Weihnachtliche Tagträume im Haus Abendschein

Das kleine Weihnachtsbäumchen mit den Kunstfaser-Tannennadeln und den elektrischen Kerzen war ganz entzückend geschmückt mit roten Schleifchen, roten Mini-Glaskugeln und goldenen Sternchen.

Es stand in einem roten Übertopf, in dem die elektrischen Kabelanschlüsse verborgen waren. In der Dämmerung gingen die kleinen Lichter von selbst an, denn auch an einen Dämmerungsschalter hatten die Hersteller gedacht.

Gedankenverloren saß die alte Dame in ihrem Sessel am Fenster, von dem aus sie einen Blick auf den Fluss hatte. Jogger rannten trotz der Kälte am Morgen und am Abend am Ufer entlang. Nachmittags kamen die jungen Mütter mit ihren wohlvermummten Babies im Kinderwagen.

Wie schön, dass man heutzutage für alle Wetterlagen das richtige Schuhwerk und die richtige Bekleidung hatte. Ein Frösteln überzog den Körper der alten Frau, denn es schlichen sich Erinnerungen in Ihr Gedächtnis und Gemüt, die mit Zeiten zu tun hatten, in denen Frieren und Hungern der Normalzustand waren. Nur nicht mehr daran denken, befahl sie sich, das ist alles vorbei. 

Ich habe es ja so schön hier. Sie gestand sich ein, dass sie es noch nie so gemütlich und bequem hatte, ja dass sie noch nie so gut versorgt war wie hier. Alle meinten es gut mit ihr, sorgten vor allem für ihr leibliches Wohl. Aber es war doch nicht so, wie es hätte sein können, wenn Ihr Mann noch lebte. Wenn sie beide beide gesund geblieben wären, hätten sie in ihrem schönen Einfamilienhaus in einem ruhigen, grünen Vorort der Stadt hätten bleiben können, möglichst bis an ihr Lebensende. In ihren Vorstellungen ging sie natürlich davon aus, dass sie beide bei guter Gesundheit trotz ihres Alters Weihnachten selbst gestaltet und miteinander gefeiert hätten. Dass es in der Realität möglicherweise anders hätte sein können, das konnte sie ja jetzt in ihrem gemütlichen Sessel tagträumend einfach ausklammern. Deshalb feierte sie in Gedanken eine Weile Weihnachten wie früher, mit perfekt  gebratener Weihnachtsgans im Ofen, einem raumhohen Weihnachtsbaum mit sehr vielen riesigen Glas und Goldkugeln, mit Lametta, Glasbläsereien aus dem Erzgebirge. Vor allem hatte sie die Glas-Vögelchen, aus deren Schwanz ein kleiner weißer Busch Schwanenfedern ragte, so geliebt. Unmengen von selbst gebackenem Weihnachtsgebäck in schönen Kristallschalen standen damals auf dem Tisch und unter dem Baum.. 

Dass sie selbst früher an Weihnachten am Ende ihrer Kräfte gewesen war, weil sie allein all diesen Zauber veranstaltet, sich mit der riesigen, toten, glitschigen Weihnachtsgans abgemüht und wochenlang all die guten Naschereien gebacken hatte, das klammerte sie nun einfach aus.

Ihr alt gewordenes Gedächtnis unterstützte sie in der Absicht, ungute Ereignisse einfach zu unterschlagen. Deshalb konnte sie (wie die anderen Mitbewohner des Pflegeheimes) guten Gewissens behaupten, dass früher alles viel schöner und besser gewesen war.

Inzwischen war es so dunkel geworden, dass das schlaue kleine Kunstbäumchen automatisch seine Kerzen im kleinen, wohnlich eingerichteten Zimmer leuchten und die Kugeln glitzern ließ. Es wirkte sanft und ein wenig erheiternd auf die Stimmung der alten Dame und die Erinnerungen an früher verschwanden von einem Moment zum anderen. So ist das ja häufig bei Menschen mit beginnender Vergesslichkeit. Deshalb war sie hier, weil sie ein wenig Unterstützung und Fürsorge brauchte und man ein Auge auf sie haben musste. Innerhalb ihres Zimmers war sie sicher auf den Beinen, konnte vieles noch selbst machen. Trotzdem gab es Tage, an denen alles anders und fremd war und sie Hilfe brauchte und versorgt werden musste. 

Eine junge Helferin machte kurz das Licht an und stellte das Abendessen mit Schwung auf das kleine Tischen vor der Frau am Fenster. „Na Frau Brehm, sie träumen wohl wieder von früher“, sagte die nette junge Frau. „Jetzt müssen sie aber kurz aufwachen, sonst wird der Tee kalt und die Wurst auf dem Brot warm“, scherzte sie und rückte Frau Brehm den Sessel zurecht. Die Pflegerin wickelte das Besteck aus und reichte es der alten Frau. „Ich komme allein zurecht“, sagte Frau Brehm und begutachtete das Angebot auf dem Tablett. Sie wusste nicht so recht, ob ihr das schmecken würde, was sie da sah. Sie wusste auch nicht mehr, dass sie jederzeit einen Grießbrei oder Reisbrei haben könnte, wenn sie es verlangte. Deshalb sah sie etwas ratlos auf die ansprechend aussehende Auswahl vor ihren Augen.

„Dann lassen Sie es sich mal schmecken, Frau Brehm“, schallte es inzwischen aus der Richtung der Zimmertüre. So schnell konnte Frau Brehm gar nicht „danke“ sagen, wie die Helferin verschwunden war.

Das erleuchtete Bäumchen zog Frau Brehms Blicke erneut auf sich und auf einmal fing sie an, sich an einen Weihnachtstag in ihrem Leben zu erinnern, der mit einem sehr kleinen, gestohlenen Weihnachtsbaum zu tun hatte. Es war eine recht lustige Erinnerung, die sich leider so schnell wie sie gekommen war, wieder verflüchtigte.

Kurze Zeit später stand ein anderes, ein anstrengendes, aber doch auch schönes Weihnachtsfest vor ihrem inneren Auge. Es fing an mit einem riesigen Paket, das überraschend von den Cousinen ihres Mannes aus Bayern geschickt worden war, gleich im ersten Jahr ihrer Ehe, in dem sich ihre hausfraulichen Fähigkeiten erst zu entwickeln begannen. Das Geschenk war deshalb eine Überraschung, die eher einen Schrecken auslöste, als dass sie zur Weihnachtsfreude beitrug. Ein monstergleiches Ungeheuer von einem bereits gerupften, kalten, toten Truthahn war da sorgfältig eingepackt. Die Innereien in einem Behältnis daneben. Weder sie noch ihr Mann noch der Schwiegervater hatten je ein so großes Tier gesehen, geschweige denn ein solches selbst zubereitet.

Sie scheuchte nun die unangenehmen Gedanken weg, denn daran, nein daran wollte sie sich nicht mehr erinnern. Nicht an den Kampf mit dem Truthahn, den Backofen im schlecht funktionierenden Gasherd, die hinterher schmutzige, fettverschmierte Küche. Diese Anforderungen waren glücklicherweise Vergangenheit. Nun machten andere den Weihnachtsbraten für sie.

Dankbar und glücklich blickte Frau Brehm in diesem Moment zu dem zwar kitschigen, aber  heimelig leuchtenden Bäumchen auf dem Beistelltisch im Zimmer ihres jetzigen Lebens im Pflegeheim. Es sah so lieb, so traulich und weihnachtlich aus. Sie fiel vor Glück in einen kurzen Dämmerschlaf, aus dem sie eine halbe Stunde später die nette Pflegerin holte.

„Möchten Sie vielleicht doch lieber einen Grießbrei, Frau Brehm“, fragte sie mit einem herzlichen Lächeln und einem verständnisvollen Blick. 

Ja, Weihnachten im Pflegeheim, das ist eine besonders erinnerungsreiche Zeit. Man hatte hier viel Verständnis für die gedanklichen Abschweifungen der Bewohner, besonders an den Weihnachtstagen. Da konnte das warme Essen schon mal kalt oder die kalte Platte warm werden. 

© E.Z. 2020

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