, Tiere und Menschen haben. Ein Brief der Journalistin O.O. Huckins, in dem sie über die verheerenden Auswirkungen von Pestizid-Sprühflügen über einem Vogelschutzgebiet berichtete, gab den Anstoß für Rachel Carson, sich intensiv mit diesem Thema zu befassen und (nach einigen anderen Büchern) dieses Buch zu schreiben. Rachel Carson schrieb „Silent Spring“ als frühe Warnung für Landwirte und alle verantwortungsbewussten Mitmenschen, auf die Folgen für die Umwelt und das Weltklima zu achten in allem, was sie tun. Sie widmete ihr Buch dem Friedensnobelpreisträger Albert Schweizer, der zuvor vor den Folgen der Nuklearwaffen gewarnt hatte. Das Buch sensibilisierte viele Menschen für Umweltthemen und wurde zu einem der meistgelesenen und einflussreichsten Bücher der weltweiten Umweltbewegung, geriet aber zeitweise auch etwas in Vergessenheit. Die spürbare Erderwärmung in den letzten Jahren hat dem Buch : Der stumme Frühling“ (in Deutschland veröffentlicht 1968) wieder mehr zu der ihm gebührenden Beachtung verholfen.

Rachel Carson’s Buch löste in den USA heftige politische Reaktionen aus und führte zum späteren DDT-Verbot. Posthum wurde die Schriftstellerin und Biologin 1980 mit der Presidential Medal of Freedom, der höchsten zivilen Ehrung der USA, ausgezeichnet.

Zum Inhalt des Buches:

Es beschreibt im Eingangskapitel eine fiktive Kleinstadt, deren vormals reiche Tier- und Pflanzenwelt nach dem Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln nach und nach zu Grunde geht. Auch viele Menschen erkranken auf unerklärliche Weise. Diese Erzählung, die sich sehr gut in das Sachbuch über biologische Zusammenhänge einfügt, trägt auf angenehme Weise zum Verständnis bei. 

In den folgenden Kapiteln widmet sich die Autorin den damals kaum genügend eingeschätzten Auswirkungen von Insektiziden. 

Im dritten Kapitel beschreibt sie die Wirkung und Inhaltsstoffe der damals beliebten  Herbizide DDT, Chlordan, Dieldrin, Endrin, Aldrin und Heptachlor.

Die folgenden Kapitel folgen dem Weg der Schadstoffe, die über die verschiedenen Stufen der Nahrungskette am Ende auch den Menschen erreichen.

Sehr anschaulich erklärt Rachel Carson, wie über das Bienensterben, das die Bestäubung der Obstbäume immer weniger möglich macht, das Aussterben der Arten in Gang kommt. Wie über den mit Pestizid-Rückständen angereicherten Regenwurm, den die Vögel als Nahrung bevorzugen, viele Vogelarten zu Grunde gehen. Es wird deutlich, wie in der Natur alles mit allem zusammenhängt.

Das Buch enthält viele Fakten, ist jedoch durch Erlebnis- und Erfahrungsberichte einzelner Menschen aufgelockert, so dass es auch für Laien sehr gut lesbar ist.

Nach dem Lesen dieses Buches versteht jeder, dass ein direkter Zusammenhang besteht zwischen Wiesen, auf denen keine Wiesenblumen mehr blühen und den Bienen, die auf den Nektar der Blüten angewiesen sind. Wenn die Bienen keine ausreichende Nahrung mehr finden, dann wird die Menge der Bienenvölker, die für die Bestäubung unserer Obstbäume sorgen, immer geringer.

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Blüte des Muskateller-Salbei, besonders gerne von Hummeln besucht

 

Und der Ertrag der Bäume wird ebenfalls weniger. So hängt eines mit dem anderen zusammen. Die Landschaft würde sehr gewinnen, wenn durch weniger Spritzmittel wieder blühende Wiesen unsere Augen und Sinne erfreuen und für ein natürliches Gleichgewicht in der Natur sorgen würden. 

Das Buch „Der stumme Frühling“ kann zum Verständnis dieser  Zusammenhänge  beitragen und aufzeigen, dass wir schon viel zu lange unsere Augen vor diesen Tatsachen verschlossen haben.  

 

E.Z. ©2019  , Fotos: E.Z., Privat

Pfingsten, das fröhliche Fest …., trotz Corona-Pandemie?

 

Dieses Jahr findet das Pfingstfest ja leider unter eingeschränkten Bedingungen statt, die von Ort zu Ort verschieden sind. Manche dürfen und können sich unbefangen in der Natur aufhalten, andere sollen sicherheitshalber zu Hause bleiben, um sich nicht dem Corona-Virus auszusetzen. Aber überwiegend scheinen sich die Lockdown-Maßnahmen gelockert zu haben und so kann man sich doch an der Natur erfreuen und an den Gedanken, die sich Dichter und Reimer zu diesem Fest gemacht haben.

Fast jeder kennt den Anfang  von „Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe:

„Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen;
es grünten und blühten Feld und Wald;
auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;
jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen.
Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.“

Die restlichen elf Gesänge über das Fest, zu dem Nobel, der König der Tiere, eingeladen hatte, weiß selten jemand auswändig. Das macht auch nichts, denn alle Tiere in Goethes Text werden sich nach und nach über Reineke Fuchs beklagen, der ihnen in irgend einer Weise Leid angetan hat. Also lassen wir es zu Pfingsten bei den ersten Zeilen, die so ermunternd klingen und schönes Wetter, frohe Laune, liebliche Natur und Tierwelt versprechen.

Mich freut es immer besonders, dass es nun auch wieder Pfingstrosen in vielen Farben und Variationen gibt. Das ist doch ein kleiner Trost für das trübe und regnerische Wetter, das uns dieses Jahr etwas bei den Feiertagsunternehmungen beeinträchtigt.

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Sie machen immer wieder Freude auf dem Wochenmarkt, besonders dieses Jahr, denn in den Gärten sind sie leider noch nicht so richtig gediehen. Ich werde mir gleich einen großen Strauß besorgen, denn Pfingsten ohne Paeonien, das ist für mich undenkbar.

Die Kinder freuen sich über die Pfingstferien, egal ob es regnet oder ob die Sonne scheint. Da passt das Gedicht von Gustav Falke sehr gut dazu:

Pfingsten, das heißt: das Neuste vom Schneider,
Helle Hosen und weiße Kleider,
Neue Sonnenschirme und neue Hüte
Mit Bändern und Blumen, jeder Güte.
Pfingsten, das heißt: sich drängen und stoßen,
Und quetschen und schieben, die Kleinen und Großen,
Besetzte Bahnen, Tramways und Breaks,
Heißt: Schinken und Spargel und Rührei und Steaks,
Maibowle, Bier, frohe Gesichter
Und ab und zu ein lyrischer Dichter.
Pfingsten heißt auch: Fiedel und Flöte,
Ein Zitat aus Reineke Fuchs von Goethe,
Heißt Tanz und Predigt, heißt Kirche und Schenke.
Was heißt Pfingsten nicht alles, wenn ich’s bedenke.
Eins noch vor allem, vom ganzen Feste
Ist das das Schönste, ist das Beste:
Das junge lachende Maienlaub,
Hell wimpelnd über Lärm und Staub,
Des Lebens grüne Standarte. Hurra!
Freue dich, Mensch! Pfingsten ist da!

(Aus der Sammlung „Frohe Fracht“ von Gustav Falke, (1853-1916)

Ich wünsche den Lesern meines Blogs ein frohes Pfingstfest. Bleiben Sie gesund und froh.

 

Foto: E.Z., Privat

Muttertag oder: Bettelblumen und Vergissmeinnicht-Teller

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Der Muttertag ist auch für die Großmütter von heute ein Tag, der Erinnerungen an die eigene Kindheit hervorruft. Gestern habe ich doch spontan eine bestimmte Tischdecke aufgelegt, die ich von meiner Mutter geerbt und lange als kitschig empfunden habe. Nun bin ich Siebzig und kann mir Kitsch erlauben, vor allem, wenn er mit einer Erinnerung an meine Kindheit verbunden ist.

Muttertagsrituale in meiner Kindheit

Als Kind schenkten meine Geschwister und ich unserer Mutter immer einen Muttertags-Frühstücksteller. Wir waren Flüchtlinge (1945) und hatten weder Haus noch Garten. Deshalb erbaten wir uns bei Nachbarn mit Blumengarten eine Hand voll Vergissmeinnicht. Diese legten wir auf einen mit Wasser gefüllten Suppenteller, immer die Stiele in der Mitte, die Blüten nach außen zum Rand hin ausgerichtet. Darauf stellten wir dann einen Frühstücksteller mit Tasse und Untertasse. Die Untertasse und die Tasse wurden mit Wasser gefüllt,  das Ganze dann aufs Fensterbrett, etwa ein bis zwei Tage vor dem eigentlichen Muttertag. Es ist wichtig, dass Tageslicht oder Sonne auf die Blumen fällt, denn sie neigen ihre Köpfe der Sonne zu, was dann erst den von uns gewünschten Effekt erzeugte. Bis zum Muttertag hatten sich dann die Vergissmeinnichtstengel mit den Blüten am Tellerrand aufgerichtet und standen senkrecht wie eine Blumen-Mauer um die Tasse, den Frühstücksteller und den Suppenteller mit dem Wasser. Dieses Gedeck stellten wir dann am Ehrentag auf Mutters Frühstücksplatz, nie ohne den obligatorischen Fliederstrauß mit roten Tulpen. Alle diese Blumen hatten wir bei Nachbarn „erbettelt“. Es gab viele Gärten. Die Straße, in der wir wohnten war lang. So hatten wir immer eine große Ausbeute und waren sehr, sehr stolz auf unseren Erfolg. Meine Mutter hatte auch eine Tischdecke mit Fliedermuster, die sie ihre „Muttertagstischdecke“ nannte, denn wir Kinder wählten immer zielsicher diese Decke für den Frühstückstisch am Muttertag.

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Blumenmotiv auf der Muttertagstischdecke bei uns zu Hause, als ich klein war

Dieser Tag war meist schöner als die Geburtstage oder andere Festtage. Als wir älter waren, buken wir für Mutter einen Kuchen und schenkten ihr Schmuck oder einen schönen Schal aus leichtem Sommermaterial. Aber die Wirkung war nie so groß wie damals, als wir uns die Mühe mit den Bettel-Blumen gemacht hatten und das Vergissmeinnicht-Gedeck vorbereiteten.

Passende Geschenke, heute kein Problem

Heutzutage ist es leicht, passende Geschenke zu finden oder schöne Blumengebinde zu kaufen. Das größte Geschenk für alle Mütter ist Zeit. Ein Besuch mit großem Zeitbudget und ohne Hektik – das ist das beste Präsent für alle Beteiligten. Denn auch den Kindern tut ein ruhiges Gespräch am Kaffeetisch gut, denn wann sonst nimmt man im Laufe des Jahres sich die Zeit dazu

(Fotos: Privat) Bearbeitet 11. Mai 2019

Zum Valentinstag eine Prise Ringelnatz

Ich habe dich so lieb

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem OfenEin Blumenstrauß erfreut immer
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt, Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache. Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

***********************

 

Und hier noch ein Gedicht von Percy Bysshe Shelley, das ebenfalls als Valentins-Gruß geeignet ist:


Love‘s Philosophy , von P.B. Shelley


The fountains mingle with the riverEin Blumenstrauß erfreut immer

And the rivers with the ocean,

The winds of Heaven mix forever

With sweet emotion;

Nothing in the world is single;

All things by a law divin

In one spirit meet and mingle.

Why not I with thine?

See the mountains kiss high Heaven

And the waves clasp one another;

No sister-flower would be forgiven

If it disdained its brother.

And the sunlight clasps the earth

And the moonbeams kiss the sea;

What are all these kissings worth

If thou kiss not me?

————————————————

…ein Gedicht von Theodor Storm (1817-1888):

Damendienst

Die Schleppe will ich dir tragen,
ich will deinem Wink mich weih’n,
an Festen und hohen Tagen,
sollst Du meine Königin sein!

Deiner Launen geheimste und Künste
gehorsam erfüll ich Dir,
doch leid‘ ich in diesem Dienste
keinen andern neben mir.

Solange ich Dir diene in Ehren,
gehöret Dein Lächeln mein.
Deinen Hofstaat will ich vermehren,
doch der Erste will ich sein!

——————————————–
Ach ja, das waren noch Zeiten, als die Jünglinge noch dienen wollten. Und ebenso lange ist es her, dass die Mädchen solche Angebote zu schätzen wussten ;-). Oder täusche ich mich?

Und hier noch ein englisches Verslein für die Kleinen, die ihrer Mama eine Freude machen wollen.

Roses are red
violetts are blue

honey is sweetBILD0044
and so are you.

 

 

(Den Verfasser kenne ich nicht, da ich das Gedicht in meiner Kindheit gelernt habe.)

Norella, bearb. Februar 2016

„Die Gedanken sind frei ….“, Volkslied, aktueller denn je

„Die Gedanken sind frei ….“, Volkslied, aktueller denn je

Seit Tagen habe ich einen „Ohrwurm“, der mir nicht aus dem Kopf geht. Es ist ein Volkslied, das ich vor langer, langer Zeit (ca. 1947) in der damaligen „Volksschule“ gelernt habe. Es hat einen schlichten und doch so tröstlichen Text, der auch heute noch Gültigkeit hat, wie ich bei näherem Hinhören festgestellt habe. Ich poste diesen Text, da es auch heute wie schon zu allen Zeiten, Menschen gibt, die zu Unrecht irgendwo festgehalten werden oder sich in der Öffentlichkeit nicht frei äußern dürfen. So lange es keine Chips in den Köpfen der Menschen gibt, die die Gedanken sichtbar machen, bleibt die Freiheit im Denken, im Kopf, im Inneren, an die kein Machthaber der Welt heran kann. Das finde ich tröstlich.

Hier also das Lied, das viele Bearbeitungen erfahren hat, von vielen modernen Interpreten gesungen, umgearbeitet, in Filmen und Zitaten verwendet wurde (habe ich bei Wikipedia gelesen). Es gibt auch einige viel ältere ältere Bearbeitungen des Textes. Ich habe den Text gewählt, der 1842 von Breitband & Härtel veröffentlicht wurde:

Die Gedanken sind frei, 
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen,
es bleibet dabei,
die Gedanken sind frei.

Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still, 
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren,
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.

Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei;
Die Gedanken sind frei.

Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
Die Gedanken sind frei.

(Aus „Schlesische Volkslieder“ v. Hoffmann von Fallersleben, 1842)

Quelle: Wikipedia u. Volksliederbuch

E.Z. ©2022

Doris Dörrie-Schreibkurs online , ein guter Ersatz f. entgangene Lesung

Doris Dörrie-Schreibkurs online , ein guter Ersatz f. entgangene Lesung

Letztes Jahr hatte ich mir ein Ticket gekauft, um eine Lesung von Doris Dörrie in der Alten Feuerwache in Mannheim zu besuchen. Leider fand die Veranstaltung wegen Corona nicht statt. Ich erhielt als Ersatz die Möglichkeit, kostenlos an einem Schreibkurs teilzunehmen, den die Autorin auf der Platform „Bürgerakademie online“ abhielt.

Doris Dörrie ermutigte alle Teilnehmer, einfach darauf loszuschreiben, dem inneren Zensor keinen Raum zu geben, den Schreibfluss nicht stocken zu lassen durch viele Bedenken. Der Kurs lief einige Monate lang, es wurden Themen vorgegeben, die fast immer mit Kindheitserinnerungen bzw. Lebenserinnerungen zu tun hatten.

Ich habe nicht alle der Themen bearbeitet, denn irgendwann Ende des Sommers hatte ich leider keine Zeit mehr. Die Aufforderung, einfach darauf loszuschreiben, fand ich jedenfalls so ermutigend, dass ich mir immerhin vier Themen aussuchte und mit Freude loslegte.

Hier möchte ich den einen oder anderen Text posten und die Leser meines Blogs an dieser Erfahrung teilnehmen lassen:Doris Dörrie-Schreibkurs online , ein guter Ersatz f. entgangene LesungDoris Dörrie-Schreibkurs online , ein guter Ersatz f. entgangene Lesung

Mein liebstes Hausmittel 

In meiner Kindheit und Jugend wurde ich nur mit Hausmitteln behandelt. Deshalb habe ich viele (und nicht nur eines), die mir lieb sind. Es gab 1939 und bis nach dem Krieg meines Wissens kaum Antibiotika. Penicillin war z.B. während des Krieges knapp, weil es für die Verwundeten gebraucht wurde. So erzählte es mir meine Großmutter, die mit in unserer Familie lebte. Sie war seit ihrer Kindheit in Ungarn mit vielen Heilkräutern und selbst gemachten Salben und Säften vertraut und war deshalb auch immer auf der Suche nach neuen Rezepten und Ratschlägen. Diese bekam sie reichlich von den Menschen, die wir auf der Flucht in Lagern und auf Bahnhöfen trafen. Ihr bevorzugtes Hausmittel war Honig. 

Wenn meine Schwestern und ich als Kinder Halsweh oder eine beginnende Erkältung hatten, mussten wir gleich ein heißes bzw. ansteigendes Fußbad machen, dann gab es ein Glas heiße Milch mit Honig und ab ging es ins Bett, wo schon die Wärmflasche lag.

Wir mussten uns bis zur Nasenspitze zudecken, damit wir schwitzten. Und tatsächlich half diese Behandlung besonders bei einer beginnenden Erkältung sehr gut. Nach dem Schwitzen gab es frische Nachthemden, trockenes Bettzeug und entweder eine Hühnerbrühe (was in der Nachkriegszeit selten war) oder Hagebutten-Tee, manchmal auch einen sehr sauer schmeckenden Aufguss aus getrockneten Schlehenbeeren. Diese Beeren enthalten ganz besonders viele Stoffe, die gerade bei Grippe hilfreich sind. Sie schmecken aber wirklich sehr sauer.  

Die Beeren hatten wir im Herbst zusammen mit Großmutter mühsam von den Büschen gezupft, die es damals noch zwischen den Getreidefeldern gab. Großmutter säuberte die Früchte bzw. Beeren, wir Kindern mussten bei den Hagebutten den Faserbusch am spitzen Ende abzupfen, dann wurden die Beeren auf Tücher gelegt und im Zimmer getrocknet. Manche einheimische Haushalte hatten dafür spezielle Trockengestelle auf dem Speicher. Da wir Flüchtlinge waren, musste es auch mit den Tüchern gehen.

Wir sammelten auch wilde Sauerkirschen, die es damals noch an den Wegrändern gab. Diese wurden ebenfalls getrocknet und als Tee zubereitet. Auch Sauerdorn, Himbeeren und Brombeeren wuchsen an den Rändern von Wegen und Äckern.

Die wichtigsten Kräuter waren Kamille,  Schafgarbe, Arnika, Löwenzahn, Gänseblümchen, Huflattich, Spitzwegerich, Ringelblume (Calendula) sowie Fenchel und Minze.  Manchmal wurden nur die Blüten, manchmal nur die Blätter und manchmal die Wurzeln verwendet. Bei manchen Pflanzen auch alle Teile.

Bei normalen Erkältungen gab es diese Tee-Zubereitungen mit Honig, bei Darmbeschwerden musste der Tee ohne Honig oder Zucker getrunken werden. Das war manchmal ziemlich unangenehm für uns Kinder. Aber meine Mutter und die Großmutter waren der Meinung, dass Medizin „bitter schmecken muss, damit sie hilft“. Da Zucker in der Nachkriegszeit ohnehin nur schwer zu bekommen war (es gab ja noch lange Zeit Lebensmittelkarten), war das eine praktische Ausrede für die Erwachsenen.

Gegen Husten wurde ein Glas heiße Milch gereicht, in dem vorher ebenfalls Zwiebelwürfel aufgekocht worden waren. Nachdem die Milch etwas abgekühlt war, fügte man etwas Honig hinzu. Das war auch gut gegen Bronchialkatarrh.

Wir hatten sehr oft Ohrenschmerzen, oft sogar Mittelohrentzündung. Das ist ja eine besonders gefährliche und schmerzhafte Erkrankung für Kinder, aber natürlich auch für Erwachsene. Da griff die Großmutter zu drastischen Maßnahmen. Sie zerschnitt Zwiebeln, würfelte sie sehr klein, beträufelte sie mit Honig, steckte einen Teelöffel voll in ein Leinentüchern, knetete das ganze, und stopfte uns das kleine Säckchen in die Ohren. Das roch nicht gut, brannte ein bisschen auf der Haut, man musste auch still liegen, damit das ganze nicht aus den Ohren fällt. Ein Kopfverband aus einer Windel der jüngsten Schwester war da nützlich. Es dauerte zwar ein bis zwei Tage, bis eine kleine Besserung eintrat, aber wir kamen immer ohne ein Antibiotikum aus. Allerdings tritt heutzutage mit Mitteln der Schulmedizin die Besserung etwas schneller ein. Früher musste man sich Zeit nehmen für das Kurieren einer Krankheit.

Wenn meine Großmutter durch das Dorf ging, pflegte sie stets aufmerksam auf die Dächer der früher oft nur einstöckigen Häuser des Dorfes zu schauen. Gab es dort Dachwurz zu sehen, scheute sie sich nicht, bei den Hauseigentümern nachzufragen, ob sie sich ein bis zwei Dachwurz-Rosetten pflücken darf. Manchmal konnte sie das ohne Leiter tun, manchmal musste erst eine solche herbeigeschafft werden. Großmutter pflanzte die Dachwutz-Rosette in einen Blumentopf und hielt das Pflänzchen bereit, bis eines der Enkelkinder wieder mal Ohrenschmerzen hatte. Dann wurde eines der prallen, saftigen Blättchen abgepflückt und Großmutter drückte ein paar Tropfen des Saftes direkt in den Ohrengang. Dann kam ein Wattebausch darauf, der mit Honig beträufelt war oder mit Liebstöckel-Tee getränkt. Dieser Vorgang wurde öfter wiederholt, half nach und nach in den meisten Fällen.

Kapuzinerkresseblüten

Für Schnupfen gab es nur ein Rezept: Thymianzweige, Rosmarien-Nadeln und Kamille-Blüten wurden in eine große Schüssel gelegt und mit kochendem Wasser übergossen. Der oder die Schnupfengeplagte musste sich nun ein großes Handtuch über den Kopf legen und das Gesicht über den Dampf des Kräutersudes in der Schüssel halten. Das löste den Schleim, machte die Atemwege frei und schon war der Heilungsvorgang eingeleitet. Nachts eine Wollmütze über den Kopf und am Morgen ging es schon etwas besser.

Durch das Beispiel meiner Mutter und Großmutter in meiner Kindheit hatte sich bei mir ein großes Interesse für die „Apotheke der Natur“ entwickelt. Ich habe mein Leben lang immer zuerst versucht, Krankheiten oder Unpässlichkeiten mit Kräutern und ähnlichen Heilmitteln zu behandeln. Nur im äußersten Notfall, der glücklicherweise selten eintrat, griff ich für mich oder meine Angehörigen zu Mitteln der Pharmaindustrie. 

Meine Lieblingsheilmittel sind die Weidenrinde und Thymian. Ich ziehe heute noch Weidenrinde-Dragees einer Aspirin-Tablette vor. Den Tee aus Weidenrinde trinke ich allerdings gar nicht so gerne, noch weniger liebe ich Zwiebel-Milch gegen Husten. Das Thymiankraut hilft auf vielfältige Weise als Tee, als Würzkraut beim Kochen, als Bestandteil von Salben für Muskeln und Gelenke und zum Inhalieren bei Bronchitis.

Fasziniert war  und bin ich von den Büchern der Heiligen Hildegard von Bingen. Selbst wenn man ihre Empfehlungen heute manchmal in Zweifel zieht, so ist es doch eine anregende und den Blick auf die Natur erweiternde Lektüre.

Kräuterheilkunde ist eine wunderbare Waffe gegen viele Beschwerden. Man kann Kräuterauszüge in jeder Apotheke kaufen, aber es macht mehr Freude, die meist auch sehr schönen Pflanzen selbst zu suchen. Allein die Farbe so mancher Heilpflanze kann den Heilungsvorgang einleiten oder beschleunigen. Das denke ich jedes Mal, wenn ich die leuchtend gelben oder orangefarbenen Calendula-Blüten in meinem Blumentrog auf meiner Terrasse betrachte. Thymian, Rosmarien und Lavendel haben neben der Ringelblume  auch noch Platz neben meinen Geranien im Mini-Gärtchen, dessen Pflege ich auch im hohen Alter noch bewältigen kann. 

E.Z.©2021

Fotos: E.Z. privat

„Ordinär“ – wie Wörter ihre Bedeutung ändern

Heft 36/37

Im letzten Herbst habe ich mich an einer Ausschreibung des Literaturmagazins „schreibkraft“, Graz, beteiligt. Das Thema des Heftes war „Ordinär“. Mein Beitrag: „Arm, aber sauber“wurde angenommen und ist im Frühjahr 2021 im Doppelheft 36/37 (Seite 66) erschienen, worüber ich mich natürlich gefreut habe. Im Heft sind viele tiefsinnige, bedeutungsschwere, wunderbare, humorvolle, skurrile und manchmal auch etwas schwer verständliche Texte zum Thema „Ordinär“ zu finden, aber auch Rezensionen von Büchern österr. Gegenwartsautoren und von Büchern aus Kleinverlagen.

Ebenfalls enthält das Heft verschiedene andere ausgewählte literarische Texte. Alles in allem ein lesenswertes Heft.

Meinen Beitrag poste ich hier, um ihn mit den Lesern meines Blogs zu teilen:

Arm, aber sauber

Meine Mutter war Anfang 1946 eine Flüchtlingsfrau aus der Batschka, das ist eine deutschsprachige Gegend im ehemaligen Jugoslawien, nahe der Grenze zu Ungarn. Meine Großmutter, die mit uns zusammen vor den Partisanen nach Deutschland geflohen war, war stolz darauf, noch während der k.u.k.-Monarchie in Ungarn geboren zu sein. Das änderte sich nach dem I. Weltkrieg und später immer wieder, denn dieser ungarische grenznahe Ort wurde mal diesem, mal jenem Land zugeschlagen.

Ich wuchs schon früh mit dem Wort „ordinär“ auf, denn meine Mutter und meine Großmutter benutzten es häufig, um etwas Negatives auszudrücken. Der Tonfall, in dem das Wort ausgesprochen wurde, sagte eigentlich schon alles. Meine Mutter verabscheute ordinäres Gehabe, ordinäre Sprache, ordinäre Kleidung. Sie wusste, was sie damit meinte, denn sie kannte ja schon den Unterschied zwischen „gewöhnlich“ und „außergewöhnlich“ oder zwischen „normal“ und „unnormal“. Ich aber war ein Kind unter Kindern, wollte sein wie alle anderen und was ich sein wollte, das war das Normale, das in alten Zeiten als ordinär bezeichnet wurde, jedoch ohne moralische Abwertung. Es bezeichnete den Normalzustand, den Normalbürger, den man in Frankreich „citoyen ordinaire“ nennt. Ein solcher Normalbürger will doch jeder kleine Erstklässler sein, insbesondere dann, wenn wie in meinem Falle die Umstände dafür gesorgt hatten, dass ich, das Flüchtlingskind, mich  schon dadurch von den anderen unterschied, dass ich nicht hier geboren war. Ich gehörte nicht zu den Einheimischen, meine Mutter, Großmutter und meine Schwester auch nicht, auch nicht mein Vater, der irgendwo in Gefangenschaft war. Schon allein, dass ich eine anderen Dialekt und gelegentlich etwas Kroatisch sprach, hätte genügt, um mich vom Normalen, dem Ordinären, zu unterscheiden. Dazu kam, dass meine Mutter keine Mühe scheute, meine Schwester und mich trotz aller widrigen Umstände und des Mangels, der damals herrschte, zu Sauberkeit und Ordnung anzuhalten.. Sie konnte gut nähen, hatte den Ehrgeiz, sogar die Mäntelchen, die aus einer Militär-Wolldecke genäht waren, noch mit Stickereien zu verschönen. Sie hatte ein paar Rollen Seidenfaden in einer Ecke des Flucht-Gepäcks versteckt und in die schlechten Nachkriegszeiten auf dem Dorf in Süddeutschland gerettet. So lange der Faden reichte, wurde alles mit kunstvoller glänzender Seidenstickerei versehen. Wenn wir schon arm sind und als Flüchtlinge hier leben müssen, so ist das noch kein Grund, ordinär und unsauber daherzukommen, war ihre Devise. Sie meinte, dass das doch die Regel sei, dass der Normalbürger auf Ordnung und Sauberkeit achtet und sie merkte damals gar nicht, dass sie sich schon durch diese Annahme von den Normalbürgern unterschied. Auch sie wollte sein wie alle, war aber in so mancher Hinsicht „außergewöhnlich“. Was ich erst im Laufe der Jahre mehr und mehr zu schätzen wusste.

Das war nicht so einfach, ganz normal wie alle anderen Kinder sein zu wollen und doch nicht als „ordinär“ eingestuft zu werden. Es hat lange gedauert, bis mir klar war, dass meine Mutter und meine Großmutter das Wort „ordinär“ vor allem in einem moralische Sinne gebrauchten. Ordinär war alles, was sich nicht gehörte. Wenn es dann noch mit dem Umgang der Geschlechter miteinander ging, wurde das Wort schnell abgewandelt in „obszön“. Schlimme Ausdrücke, wie meine Mutter sie nannte, durfte ich nicht sagen, sie waren ordinär. Als ich ein Teenager war, durfte ich keine Kleidung mit tiefem Ausschnitt, keine zu kurzen Röcke, keine durchsichtigen Stoffe tragen und schon gar nicht die weißen Blusen mit den gebauschten Ärmeln, die mit Hilfe eines Gummizuges, der den Ausschnitt zusammenhielt, von der Schulter gezogen werden konnten. Diese Blusen gefielen uns sehr. Wir fanden sie schick und aufregend und fühlten uns darin sehr erwachsen. Meine Mutter fand sie auffallend und aufreizend, ordinär und je nachdem, wieviel Schulter gezeigt wurde, auch vulgär. Aber natürlich setzte sich diese Mode durch, sie war begleitet von damals bekannten Schlagern wie „Roter Mohn“ von Rosita Serrano oder „Mariandl..jandl..jandl., Du trägst mein Herz am Bandl, Bandl. Diese Schlager schallten auf den damals beliebten Jahrmärkten von Karussell-Lautsprechern und wurden am Schieß-Stand oder der Würstchenbude mit Hilfe von mechanischen Musikinstrumenten gespielt. 

Als ich dann aber Englisch lernte, auch ein bisschen Französisch, da fiel mir doch recht bald auf, dass das deutsche ordinär in anderen Sprachen keineswegs abwertend war, sondern oft sogar das Gegenteil. Ich war inzwischen eine junge berufstätige Frau geworden, und hätte es nicht anrüchig gefunden, wenn jemand mich als „extraordinary“ bezeichnet hätte. Wer wollte nicht ungewöhnlich sein, sich von den Normalbürgern unterscheiden, angenehm auffallen?

Mir gefiel jedenfalls der relativ häufige Gebrauch von „extraordinary“ im Englischen gut und ich neckte meine Mutter gerne damit, vor allem weil sie dachte, dass es eine Verdoppelung des Ordinären, so wie sie das Wort interpretierte, beinhaltete. 

Es gefiel mir, dass man in anderen Sprachen sehr genau unterschied zwischen ordinär, vulgär und trivial. Im Deutschen wurde in meiner Kindheit fast alles, was nicht sein sollte (nach Meinung der Erwachsenen) als ordinär bezeichnet. Vor allem manche Schimpf-Wörter waren ordinär, andere nicht, eine Regel gab es aber nicht, an die man sich halten konnte. Es musste reichen, die hochgezogenen mütterlichen Augenbrauen zu sehen – dann wusste man Bescheid.

Später, als immer mal wieder die eine oder andere Schulkameradin vorzeitig heiraten musste, weil ein Kind unterwegs war, pflegten die Erwachsenen in tadelndem Ton zu sagen: „Das kommt davon, wenn man sich so ordinär anzieht“, wobei in diesem Fall wohl vulgär gemeint war.“ Ja, damals wurde es dem aufreizenden Outfit eines jungen Mädchens zugeschrieben, wenn es die Blicke der Männer auf sich zog und wenn dies dann Folgen hatte. Dass die jungen Männer auch damals schon die Wahl hatten, ob sie sich verführen ließen oder nicht, dass sie also nicht Opfer waren, darüber scheint man sich keine Gedanken gemacht zu haben.

Heute kleiden sich Frauen und Männer so, wie sie es für richtig halten. Wenn der eine oder andere Passant dann vielleicht durch die Darbietung von etwas zu viel Haut oder den Gebrauch von zu wenig Stoff auf falsche Gedanken kommt, so ist das seine Sache und er hat das alleine zu verantworten. Manchmal denke ich: „Wenn das meine Mutter wüsste“. Aber vielleicht hätte sie inzwischen diese Dinge auch etwas gelassener betrachtet?

Meine Mutter, die uns immer davor warnte, ordinär zu sein im Verhalten, in der Sprache, in der Art der Kleidung, merkte damals gar nicht, dass auch sie das Bedürfnis hatte, nicht durch ihr Verhalten als „fremd“ aufzufallen, sie wollte also ein normaler Bürger und keine „Neigschmeckte (= Zugezogene) sein. Sie hat sicher irgendwann selbst feststellen müssen, dass das damals in der Nachkriegszeit, als überhaupt nichts mehr normal im früheren Sinne war, längst das „Gewöhnliche“ (im Sinne des Ordinären), also der Normalzustand war. Nichts war wie früher. Es wimmelte von fremden Menschen im Dorf, ich spielte täglich mit Zwillingsmädchen aus Berlin, die als „Ausgebombte“ im Haus gegenüber wohnten. Kinder aus Schlesien, Rumänien, von der Wolga, aus Ostpreußen und von überall her tummelten sich im Hof beim Stöckchen-Spiel. Eine rothaarige Nachbarin mit krausen Locken, die außerdem Ungarisch sprach, Karten spielte mit den Männern und immer sehr laut lachte, gehörte ebenfalls nicht zu den Normalbürgern. Es war auch nicht normal, dass die meisten Flüchtlinge keine kompletten Familien waren. Immer fehlten die Männer in den mittleren Jahren und die Söhne. Großväter, Großmütter, Mütter und Kinder aller Altersklassen waren der familiäre Normalfall. Das, was meine Mutter anstrebte, so normal wie die meisten zu sein, war eine Utopie, denn bald waren mehr „Zugereiste“ im Ort als Einheimische. 

Das war meiner Mutter vielleicht mehr bewusst, als ich damals als Kind ahnte. Vielleicht kämpfte sie deshalb mit Stickereien auf unseren Mänteln aus Militärdecken gegen das „Unnormale“ , das Ordinäre an? Sie sehnte sich nach Normalität, aber von der Sorte, die  in anderen Sprachen als „extraordinary“, als ungewöhnlich oder  außergewöhnlich bezeichnet wird?

Ich bin inzwischen achtzig Jahre alt und bin erstaunlicherweise immer noch nicht in „ordinären“ also normalen Umständen gelandet. Durch die Corona-Pandemie sind fast auf der ganzen Welt außergewöhnliche Maßnahmen notwendig geworden, um außergewöhnliche Ereignisse zu bewältigen. Wir alle sehnen uns jetzt nach dem Normalen zurück, anstatt die Chance zu ergreifen und Veränderungen zuzulassen. Es wird nie wieder wie gestern oder vorgestern sein, aber manches vielleicht sogar besser? Und das verlorene Normale wird eine allmählich verblassende Erinnerung werden. Ist das vielleicht der normale und sogar wünschenswerte Lauf der Welt? 

E.Z. © 2021

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