Weihnachten im Luftschutzkeller,  1942

Weihnachten im Luftschutzkeller, 1942

Beim Suchen nach einem alten Text, den ich irgendwann vor etwa 15 Jahren für meinen Blog geschrieben habe, fiel mir ein Titel auf, von dem ich wusste, dass er nicht von mir ist. Als ich die Datei aufrief, sah ich, dass dieser inzwischen so aktuelle Text von meiner inzwischen 94jährig verstorbenen Freundin Lydia Grabenkamp (Journalistin) stammt, die damals hochbetagt bei ihrer Tochter im Bergischen Land lebte. Sie schrieb an ihrem neuen Wohnort für die örtliche Seniorenzeitung so manche ihrer Erinnerungen auf.

Da sie keine Enkel hatte, wurde ihr nach und nach klar, dass nach ihrem Ableben vermutlich niemand Interesse an ihrem literarischen Nachlass haben wird und sie fing an, mir den einen oder anderen Text zu schicken mit der Bitte, ihn in meinen Blog aufzunehmen. Diesen Text hatte ich aber anscheinend übersehen und bin nun um so mehr überrascht, dass er jetzt aktueller ist als je zuvor. Deshalb poste ich ihn heute und ich bin mir sicher, dass Lydia Grabenkamp sich darüber freuen würde, wenn auch nicht über die Tatsache, dass es inzwischen wieder so weit ist, dass in einem Land in Europa Menschen den Weihnachtsabend in Kellern verbringen müssen, um sich vor Bomben zu schützen. 

Hier die Erinnerungen von Lydia Grabenkamp

Weihnachten, ein Zauberwort. Glitzernder Schimmer, nicht greifbare Verheißung von etwas Schönem, das es doch geben müsste, auch mitten im Krieg. 1942. Es gibt es nicht. Im bitterkalten Winter, im Ruhrgebiet, in Nazi-Deutschland. Achtzehnjährige Abiturienten werden als Kanonenfutter in die Schneewüsten Russlands gejagt, ihre Mütter, Väter und Schwestern in stummer Verzweiflung dem Bombenkrieg ausgesetzt. Wollt ihr Kanonen statt Butter, schreiben Göring, Goebbels und der „größte Führer aller Zeiten“ im Radio. Ihre Reden hört Deutschland durch Lautsprechen, auch in den Schulzimmern. Wir lernen für das Abitur, müssen alles können. Kein Pardon, auch wenn wir die halbe Nacht im Luftschutzkeller sitzen. Ich bin siebzehn Jahre alt. Ich zittere um meine Brüder – der eine in Russland, der andere in Rommels Afrika-Corps vorEl Alamein. Am 6. Dezember 1942 schreibt Willi (18) aus der Kalmückensteppe am Jaschkul: „Ich lief zu Fuß hierhin in meinen Tanzstundenschuhen. In diesem furchtbaren Schnee und Eis. Heute holte ich mir von einem toten Russen ein Paar Filzstiefel. „

„Gott sei Dank, er lebt noch“ sagen wir. Am 20. Dezember klingeln zwei ernste Männer in SA-Uniform bei uns. „Wir möchten ihre Eltern sprechen“. Ich rufe sie und verdrücke mich. Da höre ich ein kurzes Wimmern. Den hellen, scharfen Klageton meines Vaters, den ich nie vergessen werde. Willi ist gefallen. Der Kompaniechef schreibt „durch Volltreffer in den Unterstand blieb nichts von ihm“. Wir erhalten seinen restlichen Wehrsold. Die Eltern sind versteinert. Wir trauern wortlos, hoffnungslos, verständnislos. Wir dürfen nichts gegen die Nazis sagen, das könnte böse Folgen haben. Jeden Morgen kommen ausgemergelte Häftlinge in gestreiften Anzügen, die bloßen Füße in Holzpantinen, scheu an unserem Haus  vorüber zum Bombenräumen. Wir legen ihnen leicht erreichbar Brot auf die Fensterbank. Wir wissen Bescheid.

Mein Bruder Ernst (23) ist in Afrika vermisst. Ich werde geschickt, ein Seelenamt für Willi zu bestellen. Ich hoffe auf Trost, auf ein gutes Wort. Stattdessen höre ich nur: „Also, das Seelenamt kostet acht Mark, mit Musik 16 und mit Geläute 20 Mark.“ Das sagt der dicke Pfarrer. Mir stockt der Atem. Ich lege ihm den Umschlag hin. „68 Mark, Willi’s letzter Wehrsold. Nun. Das wird ja wohl reichen“. Das mit dem Pastor sage ich nicht zu Hause! Da ist schon wieder Fliegeralarm. Wir schnappen unsere Notkoffer. Rennen in den Keller. Gewaltige Detonationen. Der Boden des Kellers springt in die Höhe. 20 Leute sitzen stumm und leichenblass. Christa, 20 , fängt an, hysterisch zu schreien. Meine Mutter, die fünf Kinder erzog, steht schweigend auf und knallt ihr eine, setzt sich hochaufgerichtet wieder hin. Jetzt ist Ruhe. Wir sticken weiter an nutzlosen Sofakissen. 

Seit Wochen hüten wir einen kleinen Weihnachtsbaum auf dem Balkon. Am 24. Dezember stecke ich ein paar Kerzen darauf und stelle Papierteller mit aufgedruckten Tannenzweigen auf den Esszimmertisch. Die „Sonderzuteilung“ pro Person eine Apfelsine und sechs Nüsse, legt Mutter darauf. „Heute gibt es keinen Alarm“, sagt Vater. „Lasst uns früh zu Bett gehen“. Wir nehmen unsere Wärmflaschen und verschwinden wortlos. Am Schlafzimmerfenster sind Eisblumen. Bizarr und schön, und kalt wie das ganze Universum.

Gra © 2014

Es ist schwer, zu akzeptieren, dass jetzt, im Jahr 2023, schon fast ein Jahr lang ein neuer Krieg tobt, der von einem verantwortungslosen Agressor aus unverständlichen Gründen angefangen wurde.

Das angegriffene Land, die Ukraine, wehrt sich bis jetzt tapfer. Viele Menschen sind wieder auf der Flucht . Wie konnte es dazu kommen, obwohl doch alle Menschen auf der Welt den Wunsch haben und hatten: „Nie wieder Krieg“!  Es möge sich alles zum Guten wenden im neuen Jahr!

E.Z.©2023 Foto: Rudi Struck

Wiederverwertung im Haushalt oder „Übung macht den Meister“

Wiederverwertung im Haushalt oder „Übung macht den Meister“

Heute las ich in unserer Regionalzeitung, dass vom 29.9. bis 6.10. die Aktionswoche „Deutschland rettet Lebensmittel“ stattfindet. Das finde ich sehr erfreulich und ich hoffe, dass es auch anderen Menschen, vor allem auch den jüngeren, so geht.

Den sorgsamen und sparsamen Umgang mit Lebensmitteln habe ich schon als Sechsjährige gelernt, da ich in den „Hungerjahren“ nach dem Krieg aufgewachsen bin. Es war selbstverständlich, dass man nichts Essbares wegwarf, so lange es nicht verdorben oder in irgend einer Weise ungenießbar war. In der letzten Zeit lese ich immer mal wieder in den Medien oder in Blogs von jüngeren Leuten, dass man das Grün von Karotten, Kohlrabi oder von Wurzelgemüse auch verwenden kann und dass man es nicht wegwerfen soll. Das war für meine Mutter eine Selbstverständlichkeit. Die Karotten wurden als Beilagengemüse gedünstet zubereitet. Das Grün wurde kleingehackt, dann mit Zwiebeln in etwas Fett angebraten, mit Haferflocken, Mehl oder Kartoffeln gebunden. An Festtagen gab ein Schuss Sahne dem Ganzen die Anmutung einer „Gemüsecreme-Suppe“. Heutzutage braucht man nicht ein Mal Sahne, um die Suppe cremig zu machen, denn ein Mixer kann das viel besser und ganz ohne Fett, wenn es sein muss.

Da ich also schon im Elternhaus zur „Nachhaltigkeit“ erzogen worden war, habe ich in diesen Tagen angefangen, meine eigene Nachhaltigkeitsaktion zu starten, indem ich die  vielen Papier-Tragetaschen von meinem Lebensmittel-Lieferanten verschönt habe. Wegen meines hohen Alters muss ich mir alle Lebensmittel von einem bekannten Lebensmittel-Markt liefern lassen, was meistens mit Hilfe von unzähligen braunen Papier-Tüten mit aufgedrucktem rotem Logo geschieht. Diese Papier-Tragetaschen sind sehr stabil und zu schade zum Wegwerfen; ich habe sie deshalb schon immer zum Sammeln meines Altpapiers und zum Transport meiner Gemüseabfälle in den Abfall-Container benutzt. Auf diese Weise konnte ich den Verbrauch von Mülltüten aus  Plastik zu meiner Freude schon sehr  einschränken. Manche dieser Tragetaschen sind aber noch so schön, glatt und sauber, dass man sie auch zum Transport von anderen Dingen benutzen kann, das dachte ich mir schon öfter, aber ich hatte keine Lust, als Werbeträger für eine bestimmte Lieferfirma herumzulaufen.

Also fing ich an, das große rote Logo mit dem Firmen-Namen, das auf den Tüten prangte, mit hübschen Motiven zu überkleben oder mit Bastelfarbe zu übermalen. Jetzt können die Taschen ohne weiteres zum Überbringen von Topfpflanzen, Blumensträußen, Büchern und anderen Gegenständen verwendet werden und der Empfänger hat nicht das Gefühl, dass die Gabe in einer Abfalltüte bei ihm angekommen ist.

Es kann natürlich passieren, dass der eine oder andere Empfänger denkt, dass ich mir inzwischen keine Geschenk-Tüten, die es ja in schöner Ausführung im Handel gibt, mähr leisten kann. Das muss ich hinnehmen, wenn mir das Prinzip der Nachhaltigkeit  wichtig ist.

Hier einige Beispiele meiner Wiederverwendungaktion von Trage-Taschen aus dem Lebensmittel-Handel, die ohne die „Verschönerung“ vielleicht gleich nach einmaliger Benutzung im Papierabfall landen würden:

Fotos: Privat, E.Z.

Norella ©2022

Sommerhitze, Hortensien und Rilke

Sommerhitze, Hortensien und Rilke

Ein Gedicht von Heinz Erhardt wollte ich gerne posten, weil es mir so gut gefällt und weil ja heutzutage so viel vom Wald und den Bäumen und der Natur die Rede ist. Sicherheitshalber habe ich mich aber vorher über die Rechteverwaltung der Werke von Heinz Erhardt informiert und festgestellt, dass ich ohne die Erlaubnis der Erben nicht das ganze Gedicht in meinen Blog aufnehmen darf. Nur ein kleines Zitat. Was ich hiermit tue; 

„Hinter eines Baumes Rinde

saß die Made mit dem Kinde „

Schade, gerne hätte ich das ganze, witzige Gedicht über das Leben der Made mit ihrem Kinde unter der Baumrinde aufgeschrieben, damit jeder, der das liest, einen Eindruck von dem verborgenen Leben der Tiere in Wald und Flur hätte erfahren können. Und das auf so humorvolle Weise.

Ich habe aber einen wundervollen Ersatz gefunden von einem Autor, der zeitlebens ebenfalls mit wachen Augen durch Wald und Flut gegangen ist und seine Eindrücke in unnachahmlich zauberhafter Weise niedergeschrieben hat.  Es handelt sich um Rainer Maria Rilke, geb. 1875, gestorben 1926. Seine Verse kann ich also ohne (Urheberrechts)-Gefahr niederschreiben. 

Da ich wegen der großen Hitze in diesem Sommer fast jeden Abend die Hortensien vor unserem Haus gießen musste, die leider gar nicht so recht gedeihen wollten und eher braune oder hellbeige Blüten zeigten, obwohl sie in den Jahren davor blau waren, habe ich mich für das Gedicht „Blaue Hortensien“ entschieden.

Passend dazu fand ich in meinem Fotoarchiv auch noch ein Foto mit blauen Hortensien, die meine Schwiegertochter auf Neuseeland fotografierte, neben vielen anderen wunderschönen Blüten und Pflanzen, die sie dort vorfand. 

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln

sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,

hinter den Blütendolden, die ein Blau

nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,

als wollten sie es wiederum verlieren,

und wie in alten blauen Briefpapieren

ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,

Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:

wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen

in einer von den Dolden, und man sieht

ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Rainer Maria Rilke, 1875-1926

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Dieses Gedicht ist so schön, dass ich die Made hinter des Baumes Rinde gar nicht mehr vermisse.

Norella © 2022

Foto: Dana Duch

„Droben stehet die Kapelle …“ von Ludwig Uhland

Det Titel könnte auch heißen: Sommeranfang, Sonnenblumen und blühende Wiesen.

Ein Bekannter aus Bayern schickte mir von seinem Wochenendspaziergang mit Wanderstock und Kamera dieses wunderschöne Foto, das mich spontan an ein Volkslied erinnerte, das wir in der Volksschule kurz nach Kriegsende, etwa 1947, gelernt und gesungen haben

Der Text ist von Ludwig Uhland, der dieses Gedicht 1805 zu einem Gedichtwettbewerb für die Wurmiger Kapelle in der Nähe von Tübingen  schrieb. Das Gedicht wurde mehrfach vertont, u.a. von Konradin Kreuzer. Ich kenne nur eine Version, die mir aber seit der Ankunft des schönen Fotos wie ein Ohrwurm im Kopf herumspukt. Kürzlich habe ich in einer Talkshow im deutschen Fernsehen auch eine moderne Schäferin oder Hirtin an Stelle eines „Hirtenknaben“  gesehen. Das ist Grund genug, das Foto und das Gedicht in meinen Blog aufzunehmen, auch wenn der Inhalt des Gedichtes sehr nachdenklich stimmt und nicht speziell sommerlich ist.



Nicht die Wurmlinger Kapelle, aber ebenso schön „droben“

Droben stehet die Kapelle

schauet still ins Tal hinab

drunten singt bei Wies und Quelle

froh und hell der Hirtenknab.

Traurig tönt das Glöcklein nieder

schauerlich der Leichenchor

stille sind die frohen Lieder

und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,

die sich freuten in dem Tal.

Hirtenknabe, Hirtenknabe,

dir auch singt man dort einmal.

Ja, dieses Lied hat man in meiner Kindheit in der Grundschulklasse gesungen. Ich weiß nicht, ob man dies heute noch für richtig hält.

Zum Ausgleich füge ich noch ein wunderschönes, sommerlich leuchtendes Foto bei, das mir der Bekannte aus Bayern ebenfalls von seinem Wochenendspaziergang schickte. Es zeigt ein großes Feld mit Sonnenblumen. Sie erfreuen die Menschen nicht nur mit ihrem strahlenden Blütenkranz, sondern sind auch nützlich als Ölpflanze (Sonnenblumenöl zum Backen und als Treibstoff), die Kerne sind beliebt als Knabberzeug und als Backzutat, als Nahrung für Vögel besonders im Winter,  die Stängel und die Blätter dienen in der Landwirtschaft als Futter für die Tiere im Stall. Vorher werden die Pflanzenteile gehäckselt. Die Sonnenblume ist in ihrer Vielfalt der Anwendung also eine wahrhaft „nachhaltige“ Pflanze, über die man sich nicht genug freuen kann.

Text; E.Z. ©2022

Fotos: Rudi S., Juni 2022 ©

Stevia hat viele Namen, ist immer aber mehr als „zuckersüß“

Stevia hat viele Namen, ist immer aber mehr als „zuckersüß“

STEVIA,  Zuckerpflanze, Süßkraut, oder Honigblatt  – wie man sie auch nennt, sie schmeckt roh oder verarbeitet mehr als „zuckersüß“ 

Vor ein paar Jahren habe ich einen Text gepostet (2.6.2011, Titel: Kleine Freuden oder kalorienfrei süßen mit Stevia“), als Stevia hier noch wenig bekannt war. Damals habe ich mich gerade deshalb nach Informationen umgesehen. Zu meiner Freude gibt es inzwischen die Pflanze als Setzling ab Ende April/Anfang Mai, ich habe sie gerade wieder in meinen Balkonkasten gepflanzt. Sie gedeiht sehr gut, aber nicht unter Null Grad. Deshalb kaufe ich jedes Jahr ein bis zwei neue Pflanzen, was ja inzwischen gar kein Problem mehr ist, da man sie fast überall erhält.

Damals, als es meines Wissens nirgends Süßkrautpflanzen als Setzlinge gab,  habe ich mir die Zeit genommen, alte Kräuterbücher zu wälzen, im Internet zu recherchieren und zu prüfen, ob die Behauptung stimmt, dass Stevia-Pulver 300 Mal mehr süßt als normaler Zucker. Es ging damals darum, dass das Stevia-Pulver auch in Deutschland als Süßungsmittel, d.h. als Lebensmittel zugelassen wird, was kurz bevorstand, wie ich einer Website entnommen hatte.

Ich wiederhole hier nochmals die wesentlichen Ergebnisse meiner damaligen Recherche:

Kalorien sparen ist ja in unseren Tagen ein wichtiges Argument für ein Lebensmittel.

Die Stevia-Pflanze, auch Honigblatt oder Süßkraut genannt, ist kalorienfrei, jedenfalls wenn es sich um das Pulver handelt, das durch ein patentiertes Verfahren in China (für 85 % des Weltmarktes) aus der Stevia-Pflanze gewonnen wird.

Ich verwende nicht gerne die üblichen Süßstoff-Tabletten, da ich sie als zu süß oder nach Süßholz schmeckend empfinde. Zucker sparen möchte ich aber trotzdem, da ich leider nicht gerade gertenschlank bin. Also habe ich mir endlich Stevia-Pulver bzw. Stevia-Tabs besorgt. In Apotheken, Drogerien und Reformhäusern ist es als „Badezusatz“ erhältlich und auch schon längst in dort angebotenen Zahnpasta-Produkten und Kosmetika als Zusatz enthalten.

Nach einigen Tagen des Ausprobierens fand ich heraus, dass Stevia Tabs tatsächlich in ganz geringen Mengen, eine halbe Tablette reicht mir für einen Becher Kaffee, süßen können. In dieser Dosierung ist es ohne Beigeschmack, kalorienfrei, gesundheitlich unbedenklich. Anfangs hatte ich eine ganze Tablette genommen pro Becher Getränk, das war mir viel zu süß und hatte auch einen Süßholz-Geschmack. Manche Verbraucher berichten über einen lakritzähnlichen Nachgeschmack. Der Geschmack von Stevia-Pulver wird offensichtlich ganz unterschiedlich wahrgenommen.

Aber ein Extrakt aus einer Pflanzehat immer einen anderen Geschmack als die Frischpflanze selbst. In Südamerika, wo die Stevia-Pflanze seit Jahrhunderten angebaut und zum Süßen des Mate-Tees verwendet wird, kaut man die Pflanze als Bonbon-Ersatz.

Die Frischpflanze schmeckt mir auch weit besser als jeder Auszug, jedes Pulver oder jede Tablette. Es freut mich jedenfalls, dass der Geschmacks- und Süßungstest von Stevia zu meiner Zufriedenheit ausgefallen ist und mich anregt, weiter mit Stevia zu experimentieren, nämlich beim Kochen und Backen. Ich bin gespannt auf das Ergebnis. 

Des einen Freud ist des anderen Leid. Ich frage mich, was aus unseren Zuckerrübenbauern und den Zuckerrohrpflanzern in Südamerika wird, jetzt, nachdem Sevia endlich „in aller Munde“ sein darf, nach der Zulassung durch die Eu.

Ein großer amerikanischer Softdrink-Hersteller und Abnehmer von Industriezucker hat sich ja schon sehr früh für Stevia entschieden. Er lässt Stevia in China auf riesigen Flächen anbauen, erforschen, kalorienfreie Produkte herstellen. Ein Softdrink dieses Herstellers heißt „zevia“. 

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STEVIA ist nun längst angekommen auf dem Lebensmittelmarkt hierzulande. Man findet den Inhaltsstoff als Süßungsmittel offen oder versteckt in vielen Lebensmitteln, Kuchen, Süßigkeiten oder Getränken. Meist verarbeitet zu Pulver.

Getrocknete Steviablätter werden im Mörser zu Pulver zermahlen

Ich verwende Stevia ganzjährig als Frischblatt (gedeiht bestens auf meinem Balkon) und im Winter als getrocknete Pflanze, die ich zu Pulver im Mörser verreibe. So habe ich immer einen natürlichen Süßstoff im Hause. Ich verwende gar keinen Industriezucker mehr und vermisse nichts.

Kapuzinerkresse (vorne rechts) und Stevia (hinten) im Balkonkasten

E.Z.© 2022

Fotos: Privat

Ein neues Jahr

Ein neues Jahr

Silvesterabend und Jahresanfang

Mit dem Anfang und dem Ende eines langen Gedichtes von Friedrich Wilhelm Weber (gest. 1894) wünsche ich den Lesern meines Blogs ein gutes, erfreuliches neues Jahr, vor allem Gesundheit. Die Welt möge friedlicher Werden und die Pandemie ihr Ende finden.

Hier das Gedicht, das ich bis jetzt noch nicht kannte und das ich heute, am 2. Januar 2022, auf dem Blatt meines Tages-Abreißkalenders 2022 fand:

Ein neues Jahr! Tritt froh hinein

Mit aller Welt in Frieden!

Vergiß, wie viel dir Plag‘ und Pein

Das alte Jahr beschieden‘

Du lebst: sei dankbar, froh und klug,

Und wenn drei bösen Tagen

Ein guter folgt, sei stark genug,

Sie alle vier zu tragen.

Das neue Jahr, es gibt und nimmt;

Drum leg in dessen Hände,

Der Welten Ziel und Zeit bestimmt,

Den Anfang und das Ende.

Trag du mit Freuden deine Last

Und laß dich nichts verdrießen:

Was du mit Gott begonnen hast,

Kannst du mit Gott beschließen.

Foto: E.Z., Privat



Doris Dörrie Online Schreibkurs, mein Text zum Thema „Sterben“

Doris Dörrie Online Schreibkurs, mein Text zum Thema „Sterben“

Wie ich schon kürzlich gepostet habe, hatte ich Gelegenheit an einem Online-Schreibkurs teilzunehmen, der über das Portal „Bürgerakademie“ für alle Interessierten erreichbar war. Von den vielen Aufgaben, die von der Filmemacherin und Autorin Doris Dörrie ihren Kursteilnehmern angeboten wurden, habe ich nur drei bearbeitet. Einen Text über Natürliche Heilmittel habe ich vor Kurzem in meinen Blog aufgenommen. Heute kommt mein Text „Über das Sterben“, denn im November, dem Monat von Allerseelen, Allerheiligen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, kommt man nicht am Nachdenken über die Sterblichkeit des Menschen vorbei.

Über das Sterben

Schon früh wurde mir bewusst, dass das Leben mit dem Sterben verbunden ist, obwohl es in meiner Kindheit keinen Todesfall in der Familie gab, den ich miterlebt habe. Da meine Großmutter mütterlicherseits mit uns in der Familie lebte, lernte ich aber früh das Wort „gefallen“. Immer, wenn ich Großmutter fragte, warum sie keinen Mann hat, erzählte sie, dass mein Großvater Peter als ganz junger Mann im I. Weltkrieg bei Rovereto in Italien „gefallen“ ist. Zum Zeitpunkt dieser Erzählungen lebten meine Mutter, meine Großmutter, meine Schwester und ich als Flüchtlinge aus der Batschka in verschiedenen Flüchtlingslagern in Deutschland, der Tschechoslowakei, in Österreich, in Thüringen und dann in einer Wohnung in Baden-Württemberg. Wir waren bei der Verteilung der Flüchtlinge aus einem Lager in einer badischen Stadt in einem Dorf im Kraichgau gelandet. Dort lebten wir in einfachen Räumen im Möbel-Lager einer Schreinerei, die dem Bürgermeister des Ortes gehörte.

Wo immer wir auch gerade lebten, es fiel mir als Kind immer wieder auf, dass es so wenige Väter und Großväter unter den Flüchtlingen oder Vertriebenen gab. Überall alte und junge Frauen und Kinder. Ich wünschte mir sehr, einen Großvater zu haben. Deshalb fragte ich immer wieder von Neuem, warum ich keinen habe und auch keinen Vater. Allmählich erfuhr ich, dass der Großvater im Alter von 25 Jahren im I. Weltkrieg gefallen ist und dass er deshalb kein Grab hat. Dass mein Vater (den ich gar nicht in Erinnerung hatte, weil er kurz nach meiner Geburt im August 1939 als Soldat eingezogen wurde), im Krieg ist und vielleicht in russischer Gefangenschaft. Manchmal kamen Briefe vom Roten Kreuz, in denen stand, in welchem Gebiet er gerade als Sanitäter im Dienst ist. Irgendwann hieß es dann nur noch, dass er in Gefangenschaft im Kaukasus ist. Ich lernte also nach und nach, dass man im Krieg fallen und für immer Weg sein kann und dass man im Krieg sein kann und doch noch leben.

Als viereinhalbjähriges Kind hätte ich mir einen Großvater gewünscht, da unser Leben schwer war. Immer wieder in Güterwagons irgendwo hin gefahren werden (wohin, konnte ich nicht sehen, da Güterwagons ja keine Fenster haben). Immer wieder den kleinen Rucksack auf den Rücken nehmen und rennen, um einen Zug oder einen Lastwagen zu erreichen. Immer wieder mussten die Mutter und die Großmutter große Koffer und Kisten umladen. Ein lebender Großvater oder ein anwesender Vater hätten da viel helfen können, dachte ich als Kind. Das sah ich bei den anderen Familien, die wie wir auf der Flucht vor den Partisanen waren. Selbst alte kranke Großväter waren beim Koffertragen nützlich.

Die Erwachsenen erzählten immer Geschichten von gefallenen Männern, Söhnen und manchmal auch von Frauen und Kindern, die durch Bomben und andere Unglücksfälle gestorben waren.

Richtig bewusst wurde mir die Unumkehrbarkeit des Sterbens aber erst, als ich in der ersten Klasse der Volksschule war. Während einer Grippewelle war eine meiner Klassenkameradinnen gestorben. Es war damals üblich, die Verstorbenen in der Wohnung aufzubahren, damit Verwandte und Freunde ihnen die letzte Ehre erweisen konnten. Ich ging mit meiner Schwester zum Haus der verstorbenen Klassenkameradin, die nach meinem Empfingen wie ein Engel in ihrem Bett inmitten von weißen Blumen lag. Es war kühl im Raum, Weihwasserschalen standen am Ende des Bettes, alles war ruhig und still. Die Erwachsenen nahmen Kräuterbüschel, tauchten sie in das Weihwasser und besprengten das Bett, die Blumen und das tote Kind, das so fremd und blass in den Kissen lag. Ich fühlte zum ersten Mal, dass der Tod eine ernste Sache ist. Meine Schwester und ich beteten mit den Erwachsenen, hörten viel von „und vergib uns unsere Schuld“ und wir fanden das nicht richtig an diesem etwas unheimlichen Ort.

In dem Dorf war es auch üblich, dass bei der Geburt eines Kindes verstorbene Frauen zusammen mit dem toten Kind aufgebahrt wurden. Eine solche Aufbahrung, die ich in der Hofeinfahrt von Nachbarn in dem Dorf sehen musste, werde ich nie vergessen. Es war damals normal, dass man auch Kinder zum Beten und Weihwasser sprühen hinschickte. Von da an hatte ich eine panische Angst, dass meine Mutter sterben könnte. Sie war oft krank und ich erkannte nach und nach den Zusammenhang zwischen Krankheit und Tod.

Meine Großmutter war eine fromme Frau und betete viel und oft auch laut den Rosenkranz. Immer war da von Tod, von Schuld, von Sünden und manchmal auch von Vergebung die Rede. Auch da also Tod und Sterben. Täglich betete die Großmutter um einen guten Tod. Es war ein kurzes und einprägsames Gebet, das wir Kinder bald auch mitsprachen, wenn sie es laut betete. Der Tod, das Sterben – sie waren allgegenwärtig in meiner Kindheit. Es gab dann Todesfälle familiären Umkreis, wir Kinder wurden mit großer Selbstverständlichkeit in die Vorbereitungen für Begräbnisse und auch zu den Bestattungen mitgenommen und manchmal auch alleine hin geschickt.

Selbst gesteckter Grabschmuck aus Trockenpflanzen und Tannengrün

Als meine Großmutter lange Jahre später mit 90 Jahren starb, hatte ich Gelegenheit, zu sehen, wie gut es sein kann, wenn ein Mensch sich mitten im Leben seiner Vergänglichkeit stets bewusst ist. Meine Großmutter ging sehr tapfer einen Schritt nach dem anderen (Nachlassen der Kräfte, kurze Krankheit) ihrem Sterben entgegen. Sie war damals auf ihren eigenen Wunsch hin in einem Haus für Betreutes Wohnen, das von Ordensschwestern geführt wurde. Sie konnte dort täglich in die Hauskapelle zur Messe gehen, hatte viel Gelegenheit, an kirchlichen Andachten teilzunehmen, mit den Ordensschwester Gespräche zu führen über Leben und Tod, denn Todesfälle gab es in diesem Umfeld fast täglich. Großmutter begleitete viele ihrer Hausgenossen während des Sterbens und so war sie auch nicht allein, als sie sich zum Sterben hinlegte (wie sie es nannte). Meine Schwestern und ich waren abwechselnd an ihrem Krankenbett, Wohnungsnachbarn aus dem Haus sowie die Ordensschwestern wechselten sich Tag und Nacht ab und beteten einen Rosenkranz nach dem anderen, pflegten und versorgten die Großmutter und waren bei ihr in der Nacht, als sie starb. Die Schwestern wussten genau, welches Kleid Großmutter im Sarg tragen wollte, wie sie sich ihre Beerdigung vorstellte. Es gab keine Unklarheiten, alles war so, wie sie es sich gewünscht hatte. Denn sie hatte ja ohne Scheu und in großer Tapferkeit einen Schritt nach dem anderen getan, der sie von einem ereignisreichen, arbeitsamen, tapferen Leben in die Ewigkeit führte. „Mitten im Leben, sind wir vom Tod umfangen“, singen Christen im Gottesdienst und ich erlebte, wie ein Mensch sich dessen bewusst sein und trotzdem ein lebensbejahendes Dasein führen kann. Das hat mir meine Großmutter Nanni vorgeführt.

E.Z.©2020

Fotos: Trockenblumengesteck, Privat E.Z.

Foto Friedhofseingang: Johannes Paesler

Boostern – oder: Aller guten Dinge sind drei

In meiner Kindheit hörte man dieses Sprichwort sehr oft und in bezug auf die Corona-Pandemie können wir alle nur hoffen, dass das Sprichwort recht behält und die Auffrischungsimpfung sich als wirksam erweist. Untersuchungen waren offensichtlich ermutigend. Nachdem ich vor einiger Zeit über die erste und zweite Impfung gegen Corona hier im Blog geschrieben habe, möchte ich der Vollständigkeit halber nun auch berichten, dass ich mir inzwischen die sogenannte „Booster“-Impfung geben ließ. Das ist eine Impfung für über 70-Jährige, deren erste Impfung schon über sechs Monate zurückliegt. Das war bei mir der Fall, da ich die erste schon im Januar und die zweite Impfung Ende Februar 2021 bekam.

Da der Impfschutz nach etwa sechs Monaten nachlässt, wird die Auffrischungsimpfung von Medizinern und anderen Experten empfohlen.

Die dritte Impfung gegen das Corona-Virus bekam ich beim Hausarzt. Ich erhielt nach meinem Anruf einen festen Impftermin (in ca. 10 Tagen), was notwendig ist, weil der Biotech-Impfstoff ja bei der Apotheke bestellt und kühl gelagert werden muss. Da muss der Hausarzt wissen, wieviel Impfstoff er braucht und wie viele Patienten er für diesen Tag zur Auffrischungsimpfung bestellen kann.

Die Impfung an sich war wie auch schon vorher kein Problem. Dieses Mal reagierte ich jedoch sehr viel stärker als bei der Erst- und Zweit-Impfung. Die Einstichstelle wurde großflächig rot, der Oberarm schwoll sichtbar an und in den folgenden Tagen war er auch bei Berührung und beim Darauflegen schmerzhaft. Am zweiten Tag nach der Impfung fühlte ich mich nicht so gut, d.h. ich war müde, fühlte mich im Kopf etwas benommen und die Muskeln schmerzten leicht. Da ich an Arthrose leide, ist es nicht einfach, zu erkennen, was  die Muskelschmerzen ausgelöst hat. Es ist möglich, dass ich aufgrund der ohnehin vorhandenen Arthrosebeschwerden etwas heftiger auf die Impfung reagiert habe. Es war trotzdem alles kein Problem, denn alles wurde von Tag zu Tag besser und nun, eine Woche nach dem Impftag, ist alles wieder im Lot.

Da ich als Kind nach dem Krieg den Ausbruch der Kinderlähmung in Deutschland miterlebt habe und auch die große Freude, als es endlich die sogenannte „Schluckimpfung“ gab, die diese schwerwiegende Krankheit nach und nach ausrottete. Mir ist noch der Slogan:“Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“ im Gedächtnis. Es war für mich deshalb gar keine Frage, ob ich mich impfen lasse oder nicht. Die erträglichen Nebenwirkungen der Corona-Impfung sind auf jeden Fall das geringere Übel, wenn man bedenkt, was passieren kann, falls man sich mit Covid 19-Virus infiziert und ernsthaft krank wird oder gar in die Intensiv-Station muss. Ich bin sehr froh, dass in so kurzer Zeit ein Impfstoff entwickelt wurde und würde mir wünschen, dass jeder Erwachsene seine Chance wahrnimmt (je nach Alter und Vorerkrankung), sich impfen zu lassen. Jeder, der ein Amt hat und auf das Geschehen Einfluss nehmen darf und kann, soll sich seiner Verantwortung bewusst sein, aber dennoch nicht zögern, zur Impfung aufzurufen.  Die Politiker mögen in Zusammenarbeit mit den Medizinern weiterhin je nach Entwicklung der Weiterverbreitung des Virus die richtigen und notwendigen Maßnahmen treffen.

Ich fand die Impfung beim Hausarzt bequemer, war aber auch im Impfzentrum auf dem Maimarktgelände in Mannheim sehr zufrieden mit der Organisation und mit dem Ablauf der ersten und der zweiten Impfung. Alles war gut vorbereitet und die Aufklärung sorgfältig und umfassend. Für Fragen und Bedenken war genug Zeit und Raum – das war beruhigend und hilfreich.

Es gibt also wenig oder fast keine guten Argumente gegen die Impfung. Ein Gespräch mit dem Hausarzt kann so manche Bedenken zerstreuen. Diese Gelegenheit sollte jeder wahrnehmen, der von Ängsten in dieser Hinsicht geplagt wird und vielleicht nur ein bisschen Ermutigung braucht.

So sieht mein Impfpass nun aus. Möglicherweise wird nun Jahr für Jahr neben der Grippe-Impfung auch eine Auffrischung gegen Corona nötig sein. Es ist noch genug Platz für Eintragungen, wie man sieht:

Die Stempel habe ich unkenntlich gemacht, um Fälschungen vorzubeugen

© 4.11..2021, E.Z.

Foto: Privat

Nachhaltigkeit am Beispiel der Feuerholzkiste des Urgroßvaters

Mein Mann brachte sie mit in die Ehe (1974), er hatte sie von seinem Vater, der hatte sie von seinem Vater und der hatte sie von seinem Vater ….

Nun steht sie auf meiner Terrasse in einem modernen Gebäude aus Beton und Glas, die unscheinbare Kiste aus stabilem Holz. Sie hat einen Deckel, der an rostigen Scharnieren hängt. Zwei Grifföffnungen sind rechts und links in die Seitenteile der Kiste eingefräst,  so dass man die Kiste gut transportieren kann. 

Ich bewahre darin nur Decken und Nackenrollen für die Liegestühle auf der Terrasse auf. Im dunkeln Inneren der Kiste ist noch genug Platz für einen Beutel Kartoffeln, die ja dunkel gelagert werden müssen. Im Winter wickle ich die Kartoffeln in die Decken ein, so dass sie keinen Frost abbekommen, darüber kommt ein Stück Noppenfolie und meine „Kartoffel-Miete“ ist komplett. Ja,“ Miete“ nannte man früher die Erdaushebungen im Garten oder auf dem Acker, in die man allerlei Gemüse, vor allem Kartoffeln, Karotten und Weißkohl als Wintervorrat legte, um sie frisch zu halten und gleichzeitig vor Frost zu schützen. Obendrauf kam viel Stroh und darüber meistens noch lose verlegte Holzbretter.

Das Holz meiner Kiste auf der Terrasse ist so dick, dass keine Maus es je angenagt hat und der Deckel schließt immer noch so dicht, dass die Kartoffeln keine grünen Flecken vom Tageslicht bekommen können. Kinder, die zu Besuch kommen, nutzen die Kiste gerne als Sitzmöbel. Soll ich ihnen sagen, dass sie auf einem fast 150 Jahre alten Gegenstand sitzen, der etwa 1880 von einem Schreiner in der Kurpfalz für einen jungen Hausstand angefertigt wurde? Ohne Verwendung von Nägeln. Nur für die Metallscharniere des Deckels wurden in späteren Zeiten Nägel verwendet. In allen anderen Teilen wurde die Kiste in „Nut- und Federtechnik“ zusammengefügt.

Feuerholzkiste, in „Nut und Feder“-Technik hergestellt, ca. 1883

Die Kiste war damals als Vorratskiste für Feuerholz gedacht und gleichzeitig als Sitzplatz neben dem Herd. Späteren Generationen diente er dann als Kiste für Eierkohlen oder Brickets, was eine staubige Angelegenheit war. Durch Einlegen von Wachspapier, mehreren Lagen alter Zeitungen oder Packpapier wurde das helle Holz der Kiste aber geschützt. Eine andere Familie, die die Kiste erbte, bewahrte die Schuhputz-Utensilien für die ganze kinderreiche Familie auf und samstags ging die Schuhputz-Arbeit mit Hilfe der vielen Bürsten, Lappen, Schuhcreme in Dosen, Tuben, alten Küchenmessern (um die groben Teile abzuschaben an den Sohlen). Die Kinder mussten das abwechselnd für alle Familienmitglieder erledigen. Sonntags ging es dann mit glänzend geputztem Schuhwerk zum Gottesdienst.

So hat diese unscheinbare, aber ungemein nützliche und unverwüstliche Holzkiste ihren Dienst getan für einige Generationen und wie gesagt, sie dient auch mir noch als lieb gewordener Gegenstand aus alter Zeit zur Aufbewahrung von Decken und Kartoffeln. 

Heutzutage ist viel von „Nachhaltigkeit“ die Rede. Ich finde, diese Kiste, die so vielen Generationen einen guten Dienst getan hat und immer noch in Gebrauch ist bei mir, ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, Alltagsgegenstände aus gutem Material in guter, zuverlässiger Weise herzustellen. Das Gegenteil von Wegwerfartikeln also. Es würde unserer heutigen Zeit gut tun, sich daran zu erinnern.

Fotos: E.Z., privat

E.Z.©2021

Im Impfzentrum

Bis zum 23. Januar 2021 hatte ich keine Ahnung, wie viele Menschen von 80 Jahren oder mehr es in unserer Stadt gibt. Seit ich zu meiner Überraschung, sehr plötzlich von einem Tag auf den anderen (nach langen Fehlversuchen im Web und Warteschlangen im Telefonnetz) endlich einen Impftermin bekommen hatte, weiß ich, dass ich in guter Gesellschaft bin. Seit ich so viele mehr oder weniger bewegungseingeschränkte, aber auch sehr flotte alte Menschen unter sich auf dem Gelände des Impfzentrums getroffen habe, verstehe ich die Lockdown-Maßnahmen noch besser als zuvor. Es wäre nicht gut, wenn diese Menschen durch eigenes Fehlverhalten oder den Leichtsinn von jüngeren Menschen in ihrem Umfeld sich mit Covid-19 angesteckt hätten. Allein die Anzahl hätte die Stadt vor ein großes Problem gestellt. Obwohl die Stadt sich gut vorbereitet hatte, wäre das Gesundheitssystem sehr bald an seine Grenzen gestoßen.

Impfzentrum in der Maimarkthalle Mannheim

Dass die Stadt gut vorbereitet ist, konnte ich ja nun feststellen, da ich nach aufregenden Tagen des Informierens, Telefonierens oder des Einwählens in das Internet von heute auf morgen einen Termin bekam. Es war nun Eile angesagt, denn allerlei Dokumente waren zu richten (Personalausweis, Impfpass, Allergiepass), eine Fahrmöglichkeit war zu organisieren, bequeme Kleidung bereit zu legen, das Handy aufzuladen, Freunde und Bekannte telefonisch zu kontaktieren. Leider war ich die Einzige aus meinem Bekanntenkreis, die an diesem Tag einen Impftermin hatte, so dass sich die Möglichkeit nicht ergab, zusammen mit anderen Betroffenen zum Zentrum am Rande der Stadt zu fahren. Eine sehr viel jüngere Freundin, die wegen der Corona-Pandemie momentan in Kurzarbeit ist, hatte Zeit und erbot sich, mich zu begleiten.

Das hat sich als eine sehr große Erleichterung für mich erwiesen als wir uns auf den Weg machten zum Impfzentrum in Mannheim. Das Gelände, auf dem die geräumige Halle steht, in der innerhalb sehr kurzer Zeit Anfang des Jahres ein großes Impfzentrum errichtet wurde, hat auch einen sehr großen Parkplatz und ist deshalb ideal für diesen Zweck. Es war also für die meisten kein Problem, das Zentrum mit dem Auto oder auch mit dem Nahverkehr zu erreichen, denn auch eine Haltestelle der Stadtbahn befindet sich direkt vor dem Eingang. Ich bin voll Bewunderung für das gelungene Zusammenspiel von Stadt, Land, Technischem Hilfswerk, Gesundheitsamt, Rotem Kreuz, medizinischem Personal, Feuerwehr, Polizei und anderen Hilfskräften, die das Zentrum räumlich, medizinisch und verwaltungstechnisch auf die Beine stellten, so dass es nun sehr gut und reibungslos funktioniert.

Es war nicht möglich, einen ersten Termin zu bekommen, wenn man beim Ausfüllen des Formulars im Internet nicht bereit war, gleich den zweiten Termin festzulegen. Inzwischen scheint es ich geändert zu haben, so hörte ich heute von einer Nachbarin, die gestern endlich telefonisch einen ersten Impftermin für Mitte Februar bekam. Sie war seit vielen Tagen bis Mitternacht aufgeblieben, um unter der Nummer 116117 anzurufen. Sie hatte gehört, dass dann die vom vergangenen Tage übrig gebliebenen Impfdosen auf Termine des nächsten Tages verteilt wurden. Das half ihr nicht um Mitternacht, aber sie hatte Glück, als sie morgens um 8 Uhr erneut telefonierte. 

 Im Impfzentrum wurden wir durch lange, mit Absperrbändern begrenzte Laufstraßen in verschiedene Abteilungen geschleust, wo es allerlei Dokumente zu lesen, zu unterschreiben und die Kopien irgendwie unterzubringen hieß. Meine Begleitung hatte sehr bald alle Hände voll mit Papierkram, der aber wohndurchdacht und sinnvoll war, wie sich herausstellte. Nach einer geduldigen Beratung durch einen Arzt über die Risiken und Nebenwirkungen der Impfung, landeten wir in einem Raum, in dem ein Film über das Corona-Virus und die Pandemie lief. Der Raum war gut durchlüftet, alle Stühle mit ausreichendem Abstand aufgestellt, alle Hygieneregeln waren eingehalten. Der Film verschaffte uns eine kleine Atempause bevor es weiter ging zu Wartezonen vor den eigentlichen Impfkabinen. Alles sehr gut organisiert und übersichtlich beschriftet. Die Impfung selbst war dann kurz und schmerzlos. Nach dem Eintrag in das Impfbuch

war eine Viertelstunde Ruhe in einer ebenfalls sehr auf Abstand bedachten Zone vorgesehen, für den Fall, dass irgendwelche Unpässlichkeiten eintreten sollten. Da ich Allergikerin bin, wurde mir eine halbe Stunde Wartezeit verordnet. Danach ging es mit dem Laufzettel zum Ausgang, wo sich ein freundlicher Helfer nochmals nach dem Befinden erkundigte, bevor wir von einem weiteren Helfer hinausgeleitet wurden.

Zu Hause hatte ich am Impftag dann doch noch leichte Kopfschmerzen und Gliederschmerzen, wie etwa bei einer beginnenden Erkältung. Auch eine große Müdigkeit stellte ich fest, was aber nicht verwunderlich war nach einem so aufregenden Tag, denn wer hat denn schon irgendwann in seinem Leben eine Corona-Impfung bekommen. Alles ist ja neu, vieles noch in Erprobung, jeden Tag gibt es neue Erkenntnisse und Veränderungen. Das müssen die jungen Menschen wie auch Achtzigjährigen und Älteren ja auch erst einmal in ihren Erfahrungshorizont integrieren und sich eine Flexibilität im Denken und Handeln aneignen, die vorher in dieser Form nicht nötig war.

Es gibt ja immer noch keine sicheren Erkenntnisse darüber gibt, wie lange die Wirkung der Impfungen anhält, ob man als Geimpfter das Virus trotzdem an andere weitergeben kann, ob man z.B. im nächsten Winter wieder geimpft werden muss, so wie dies bei der Grippe-Impfung der Fall ist. Ich denke aber, dass ich es meinen Mitmenschen schuldig bin, auch zu deren Schutz vor Ansteckung beizutragen. Es freut mich aber auch, dass ich mich nach der Impfung, doch mal wieder zu einem Kaffee mit meinen Freundinnen treffen kann, weil sie auch schon einen Impfschutz haben. Denn es ist kein reines Vergnügen, wenn man wegen seines hohen Alters durch die Pandemie zu einem Eremiten-Dasein gezwungen ist, das ja nun fast ein Jahr andauert.. Ich selbst habe auch vor der Corona-Pandemie eher zurückgezogen gelebt und war mit Hilfe meiner guten Wohnumgebung und eines geräumigen Balkons gar nicht besonders von dem verordneten Rückzug betroffen. Manche Menschen, die sehr viel mehr Außenkontakte hatten und brauchten, ertragen eine solche unfreiwillige Abgeschiedenheit sehr viel schlechter. Trotzdem vermisse auch ich allmählich den persönlichen Umgang mit Menschen meiner Altersgruppe oder einen Einkaufsbummel mit jüngeren Begleitern. Es ist gut,  Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

 Bis jetzt hatte ich gar nicht die Absicht, mich zu der Pandemie und dem Virus in meinem Blog äußern, da anfangs und bis heute so vieles ungewiss und in steter Veränderung war und ist. Über mein sehr positives Erlebnis im Impfzentrum meiner Stadt zu schreiben, ist mir aber inzwischen ein Bedürfnis geworden, denn der Bericht könnte anderen Mut machen. Nicht zuletzt ist es auch eine Gelegenheit, allen Helfern in den Impfzentren der Städte und Gemeinden  zu danken für ihren Einsatz und ihre Geduld bei der Impfung der über Achtzigjährigen.

E.Z. ©2021, Foto: Privat

Weihnachtliche Tagträume im Haus Abendschein

Weihnachtliche Tagträume im Haus Abendschein

Das kleine Weihnachtsbäumchen mit den Kunstfaser-Tannennadeln und den elektrischen Kerzen war ganz entzückend geschmückt mit roten Schleifchen, roten Mini-Glaskugeln und goldenen Sternchen.

Es stand in einem roten Übertopf, in dem die elektrischen Kabelanschlüsse verborgen waren. In der Dämmerung gingen die kleinen Lichter von selbst an, denn auch an einen Dämmerungsschalter hatten die Hersteller gedacht.

Gedankenverloren saß die alte Dame in ihrem Sessel am Fenster, von dem aus sie einen Blick auf den Fluss hatte. Jogger rannten trotz der Kälte am Morgen und am Abend am Ufer entlang. Nachmittags kamen die jungen Mütter mit ihren wohlvermummten Babies im Kinderwagen.

Wie schön, dass man heutzutage für alle Wetterlagen das richtige Schuhwerk und die richtige Bekleidung hatte. Ein Frösteln überzog den Körper der alten Frau, denn es schlichen sich Erinnerungen in Ihr Gedächtnis und Gemüt, die mit Zeiten zu tun hatten, in denen Frieren und Hungern der Normalzustand waren. Nur nicht mehr daran denken, befahl sie sich, das ist alles vorbei. 

Ich habe es ja so schön hier. Sie gestand sich ein, dass sie es noch nie so gemütlich und bequem hatte, ja dass sie noch nie so gut versorgt war wie hier. Alle meinten es gut mit ihr, sorgten vor allem für ihr leibliches Wohl. Aber es war doch nicht so, wie es hätte sein können, wenn Ihr Mann noch lebte. Wenn sie beide beide gesund geblieben wären, hätten sie in ihrem schönen Einfamilienhaus in einem ruhigen, grünen Vorort der Stadt hätten bleiben können, möglichst bis an ihr Lebensende. In ihren Vorstellungen ging sie natürlich davon aus, dass sie beide bei guter Gesundheit trotz ihres Alters Weihnachten selbst gestaltet und miteinander gefeiert hätten. Dass es in der Realität möglicherweise anders hätte sein können, das konnte sie ja jetzt in ihrem gemütlichen Sessel tagträumend einfach ausklammern. Deshalb feierte sie in Gedanken eine Weile Weihnachten wie früher, mit perfekt  gebratener Weihnachtsgans im Ofen, einem raumhohen Weihnachtsbaum mit sehr vielen riesigen Glas und Goldkugeln, mit Lametta, Glasbläsereien aus dem Erzgebirge. Vor allem hatte sie die Glas-Vögelchen, aus deren Schwanz ein kleiner weißer Busch Schwanenfedern ragte, so geliebt. Unmengen von selbst gebackenem Weihnachtsgebäck in schönen Kristallschalen standen damals auf dem Tisch und unter dem Baum.. 

Dass sie selbst früher an Weihnachten am Ende ihrer Kräfte gewesen war, weil sie allein all diesen Zauber veranstaltet, sich mit der riesigen, toten, glitschigen Weihnachtsgans abgemüht und wochenlang all die guten Naschereien gebacken hatte, das klammerte sie nun einfach aus.

Ihr alt gewordenes Gedächtnis unterstützte sie in der Absicht, ungute Ereignisse einfach zu unterschlagen. Deshalb konnte sie (wie die anderen Mitbewohner des Pflegeheimes) guten Gewissens behaupten, dass früher alles viel schöner und besser gewesen war.

Inzwischen war es so dunkel geworden, dass das schlaue kleine Kunstbäumchen automatisch seine Kerzen im kleinen, wohnlich eingerichteten Zimmer leuchten und die Kugeln glitzern ließ. Es wirkte sanft und ein wenig erheiternd auf die Stimmung der alten Dame und die Erinnerungen an früher verschwanden von einem Moment zum anderen. So ist das ja häufig bei Menschen mit beginnender Vergesslichkeit. Deshalb war sie hier, weil sie ein wenig Unterstützung und Fürsorge brauchte und man ein Auge auf sie haben musste. Innerhalb ihres Zimmers war sie sicher auf den Beinen, konnte vieles noch selbst machen. Trotzdem gab es Tage, an denen alles anders und fremd war und sie Hilfe brauchte und versorgt werden musste. 

Eine junge Helferin machte kurz das Licht an und stellte das Abendessen mit Schwung auf das kleine Tischen vor der Frau am Fenster. „Na Frau Brehm, sie träumen wohl wieder von früher“, sagte die nette junge Frau. „Jetzt müssen sie aber kurz aufwachen, sonst wird der Tee kalt und die Wurst auf dem Brot warm“, scherzte sie und rückte Frau Brehm den Sessel zurecht. Die Pflegerin wickelte das Besteck aus und reichte es der alten Frau. „Ich komme allein zurecht“, sagte Frau Brehm und begutachtete das Angebot auf dem Tablett. Sie wusste nicht so recht, ob ihr das schmecken würde, was sie da sah. Sie wusste auch nicht mehr, dass sie jederzeit einen Grießbrei oder Reisbrei haben könnte, wenn sie es verlangte. Deshalb sah sie etwas ratlos auf die ansprechend aussehende Auswahl vor ihren Augen.

„Dann lassen Sie es sich mal schmecken, Frau Brehm“, schallte es inzwischen aus der Richtung der Zimmertüre. So schnell konnte Frau Brehm gar nicht „danke“ sagen, wie die Helferin verschwunden war.

Das erleuchtete Bäumchen zog Frau Brehms Blicke erneut auf sich und auf einmal fing sie an, sich an einen Weihnachtstag in ihrem Leben zu erinnern, der mit einem sehr kleinen, gestohlenen Weihnachtsbaum zu tun hatte. Es war eine recht lustige Erinnerung, die sich leider so schnell wie sie gekommen war, wieder verflüchtigte.

Kurze Zeit später stand ein anderes, ein anstrengendes, aber doch auch schönes Weihnachtsfest vor ihrem inneren Auge. Es fing an mit einem riesigen Paket, das überraschend von den Cousinen ihres Mannes aus Bayern geschickt worden war, gleich im ersten Jahr ihrer Ehe, in dem sich ihre hausfraulichen Fähigkeiten erst zu entwickeln begannen. Das Geschenk war deshalb eine Überraschung, die eher einen Schrecken auslöste, als dass sie zur Weihnachtsfreude beitrug. Ein monstergleiches Ungeheuer von einem bereits gerupften, kalten, toten Truthahn war da sorgfältig eingepackt. Die Innereien in einem Behältnis daneben. Weder sie noch ihr Mann noch der Schwiegervater hatten je ein so großes Tier gesehen, geschweige denn ein solches selbst zubereitet.

Sie scheuchte nun die unangenehmen Gedanken weg, denn daran, nein daran wollte sie sich nicht mehr erinnern. Nicht an den Kampf mit dem Truthahn, den Backofen im schlecht funktionierenden Gasherd, die hinterher schmutzige, fettverschmierte Küche. Diese Anforderungen waren glücklicherweise Vergangenheit. Nun machten andere den Weihnachtsbraten für sie.

Dankbar und glücklich blickte Frau Brehm in diesem Moment zu dem zwar kitschigen, aber  heimelig leuchtenden Bäumchen auf dem Beistelltisch im Zimmer ihres jetzigen Lebens im Pflegeheim. Es sah so lieb, so traulich und weihnachtlich aus. Sie fiel vor Glück in einen kurzen Dämmerschlaf, aus dem sie eine halbe Stunde später die nette Pflegerin holte.

„Möchten Sie vielleicht doch lieber einen Grießbrei, Frau Brehm“, fragte sie mit einem herzlichen Lächeln und einem verständnisvollen Blick. 

Ja, Weihnachten im Pflegeheim, das ist eine besonders erinnerungsreiche Zeit. Man hatte hier viel Verständnis für die gedanklichen Abschweifungen der Bewohner, besonders an den Weihnachtstagen. Da konnte das warme Essen schon mal kalt oder die kalte Platte warm werden. 

© E.Z. 2020

Foto: Privat-Archiv

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft

Vor zehn Jahren besuchte mich eine Freundin aus Sachsen. Sie kam mit der Bahn und konnte deshalb keine Blumen mitbringen zur Begrüßung, sagte sie mit Bedauern. Daraufhin holte sie aus ihrem Koffer eine Plastiktüte mit zwei unscheinbaren Pflanzenstecklingen und überreichte sie mir stattdessen. Diese Stecklinge pflanzte ich sofort in meine Blumentrog auf dem Balkon und vergaß sie im Laufe der Zeit. Die Freundin hatte mir noch gesagt, dass man die Pflanze „Champignonkraut“ nennt, wegen des Duftes nach Waldboden und Champignons.

Im Laufe der Zeit wurde aus den beiden Stecklingen eine rankende, unermüdlich wachsende Pflanze, die immer um die Mittagszeit kleine, magentafarbene Blütensternchen öffnete, die sich je nach Stand der Sonne bald auch wieder schlossen. Daran erkannte ich, dass es sich um eine Mittagsblume handeln musste. Ich brachte diese offensichtlich mediterrane Pflanze auch durch den Winter, indem ich sie mit Tannenzweigen abdeckte.

In diesem Frühjahr, als über die Welt und auch mich die große „Betrübnis“ in Gestalt der Corona-Pandemie hereingebrochen war, erfuhr ich durch einen Handwerker, der auf dem Balkon eine elektrische Leitung legte, dass es sich um eine essbare Pflanze handele. Endlich machte ich mir die Mühe, im Internet zu recherchieren und fand zu meinem Erstaunen heraus, dass man in Italien und anderen südlichen Ländern dieses „Eiskraut“ schon immer gerne zu Fischgerichten, im Salat und als Spinat-Ersatz isst. Als ich dann eines der Blättchen versuchte, war ich überrascht von dem knackigen, salzig-säuerlichen Geschmackserlebnis. Es schmeckte mir sehr gut, da ich salzig-säuerlich lieber mag als süßliche Lebensmittel.

Nun suchte ich natürlich weiter im Internet und erfuhr durch Wikipedia sehr viel und sehr Erfreuliches über diese seit einem Jahrzehnt bei mir auf dem Balkon gedeihende Pflanze, die mir bisher eher durch ihre Unscheinbarkeit und die kleinen roten Blüten aufgefallen war.

Bei näherer Betrachtung fand ich die fleischigen herzförmigen Blättchen und die kleine Blüten-Rosette sehr schön, den Geschmack aller Pflanzenteile sehr ansprechend und ich esse nun schon seit März jeden Tag davon in irgendeiner Form.  Einige der Blätter mische ich entweder unter Blattsalat,  Tomatensalat oder ich esse sie auf Butterbrot oder als Beigabe zu Rührei.

Wie ich inzwischen weiß, kommt der salzige Geschmack von den vielen Mineralsalzen, die in der Pflanze enthalten sind. Vitamine sind auch vorhanden, was man schon an der intensiv grünen Farbe erkennen kann.

So erinnert mich das Eiskraut (botanisch:  mesembryanthemum crystallinum)

jeden Tag an dieses Freundschaftsgeschenk von dauerndem Wert. Die Freundin , die mir die Stecklinge brachte, hat selbst inzwischen gar keinen Garten mehr, da sie in ein Pflegeheim umziehen musste. Sie kann sicher sein, dass ich auch jetzt, nach zehn Jahren, noch täglich mit Dankbarkeit an sie denke, spätestens dann, wenn ich mir am Abend einige der knackigen Blättchen auf mein Butterbrot oder Käsebrot lege.

E.Z. © 2020

P.S.: Über das Eiskraut, was Daten und Fakten betrifft, werde ich in meinem Blog in der Rubrik „Rezepte“ in Kürze berichten.

Quitte im Schneewittchen-Modus

Obwohl ich nun schon seit fast zehn Jahren keinen Quittenbaum mehr habe, ist für mich im Oktober immer noch Quittenzeit, wenigstens in Gedanken. Ich erinnere mich an die körperlich anstrengende Zeit, in der ich die Birnen-Quitten aus unserem Garten verarbeiten musste, was für die Handgelenke und den Rücken nicht besonders gut war. Quitten sind sehr hart, sie müssen vor dem Kochen erst  mit einem Baumwolltuch von dem Flaum befreit werden, der auf der glatten, wie mit Wachs überzogenen Schale sitzt. Dann glänzt die Quitte wie poliert. Nun wird Sie entweder geschält, was auch nicht so leicht ist, denn die Schale ist fest mit dem Fruchtfleisch verbunden. Ich habe sie nicht geschält, sondern mit dem größten und schärfsten Messen unter Mühe nur halbiert und in Achtel geteilt, dann mit Wasser aufgegossen, bis die Masse im Topf bedeckt war und dann gekocht. Der Saft wurde dann abgegossen und zu Gelee verarbeitet, der Trester zu verschiedenen anderen Köstlichkeiten. Aber darüber wollte ich heute nicht schreiben, sondern darüber, wie sehr ich den Duft der Quitten liebe. Ich koche mir keine Marmelade oder Gelee mehr, da sich der Arbeitsaufwand für eine Person nicht lohnt und außerdem die Arthrose in meinen Handgelenken mir das übel nehmen würde. Vor einigen Jahren habe ich aber eine Methode entdeckt, wie ich mir den Duft der Quitte über Monate erhalten kann, wenigstens um daran zu schnuppern und mich an die reichliche Quittenernte von früher zu erinnern.

Ich habe mir eine sehr frische, handtellergroße Birnenquitte gekauft und diese in einen Glasbehälter mit lose aufliegendem Deckel gelegt, einfach deshalb, weil diese Behälter da war und gerade von der Größer her passte.

Nun konnte ich die Quitte von Oktober 1916 bis zum nächsten September 1917 beobachten, wie sie sich in dem fast luftdichten Gefäß entwickelte. Ich konnte es kaum glauben, dass sie nicht matschig wurde oder im Ganzen faulte oder viele faule Stellen bekam. Sie wurde nur von Monat zu Monat etwas kleiner, gegen Ende August dann etwas schrumpelig, aber verglichen mit einem Apfel nur wenig. Auf einer Seite entstand ein brauner Fleck, der aber im Innern nach dem Aufschneiden gar nicht so groß war, wie ich befürchtet hatte . Insgesamt gesehen war das Fruchtfleisch noch immer saftig uns essbar.

Immer, wenn ich den Deckel abnahm, duftete die Quitte zu meiner Überraschung fast ein Jahr lang ganz intensiv und unverändert . Das gefiel mir und ich werde mir in den nächsten Tagen wieder eine Quitte kaufen und sie wie Schneewittchen in ihrem Glassarg ruhen lassen, zu meiner Augenweide und um meinen Geruchssinn zu erfreuen.

Hier ein paar Fotos von dem Fortgang des Quitten-Experimentes (leider habe ich kein Foto von der frisch in den Glasbehälter gelegten Quitte im Oktober 1916):

Inneres d. Quitte nach 11 Monaten
Quitte im Glas nach 11 Monaten

Quitte nach 11 Monaten im Glas mit Deckel

Fotos: E.Z., Privat

Rachel Carson: Der stumme Frühling

Kirschblüten.002Der Klimawandel, der ja in allen Medien ein großes Thema geworden ist, istder Anlass, uns während des monatlichen Lesekreis-Treffens mit dem bereits 1962 in Amerika erschienenen Buch der Biologin Rachel Carson zu befassen.

Rachel Carson (1907-1964) war die erste Autorin, die sich schon früh mit dem Einfluss befasste, den chemische Pflanzenschutzmitteln auf Pflanzen, Tiere und Menschen haben. Ein Brief der Journalistin O.O. Huckins, in dem sie über die verheerenden Auswirkungen von Pestizid-Sprühflügen über einem Vogelschutzgebiet berichtete, gab den Anstoß für Rachel Carson, sich intensiv mit diesem Thema zu befassen und (nach einigen anderen Büchern) dieses Buch zu schreiben. Rachel Carson schrieb „Silent Spring“ als frühe Warnung für Landwirte und alle verantwortungsbewussten Mitmenschen, auf die Folgen für die Umwelt und das Weltklima zu achten in allem, was sie tun. Sie widmete ihr Buch dem Friedensnobelpreisträger Albert Schweizer, der zuvor vor den Folgen der Nuklearwaffen gewarnt hatte. Das Buch sensibilisierte viele Menschen für Umweltthemen und wurde zu einem der meistgelesenen und einflussreichsten Bücher der weltweiten Umweltbewegung, geriet aber zeitweise auch etwas in Vergessenheit. Die spürbare Erderwärmung in den letzten Jahren hat dem Buch : Der stumme Frühling“ (in Deutschland veröffentlicht 1968) wieder mehr zu der ihm gebührenden Beachtung verholfen.

Rachel Carson’s Buch löste in den USA heftige politische Reaktionen aus und führte zum späteren DDT-Verbot. Posthum wurde die Schriftstellerin und Biologin 1980 mit der Presidential Medal of Freedom, der höchsten zivilen Ehrung der USA, ausgezeichnet.

Zum Inhalt des Buches:

Es beschreibt im Eingangskapitel eine fiktive Kleinstadt, deren vormals reiche Tier- und Pflanzenwelt nach dem Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln nach und nach zu Grunde geht. Auch viele Menschen erkranken auf unerklärliche Weise. Diese Erzählung, die sich sehr gut in das Sachbuch über biologische Zusammenhänge einfügt, trägt auf angenehme Weise zum Verständnis bei. 

In den folgenden Kapiteln widmet sich die Autorin den damals kaum genügend eingeschätzten Auswirkungen von Insektiziden. 

Im dritten Kapitel beschreibt sie die Wirkung und Inhaltsstoffe der damals beliebten  Herbizide DDT, Chlordan, Dieldrin, Endrin, Aldrin und Heptachlor.

Die folgenden Kapitel folgen dem Weg der Schadstoffe, die über die verschiedenen Stufen der Nahrungskette am Ende auch den Menschen erreichen.

Sehr anschaulich erklärt Rachel Carson, wie über das Bienensterben, das die Bestäubung der Obstbäume immer weniger möglich macht, das Aussterben der Arten in Gang kommt. Wie über den mit Pestizid-Rückständen angereicherten Regenwurm, den die Vögel als Nahrung bevorzugen, viele Vogelarten zu Grunde gehen. Es wird deutlich, wie in der Natur alles mit allem zusammenhängt.

Das Buch enthält viele Fakten, ist jedoch durch Erlebnis- und Erfahrungsberichte einzelner Menschen aufgelockert, so dass es auch für Laien sehr gut lesbar ist.

Nach dem Lesen dieses Buches versteht jeder, dass ein direkter Zusammenhang besteht zwischen Wiesen, auf denen keine Wiesenblumen mehr blühen und den Bienen, die auf den Nektar der Blüten angewiesen sind. Wenn die Bienen keine ausreichende Nahrung mehr finden, dann wird die Menge der Bienenvölker, die für die Bestäubung unserer Obstbäume sorgen, immer geringer.

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Blüte des Muskateller-Salbei, besonders gerne von Hummeln besucht

 

Und der Ertrag der Bäume wird ebenfalls weniger. So hängt eines mit dem anderen zusammen. Die Landschaft würde sehr gewinnen, wenn durch weniger Spritzmittel wieder blühende Wiesen unsere Augen und Sinne erfreuen und für ein natürliches Gleichgewicht in der Natur sorgen würden. 

Das Buch „Der stumme Frühling“ kann zum Verständnis dieser  Zusammenhänge  beitragen und aufzeigen, dass wir schon viel zu lange unsere Augen vor diesen Tatsachen verschlossen haben.  

 

E.Z. ©2019  , Fotos: E.Z., Privat

Heuschrecken kaufen im Supermarkt?

 

Es gibt momentan hier bei uns und auch weltweit große und schwerwiegende Probleme. Man sollte sich ihnen widmen und alles Notwendige tun, um Veränderungen zu erreichen. Zum Beispiel was die Einsparung von Plastiktüten betrifft oder den vernünftigen, sparsamen  Umgang mit Energie und Wasser. Die Landwirte sollten mit Pflanzenschutzmitteln und Düngemitteln verantwortungsvoll umgehen, damit nicht das eintritt, was schon 1963 Rachel Carson in ihrem berühmten Buch: „Der stumme Frühling“ befürchtet hat. Sie hat leider in vielen Punkten Recht behalten.

Muss ich mir nicht Gedanken machen, wenn ich jetzt in meinem Supermarkt (E….), der ein vielseitiges Sortiment an Obst und Gemüse und auch sonst alle Dinge des Alltags hat, folgendes Angebot entdecke:

Heuschrecken von Edeka

Grillen, von Edeka

 

Es gibt hier in unseren Breiten in den Supermärkten regionale und internationale Lebensmittel in reicher Auswahl, ist es da notwendig, dass wir nun auch noch Insekten auf unserem Speisezettel haben? Wir haben Fleisch und Käse in so großer Vielfalt zur Verfügung, dass wir nicht über einen Mangel an tierischem Eiweiß klagen können. Für exotische Genüsse wie Insekten und Würmer gibt es inzwischen kleine Spezialgeschäfte.

Obwohl ich es einerseits witzig, andererseits auch ein bisschen seltsam fand, dass ein ganz gewöhnlicher Supermarkt seinen Käufern inzwischen diese angeblichen Leckereien zum Kauf zur Verfügung stellt, habe ich doch Zweifel, dass das die Welt und die Menschen ein bisschen weiter bringen wird. Angenommen, wir hätten dieses große Fleischangebot nicht, dann bliebe uns nichts anderes übrig, als nach ungewöhnlichen Eiweißangeboten Ausschau zu halten. Wie das z.B. in manchen Ländern in Asien der Fall ist. Aber noch haben wir ein Überangebot, mit allen daraus entstehenden Folgen.

Das ungewöhnliche Angebot einer exotischen Delikatesse hat mich sehr irritiert und verunsichert. Sollen wir uns als Käufer nun freuen, dass wir die im Sommer so bewunderten Heuschrecken mit den glitzernden, grünen, zarten Flügeln nun gefriergetrocknet essen können, falls wir Lust dazu haben? Bei den angebotenen Mehlwürmern würde mich das noch mehr in Konflikte bringen, nicht wegen ihrer Schönheit, sondern weil ich mich vor ihnen ekle.

Also wie gesagt, im Notfall, falls bei uns eine Hungersnot ausbrechen sollte, werde ich darüber nachdenken. Im Moment finde ich dieses Angebot überflüssig. So überflüssig wie Wachteleier.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist grille-auf-terr.-tisch-mg_1763.jpg

Wollen wir dieses schöne Tierchen wirklich essen?

 

Norella 6.10.2019 ©  Fotos: E.Z., privat

Das erwähnte Buch von Rachel Carson heißt im Original: Silent Spring

 

Pfingsten, das fröhliche Fest …., trotz Corona-Pandemie?

 

Dieses Jahr findet das Pfingstfest ja leider unter eingeschränkten Bedingungen statt, die von Ort zu Ort verschieden sind. Manche dürfen und können sich unbefangen in der Natur aufhalten, andere sollen sicherheitshalber zu Hause bleiben, um sich nicht dem Corona-Virus auszusetzen. Aber überwiegend scheinen sich die Lockdown-Maßnahmen gelockert zu haben und so kann man sich doch an der Natur erfreuen und an den Gedanken, die sich Dichter und Reimer zu diesem Fest gemacht haben.

Fast jeder kennt den Anfang  von „Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe:

„Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen;
es grünten und blühten Feld und Wald;
auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;
jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen.
Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.“

Die restlichen elf Gesänge über das Fest, zu dem Nobel, der König der Tiere, eingeladen hatte, weiß selten jemand auswändig. Das macht auch nichts, denn alle Tiere in Goethes Text werden sich nach und nach über Reineke Fuchs beklagen, der ihnen in irgend einer Weise Leid angetan hat. Also lassen wir es zu Pfingsten bei den ersten Zeilen, die so ermunternd klingen und schönes Wetter, frohe Laune, liebliche Natur und Tierwelt versprechen.

Mich freut es immer besonders, dass es nun auch wieder Pfingstrosen in vielen Farben und Variationen gibt. Das ist doch ein kleiner Trost für das trübe und regnerische Wetter, das uns dieses Jahr etwas bei den Feiertagsunternehmungen beeinträchtigt.

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Sie machen immer wieder Freude auf dem Wochenmarkt, besonders dieses Jahr, denn in den Gärten sind sie leider noch nicht so richtig gediehen. Ich werde mir gleich einen großen Strauß besorgen, denn Pfingsten ohne Paeonien, das ist für mich undenkbar.

Die Kinder freuen sich über die Pfingstferien, egal ob es regnet oder ob die Sonne scheint. Da passt das Gedicht von Gustav Falke sehr gut dazu:

Pfingsten, das heißt: das Neuste vom Schneider,
Helle Hosen und weiße Kleider,
Neue Sonnenschirme und neue Hüte
Mit Bändern und Blumen, jeder Güte.
Pfingsten, das heißt: sich drängen und stoßen,
Und quetschen und schieben, die Kleinen und Großen,
Besetzte Bahnen, Tramways und Breaks,
Heißt: Schinken und Spargel und Rührei und Steaks,
Maibowle, Bier, frohe Gesichter
Und ab und zu ein lyrischer Dichter.
Pfingsten heißt auch: Fiedel und Flöte,
Ein Zitat aus Reineke Fuchs von Goethe,
Heißt Tanz und Predigt, heißt Kirche und Schenke.
Was heißt Pfingsten nicht alles, wenn ich’s bedenke.
Eins noch vor allem, vom ganzen Feste
Ist das das Schönste, ist das Beste:
Das junge lachende Maienlaub,
Hell wimpelnd über Lärm und Staub,
Des Lebens grüne Standarte. Hurra!
Freue dich, Mensch! Pfingsten ist da!

(Aus der Sammlung „Frohe Fracht“ von Gustav Falke, (1853-1916)

Ich wünsche den Lesern meines Blogs ein frohes Pfingstfest. Bleiben Sie gesund und froh.

 

Foto: E.Z., Privat

Muttertag oder: Bettelblumen und Vergissmeinnicht-Teller

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Der Muttertag ist auch für die Großmütter von heute ein Tag, der Erinnerungen an die eigene Kindheit hervorruft. Gestern habe ich doch spontan eine bestimmte Tischdecke aufgelegt, die ich von meiner Mutter geerbt und lange als kitschig empfunden habe. Nun bin ich Siebzig und kann mir Kitsch erlauben, vor allem, wenn er mit einer Erinnerung an meine Kindheit verbunden ist.

Muttertagsrituale in meiner Kindheit

Als Kind schenkten meine Geschwister und ich unserer Mutter immer einen Muttertags-Frühstücksteller. Wir waren Flüchtlinge (1945) und hatten weder Haus noch Garten. Deshalb erbaten wir uns bei Nachbarn mit Blumengarten eine Hand voll Vergissmeinnicht. Diese legten wir auf einen mit Wasser gefüllten Suppenteller, immer die Stiele in der Mitte, die Blüten nach außen zum Rand hin ausgerichtet. Darauf stellten wir dann einen Frühstücksteller mit Tasse und Untertasse. Die Untertasse und die Tasse wurden mit Wasser gefüllt,  das Ganze dann aufs Fensterbrett, etwa ein bis zwei Tage vor dem eigentlichen Muttertag. Es ist wichtig, dass Tageslicht oder Sonne auf die Blumen fällt, denn sie neigen ihre Köpfe der Sonne zu, was dann erst den von uns gewünschten Effekt erzeugte. Bis zum Muttertag hatten sich dann die Vergissmeinnichtstengel mit den Blüten am Tellerrand aufgerichtet und standen senkrecht wie eine Blumen-Mauer um die Tasse, den Frühstücksteller und den Suppenteller mit dem Wasser. Dieses Gedeck stellten wir dann am Ehrentag auf Mutters Frühstücksplatz, nie ohne den obligatorischen Fliederstrauß mit roten Tulpen. Alle diese Blumen hatten wir bei Nachbarn „erbettelt“. Es gab viele Gärten. Die Straße, in der wir wohnten war lang. So hatten wir immer eine große Ausbeute und waren sehr, sehr stolz auf unseren Erfolg. Meine Mutter hatte auch eine Tischdecke mit Fliedermuster, die sie ihre „Muttertagstischdecke“ nannte, denn wir Kinder wählten immer zielsicher diese Decke für den Frühstückstisch am Muttertag.

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Blumenmotiv auf der Muttertagstischdecke bei uns zu Hause, als ich klein war

Dieser Tag war meist schöner als die Geburtstage oder andere Festtage. Als wir älter waren, buken wir für Mutter einen Kuchen und schenkten ihr Schmuck oder einen schönen Schal aus leichtem Sommermaterial. Aber die Wirkung war nie so groß wie damals, als wir uns die Mühe mit den Bettel-Blumen gemacht hatten und das Vergissmeinnicht-Gedeck vorbereiteten.

Passende Geschenke, heute kein Problem

Heutzutage ist es leicht, passende Geschenke zu finden oder schöne Blumengebinde zu kaufen. Das größte Geschenk für alle Mütter ist Zeit. Ein Besuch mit großem Zeitbudget und ohne Hektik – das ist das beste Präsent für alle Beteiligten. Denn auch den Kindern tut ein ruhiges Gespräch am Kaffeetisch gut, denn wann sonst nimmt man im Laufe des Jahres sich die Zeit dazu

(Fotos: Privat) Bearbeitet 11. Mai 2019

Zum Valentinstag eine Prise Ringelnatz

Ich habe dich so lieb

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem OfenEin Blumenstrauß erfreut immer
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt, Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache. Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

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Und hier noch ein Gedicht von Percy Bysshe Shelley, das ebenfalls als Valentins-Gruß geeignet ist:


Love‘s Philosophy , von P.B. Shelley


The fountains mingle with the riverEin Blumenstrauß erfreut immer

And the rivers with the ocean,

The winds of Heaven mix forever

With sweet emotion;

Nothing in the world is single;

All things by a law divin

In one spirit meet and mingle.

Why not I with thine?

See the mountains kiss high Heaven

And the waves clasp one another;

No sister-flower would be forgiven

If it disdained its brother.

And the sunlight clasps the earth

And the moonbeams kiss the sea;

What are all these kissings worth

If thou kiss not me?

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…ein Gedicht von Theodor Storm (1817-1888):

Damendienst

Die Schleppe will ich dir tragen,
ich will deinem Wink mich weih’n,
an Festen und hohen Tagen,
sollst Du meine Königin sein!

Deiner Launen geheimste und Künste
gehorsam erfüll ich Dir,
doch leid‘ ich in diesem Dienste
keinen andern neben mir.

Solange ich Dir diene in Ehren,
gehöret Dein Lächeln mein.
Deinen Hofstaat will ich vermehren,
doch der Erste will ich sein!

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Ach ja, das waren noch Zeiten, als die Jünglinge noch dienen wollten. Und ebenso lange ist es her, dass die Mädchen solche Angebote zu schätzen wussten ;-). Oder täusche ich mich?

Und hier noch ein englisches Verslein für die Kleinen, die ihrer Mama eine Freude machen wollen.

Roses are red
violetts are blue

honey is sweetBILD0044
and so are you.

 

 

(Den Verfasser kenne ich nicht, da ich das Gedicht in meiner Kindheit gelernt habe.)

Norella, bearb. Februar 2016

„Die Gedanken sind frei ….“, Volkslied, aktueller denn je

„Die Gedanken sind frei ….“, Volkslied, aktueller denn je

Seit Tagen habe ich einen „Ohrwurm“, der mir nicht aus dem Kopf geht. Es ist ein Volkslied, das ich vor langer, langer Zeit (ca. 1947) in der damaligen „Volksschule“ gelernt habe. Es hat einen schlichten und doch so tröstlichen Text, der auch heute noch Gültigkeit hat, wie ich bei näherem Hinhören festgestellt habe. Ich poste diesen Text, da es auch heute wie schon zu allen Zeiten, Menschen gibt, die zu Unrecht irgendwo festgehalten werden oder sich in der Öffentlichkeit nicht frei äußern dürfen. So lange es keine Chips in den Köpfen der Menschen gibt, die die Gedanken sichtbar machen, bleibt die Freiheit im Denken, im Kopf, im Inneren, an die kein Machthaber der Welt heran kann. Das finde ich tröstlich.

Hier also das Lied, das viele Bearbeitungen erfahren hat, von vielen modernen Interpreten gesungen, umgearbeitet, in Filmen und Zitaten verwendet wurde (habe ich bei Wikipedia gelesen). Es gibt auch einige viel ältere ältere Bearbeitungen des Textes. Ich habe den Text gewählt, der 1842 von Breitband & Härtel veröffentlicht wurde:

Die Gedanken sind frei, 
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen,
es bleibet dabei,
die Gedanken sind frei.

Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still, 
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren,
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.

Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei;
Die Gedanken sind frei.

Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
Die Gedanken sind frei.

(Aus „Schlesische Volkslieder“ v. Hoffmann von Fallersleben, 1842)

Quelle: Wikipedia u. Volksliederbuch

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