Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft

Vor zehn Jahren besuchte mich eine Freundin aus Sachsen. Sie kam mit der Bahn und konnte deshalb keine Blumen mitbringen zur Begrüßung, sagte sie mit Bedauern. Daraufhin holte sie aus ihrem Koffer eine Plastiktüte mit zwei unscheinbaren Pflanzenstecklingen und überreichte sie mir stattdessen. Diese Stecklinge pflanzte ich sofort in meine Blumentrog auf dem Balkon und vergaß sie im Laufe der Zeit. Die Freundin hatte mir noch gesagt, dass man die Pflanze „Champignonkraut“ nennt, wegen des Duftes nach Waldboden und Champignons.

Im Laufe der Zeit wurde aus den beiden Stecklingen eine rankende, unermüdlich wachsende Pflanze, die immer um die Mittagszeit kleine, magentafarbene Blütensternchen öffnete, die sich je nach Stand der Sonne bald auch wieder schlossen. Daran erkannte ich, dass es sich um eine Mittagsblume handeln musste. Ich brachte diese offensichtlich mediterrane Pflanze auch durch den Winter, indem ich sie mit Tannenzweigen abdeckte.

In diesem Frühjahr, als über die Welt und auch mich die große „Betrübnis“ in Gestalt der Corona-Pandemie hereingebrochen war, erfuhr ich durch einen Handwerker, der auf dem Balkon eine elektrische Leitung legte, dass es sich um eine essbare Pflanze handele. Endlich machte ich mir die Mühe, im Internet zu recherchieren und fand zu meinem Erstaunen heraus, dass man in Italien und anderen südlichen Ländern dieses „Eiskraut“ schon immer gerne zu Fischgerichten, im Salat und als Spinat-Ersatz isst. Als ich dann eines der Blättchen versuchte, war ich überrascht von dem knackigen, salzig-säuerlichen Geschmackserlebnis. Es schmeckte mir sehr gut, da ich salzig-säuerlich lieber mag als süßliche Lebensmittel.

Nun suchte ich natürlich weiter im Internet und erfuhr durch Wikipedia sehr viel und sehr Erfreuliches über diese seit einem Jahrzehnt bei mir auf dem Balkon gedeihende Pflanze, die mir bisher eher durch ihre Unscheinbarkeit und die kleinen roten Blüten aufgefallen war.

Bei näherer Betrachtung fand ich die fleischigen herzförmigen Blättchen und die kleine Blüten-Rosette sehr schön, den Geschmack aller Pflanzenteile sehr ansprechend und ich esse nun schon seit März jeden Tag davon in irgendeiner Form.  Einige der Blätter mische ich entweder unter Blattsalat,  Tomatensalat oder ich esse sie auf Butterbrot oder als Beigabe zu Rührei.

Wie ich inzwischen weiß, kommt der salzige Geschmack von den vielen Mineralsalzen, die in der Pflanze enthalten sind. Vitamine sind auch vorhanden, was man schon an der intensiv grünen Farbe erkennen kann.

So erinnert mich das Eiskraut (botanisch:  mesembryanthemum crystallinum)

jeden Tag an dieses Freundschaftsgeschenk von dauerndem Wert. Die Freundin , die mir die Stecklinge brachte, hat selbst inzwischen gar keinen Garten mehr, da sie in ein Pflegeheim umziehen musste. Sie kann sicher sein, dass ich auch jetzt, nach zehn Jahren, noch täglich mit Dankbarkeit an sie denke, spätestens dann, wenn ich mir am Abend einige der knackigen Blättchen auf mein Butterbrot oder Käsebrot lege.

E.Z. © 2020

P.S.: Über das Eiskraut, was Daten und Fakten betrifft, werde ich in meinem Blog in der Rubrik „Rezepte“ in Kürze berichten.